Bild: Imago; Montage: bento
Was die islamophobe Erregungskultur über unser Land verrät.

Es gab Zeiten, da waren die dramatischsten Themen während des Sommerlochs entflogene Papageien, die Wasserqualität von Badeseen oder auch mal ein einsamer Braunbär. Seit einigen Jahren wird das Sommerloch jedoch verlässlich mit einem ganz anderen Thema befüllt: dem Burkini.

Ein Burkini ist eigentlich nichts anderes als ein Neoprenanzug. Gläubige Muslima tragen ihn, um damit auch verhüllt schwimmen zu können. Islamophobe sehen darin den Untergang des Abendlandes, die rechtspopulistische AfD druckt gar Bikinifotos auf ihre Wahlplakate, um für das vermeintlich richtige Maß an Nacktheit zu werben.

Auch in diesem Sommer glüht die Burkini-Debatte wieder – mit Vorfällen von Baden-Württemberg bis Sachsen.

Im "Aquadrom" in Hockenheim soll eine junge Burkiniträgerin des Beckens verwiesen worden sein, weil von ihrem Reißverschluss eine "Verletzungsgefahr" ausgehe. So schildert sie es in einem wütenden Rant auf Instagram. "Eine blonde Lisa darf mit Bikini ins Wasser", aber sie nicht – obwohl sie nicht weniger deutsch sei. Einen ähnlichen Vorfall gab es schon im vergangenen Jahr im gleichen Bad.

Im sächsichen Reichenbach hingegen wurde ein Mädchen des Beckens verwiesen, weil es ein kurzärmeliges Badeshirt trug. Die Stadtverwaltung verweist gegenüber der "Bild" auf Schutz vor Keimen. Die AfD nutzt das Thema in Facebook-Posts zum Wutausbruch: Deutsche Mädchen dürften nicht im Shirt schwimmen, aber Muslima in Ganzkörperanzügen!

Tatsächlich hatte das Oberverwaltungsgericht Koblenz gerade Burkini-Verboten eine Absage erteilt. Die Teile sind also ausdrücklich erlaubt.

  • Das Problem: Der Streit um Verbot und Erlaubnis des Burkinis ist nicht neu. Wie auch der um Weihnachtsmärkte, Schokoosterhasen, geschächtetes Fleisch und Baby-Vornamen.

Es wirkt, als hätten Rechtspopulisten und Islamhasser ihren eigenen "Wutkalender" – je nach Saison gibt es  einen Aufreger, der zuverlässig hervorgekramt wird.

Diese Aufreger gelten dann als untrüglicher Beweis, dass in Deutschland eine Islamisierung stattfinde – und die Behörden und Firmen davor kuschen würden. Manche rechte Blogs bezeichnen das angebliche Phänomen gar "Creeping Sharia".

Wer sich mit Themen wie dem Islam oder Rechtspopulismus in Deutschland beschäftigt, den können diese Themen nicht mehr überraschen. Der inoffizielle islamophobe Wutkalender lässt sich grob in sieben Phasen unterteilen:

1 Das Wutjahr beginnt mit Ostern

Die Supermärkte stocken ihre Süßigkeiten auf, irgendwem fällt dann auf, dass der Schoko-Osterhase auf Kassenzetteln "Traditionshase" genannt wird. Der Vorwurf: Aus Rücksicht auf Muslime und ihre religiösen Gefühle würden die Supermärkte die Osterhasen umbenennen. Dem ist allerdings nicht so:

Anfang Mai bringt dann die Gesellschaft für deutsche Sprache ihre alljährliche Liste der beliebtesten Babyvornamen raus. 

Und auch wenn diese Listen immer von Marias, Sophias, Pauls und Maximilians angeführt werden – irgendwo taucht meist auch ein Mohammed und eine Leyla auf. (Süddeutsche) Und wo muslimische Namen sind, ist die Scharia als Gesetzesform nicht mehr weit!

3 Danach kommt eine Debatte zu Ramadan

Die kann verschiedene Schwerpunkte haben. Ist gerade Fußball-WM der Männer, geht es darum, ob und wie viel muslimische Profisportler fasten dürfen und ob die überhaupt deutsch genug sind, um für Schwarz-Rot-Gold zu spielen (hier gerne gepaart mit einer Nationalhymnendebatte). Sonst gibt es Geschichten darüber, wie sich Schulen gegenüber fastenden Kindern verhalten (SPIEGELWelt) – und auch damit ist unsere Gesellschaft dem Islamstaat natürlich einen Schritt näher gerückt.

4 Im Hochsommer folgt dann die Burkini-Debatte – mit all ihren Verwirrungen.

Bei der (argumentativen) Hitze wird sogar eine Geschichte, die nichts mit Burkinis zu tun hat, auf einmal zum politischen Aufreger: In München versuchte die Stadtverwaltung am Wochenende durchzusetzen, dass nicht zu viele Nackerte an der Isar rumliegen. Mehrere Frauen zogen daraufhin solidarisch die Bikinis aus, (Süddeutsche) Rechtspopulisten fürchten seither den staatlichen Verhüllungszwang". 

5 Im Herbst, je nach islamischem Kalender, folgt das für Muslime wichtige Opferfest.

Dabei wird rituell ein Tier geschlachtet und das Fleisch an Arme verteilt, die Tradition ähnelt dem jüdischen Pessach oder dem christlichen Opfern eines Osterlamms. In Debatten geht es aber meist nur darum, ob das Schächten von Tieren erlaubt werden darf.

Zu Weihnachten nimmt die Debatte dann die absurdesten Züge an.

Wenn irgendwo ein Weihnachtsmarkt "Lichterfest" heißt oder der Dresdner Striezelmarkt auf Arabisch beworben wird, laufen die Kommentarspalten im Netz heiß. Verleugnung der Tradition, Abschaffung des christlichen Festes – so die Vorwürfe. Ob ein Weihnachtsmarkt wirklich eine christliche Tradition ist und ob Muslime sich durch seine Benennung wirklich diskriminiert fühlen? Geschenkt.

Unregelmäßiger Platzhalter: Die Halal-Debatte.

Toblerone zeichnet seine Schokolade als "halal" aus, Maggi seine Würzsauce? Selbst wenn die Rezepturen schon immer (zufällig) den islamischen Reinheitsgeboten entsprachen und die Unternehmen das Label nur hinzufügen, um ihre Produkte auch in anderen Weltregionen besser vermarkten zu können – Islamhasser sehen den winzigen Schriftzug auf der Verpackung regelmäßig als Kniefall vorm Islam.

Was sagt das nun aus?

Würde das immergleiche Gezeter nicht eine Minderheit ausgrenzen, es könnte fast lustig sein. Eine deutsche Tradition. Meckern und sich dadurch zugehörig fühlen. 

Aber es ist leider nicht lustig. Weil mit genau solchen "Debatten" Wut auf "die Anderen" entfacht wird, weil sie Angst und Vorurteile schüren und Leuten das Gefühl gegeben wird, sie müssten etwas von ihrer Identität abgeben, nur weil andere mit einer anderen (Teil)-Identität ihre Nachbarn sind. 

Wenn Kleinigkeiten wie die Frage, welche Stoffmengen eine Frau beim Schwimmen um sich hüllt und ob ein Rezept zufällig auch "halal" ist, die Kraft haben, jedes Jahr wieder eine Diskussion loszutreten, dann zeigt sich vor allem eines: Dinge, die eigentlich keinen Einfluss auf das Leben eines einzelnen haben, werden trotzdem als Bedrohung empfunden. 

Die "deutsche Identität", die Demokratie und unsere Gesellschaft scheinen in den Köpfen vieler ein derart fragiles Konstrukt zu sein, dass selbst die kleinste Abweichungen von der absoluten Norm all das in Gefahr bringen können. 

Und das ist es, was die Debatte bedrohlich macht: Nicht die "Islamisierung". Sondern dass es Menschen gibt, die so wenig Vertrauen in die demokratischen Strukturen haben, dass sie sich von Schokohasen bedroht fühlen. 

Diese Menschen glauben nicht daran, dass eine Gesellschaft mit verschiedenen Einflüssen, Kulturen, Religionen und Glaubenssätzen stärker sein kann, als willkürlich definierte Homogenität. 

Dabei merkt jeder, der den Wutkalender mal beiseite legt, vielleicht: Dieses Land und seine Einwohner, inklusive Burkiniträgerin und Osterhasenfreund, müssten sich nicht von Kleinigkeiten aus der Fassung bringen lassen. Wir haben genug andere Probleme, die wir alle gemeinsam angehen können.


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