Bild: dpa / Wolfram Kastl
Es ist kompliziert.

Seit Tagen (Wochen, gefühlt Monaten) diskutieren wir in Deutschland über ein Verbot der Vollverschleierung. Und meine Gefühle dazu sind extrem ambivalent: Ich bin gegen den Schleier, aber auch gegen sein Verbot.

Am Anfang von der Politik noch lapidar als "Burkaverbot" bezeichnet, haben wir inzwischen gelernt, dass man die Burka in Deutschland gar nicht trägt, sondern höchstens den Niqab. (bento I) Der Unterschied ist, dass man bei der zweiten Variante noch die Augen der ansonsten komplett verschleierten Frau sehen kann.

Der Rest ist Semantik. Denn am Ende steckt immer noch ein menschliches Wesen hinter dem Stück Stoff. Ein Mensch, den ich nicht einschätzen kann, weil ich die wichtigsten Marker wie Gestik, Mimik und Individualität nicht sehen kann. Warum uns das Angst machen kann, hat uns eine Sozialpsychologin erklärt. (bento II) Aber egal – das ist erst einmal etwas, was ich aushalten muss.

Denn wenn sich jemand dazu entscheidet, meiner Meinung nach unangemessene Kleidung zu tragen, ist das in unserer freien Gesellschaft mein Problem. Nicht das der für mich unangenehm gekleideten Person. Ich verlange ja auch von Homophoben, sich nicht über Crossdresser aufzuregen. Oder von konservativen Eltern, ihre schwarz geschminkten Goth-Kinder zu ertragen.

Und wer trägt sonst noch so Kopftuch?
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Warum aber rege ich mich auf?

Auf unserer Facebookseite lese ich viele Kommentare, die die schwierige Rolle der Frauen in konservativen, muslimischen Gemeinschaften behandeln. Auch, wenn die Kommentatoren vielleicht nicht in erster Linie Feministen sind, manchmal sogar nur dumpfe Islamgegner, ist das eine wichtige Frage: Ist der Schleier ein Instrument zur Unterdrückung der Frau?

In den Gegenden Afghanistans, wo die Burka tatsächlich getragen wird, ist die Ansicht verbreitet: Geht die Frau nicht maximal verschleiert auf die Straße, ist sie ehrlos, ungläubig. Auch in Saudi-Arabien, wo man den Niqab trägt, denkt man so. Es ist eine erzkonservative Auslegung einer kurzen Textstelle des Korans (Sure 33, Vers 53), nach der Männer zu den Frauen des Propheten nur durch einen Vorhang sprechen dürfen.

#Khartoon - Laws - To cover or uncover? Women in France are having their liberties stripped in the name of freedom, while others in the name of religion

Posted by Khartoon! by KhalidAlbaih on Wednesday, August 24, 2016

Der Koran schreibt es aber nicht hart vor, vielmehr ist die Pflicht zur Verschleierung ein Thema, das auch innerhalb der muslimischen Gemeinschaft stark diskutiert und kritisiert wird. bento hat deshalb mehrere in Deutschland lebende Trägerinnen des Niqabs gefragt, warum sie sich dafür entschieden haben. Wurden sie dazu gezwungen? (bento III) Auch jetzt.de sprach darüber mit einer Verschleierten, die anonym bleiben wollte. (jetzt)

Die von ihnen genannten Gründe sind vielfältig. Klar, es ist einerseits Tradition, andererseits ein Ausdruck des Glaubens. Was man aber raushört: Der Schleier sei für sie vor allem ein Schutzschild, ein Ort, der sie vor neugierigen Blicken der Männer verhüllt. Er entziehe sie der Objektifizierung, dem Schönheitswahn, im schlimmsten Fall beschütze er sie vor sexuellen Übergriffen durch wollüstige Männer.

Dahinter steck der Gedanke, die Frauen wären selbst Schuld, wenn sie Opfer von übergriffigem Verhalten werden. Männer können sich halt nicht beherrschen.

Aber ist das die Gesellschaft, in der wir im Herzen Europas im Jahr 2016 leben? Müssen sich Frauen vor mir verstecken? Müssen sie befürchten, von ihren Mit-Männern angegriffen zu werden? Oder von der Gesellschaft als "ehrlos" eingestuft zu werden? Müssen sich Frauen der Öffentlichkeit und der Berufswelt entziehen, um den antiquierten Rollenbildern "animalischer Mann gegen hilflose Frau" zu entsprechen?

Natürlich nicht.

Wie Niqab und Burka im Islam bewertet werden

Im Islam gilt es als gotteswürdig, sich nicht zu sehr zu entblößen, das gilt für Männer und Frauen. Der Koran kennt allerdings kein klares Verhüllungsgebot – stattdessen wird in drei Versen nur vage züchtiges Kleiden erwähnt. Über die Jahrhunderte haben sich in muslimisch geprägten Ländern so sehr unterschiedliche Kleidervorschriften entwickelt.

Die konservativsten Formen sind die Burka in Pakistan und Afghanistan sowie der Niqab in Saudi-Arabien und im Jemen. Beide sind eher moderne Erscheinungen. In früheren Jahrhunderten waren sie kaum verbreitet, viele muslimisch geprägte Länder verbieten heute sogar Vollverschleierung in öffentlichen Einrichtungen.

Auch wenn sich Muslima aus freien Stücken für die Vollverschleierung entscheiden – viele tragen sie auch unter gesellschaftlichem Zwang. Besonders in Saudi-Arabien gilt noch eine konservative bis extremistische Auslegung des Koran. Viele Gläubige begreifen daher die Vollverschleierung als Gottesgebot.

Die von den Kritikern aufgebrachte Frage "Zwingt dich dein Mann dazu, den Schleier zu tragen?" ist aber zu kurz gedacht. Viel passender wäre die Frage: "Zwingen dich dein Umfeld, deine Familie, deine Traditionen, deine religösen Ansichten, die nach deinem Empfinden übersexualisierte Gesellschaft, dein eigenes Schutzbedürfnis, deine Erfahrungen mit Männern, dein Glaube, und ein – für andere Menschen vielleicht übermäßig konservatives – Wertesystem dazu, dich vor den Blicken anderer verstecken zu wollen?"

Die Frage ist natürlich deutlich komplexer – genauso wie die Gründe, aus denen die Frauen den Schleier anlegen. Und nein, natürlich kann die Politik ihnen das Tragen nicht verbieten. Zumindest nicht in allen Bereichen des öffentlichen Lebens. Das sieht auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages so:

"Das grundsätzliche Äußern seines Glaubens und das Bekennen hierzu, z.B. durch Bekleidung, gehört zum unantastbaren Kern der Menschenwürde gemäß Artikel 1 Abs. 1 Satz 1 GG." (PDF)
Eine Niqab-Trägerin in Damaskus antwortete mir mal auf die Frage, ob ihr warm sei: "No, Allah cools me off!" Also so unnahbar sind sie nicht.
Ein befreundeter Journalist

Und ja, wer sich in seiner Umwelt unwohl fühlt, muss sich zurückziehen dürfen. Anstatt aufgrund von Angst und einer verschwurbelten Sicherheitsdiskussion irgendwelche religiösen, kulturellen oder individuellen Kleidungsstücke zu verurteilen, sollten wir (und damit meine ich alle, die sich immer auf Freiheit, Demokratie und westliche Werte berufen) positiv in unsere Gesellschaft hineinwirken.

Wir sollten vorleben, dass man sich bei uns nicht verstecken muss. Dass man auch mit unbedecktem Gesicht akzeptiert wird. Dass man bei uns sicher ist. Dass Männer und Frauen bei uns gleichberechtigt leben können.

Und wenn sich trotzdem jemand für den Schleier entscheidet, müssen wir das aushalten. Ansonsten wirkt es so, als würden Minirockbefürworter ihren Frauen Hosen verbieten wollen.

Lesenswert:
Das Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags zu dieser Thematik, aus dem Jahr 2010: (PDF)
Die darauf basierende Zusammenfassung von der Konrad-Adenauer-Stiftung: (KAS)

Das Fazit dieser Analyse: Ein vollständiges Verbot in allen Bereichen des Lebens würde vom Verfassungsgericht kassiert werden, das ist der Grund, warum die Unions-Innenminister das Verbot auch nur in bestimmten Teilbereichen anstreben. Etwa im Straßenverkehr, wo die Sicht der Trägerin zu stark eingeschränkt wird, oder in öffentlichen Ämtern und Schulen.

Das Tragen einer Burka bei der Ausübung eines öffentlichen Amtes wird derzeit schon in den meisten Bundesländern, insbesondere für den Bereich der Schulen und Kindergärten, verboten. Berlin und Hessen haben darüber hinausgehende Regelungen, die sich auch auf Beamte und Angestellte in der Landesverwaltung beziehen. Im Bundesbeamtenrecht gibt es keine vergleichbaren Vorschriften.

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