Eigentlich hatte ich erwartet, die Herausforderung läge an Haustüren oder in der Fußgängerzone. Doch sie wartet schon im Taxi auf mich.

Ich bin auf dem Weg zu einem Wochenendseminar in Niederau, einer Kleinstadt in der Nähe von Dresden. Dort soll ich lernen, wie ich politikverdrossene Menschen davon überzeugen kann, wählen zu gehen. Keine leichte Aufgabe –  klar. Aber gleich die erste Begegnung trifft mich völlig unvorbereitet.

"Was machen Sie in der Gegend?", fragt der Taxifahrer, ein junger Typ, vielleicht Ende 20. Eigentlich ist der Grund meiner Reise etwas zu kompliziert für den Fünf-Minuten-Smalltalk auf der Fahrt vom Bahnhof zum Seminarort. Aber mir fällt auch nichts anderes ein, also erzähle ich es. Worauf er sagt:

Ha! Nichtwähler überzeugen?! Dann fangen Sie doch bei mir an!

Mist, denke ich und: Hätte ich den Kurs doch schon gehabt. "Sie wollen also nicht wählen gehen?", beginne ich die Unterhaltung. "Nee, das bringt doch alles nichts", sagt er, "ist doch alles schon entschieden." Ich frage nach: "Sie meinen, weil Angela Merkel in den Umfragen wieder vorne liegt?" "Nein", sagt er entschlossen, "jede Wahl wurde schon lange im Voraus bei den Bilderberg-Konferenzen entschieden." 

Oha, ein Verschwörungstheoretiker. Ich denke an den anstehenden Workshop und versuche, zu verstehen statt zu widersprechen. "Wie kommen Sie denn darauf?", frage ich und löse damit einen Monolog aus: Das sei doch völlig offensichtlich. Jeder, der kritisch nachdenke, würde zu diesem Schluss kommen. Alle anderen hätten einfach die Wahrheit noch nicht erkannt. Seien geblendet vom System. Und damit Teil der großen Verschwörung. Dabei "muss man doch nur die Augen aufmachen", sagt er. 

Nach ein paar erfolglosen Versuchen des Einhakens probiere ich eine letzte Idee aus. Ich frage:

Was wäre denn, wenn Sie falsch lägen und die Welt nicht so ist, wie Sie denken? Gibt es dafür nicht den Hauch einer Chance?
Nein. Gibt es für ihn nicht.

Die Fahrt ist vorbei, wir einigen uns darauf, unterschiedlicher Meinung zu sein, ich steige aus. Ich bin plötzlich etwas ehrfürchtig vor dem, was mich an diesem Wochenende noch erwarten wird.

Teilnehmer des Workshops reden übers Reden.

Der Plan fürs Wochenende: Ich nehme an einem Workshop vom "Projekt Denkende Gesellschaft" teil. Wir gehen von Tür zu Tür und sprechen mit Leuten über Demokratie und die Wahl. Vorher lernen wir in Arbeitsgruppen etwas über Gesprächsstrategien und konstruktive Kommunikation. 

Am Tagungsort, einer Jugendherberge neben dem lokalen Schloss, empfängt mich Wung (25), einer der Organisatoren des Workshops. Gemeinsam mit einigen anderen Studenten verschiedener Unis hat er den Verein Anfang des Jahres gegründet. Die Schocks von Brexit und Trump im Nacken, wollten sie etwas verändern. Einfach irgendwas Nützliches tun. Seitdem haben sich immer mehr Menschen gemeldet, die mitmachen wollen. 38 davon sind nun zum Workshop gekommen. 

Das Ziel des Projekts: "Zur Bundestagswahl die Wahlbeteiligung zu erhöhen, die gesellschaftliche Spaltung zu verkleinern und dabei einen kleinen Beitrag zur politischen Aufklärung zu leisten", heißt es auf der Webseite.

Das wollen sie schaffen, indem sie mit Menschen ins Gespräch kommen, die normalerweise außerhalb der eigenen Filterblase wären, die vielleicht einen anderen Hintergrund haben, eine andere politische Meinung oder gar kein Interesse an Politik haben. Um Werbung für einzelne Parteien geht es bei diesen Gesprächen nicht, der Verein ist neutral. 

Du weißt nicht, wem du deine Stimme geben willst? Dann können dir diese Texte vielleicht helfen:
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Zu hohe Erwartungen solle ich aber nicht haben, wird mir gleich zu Beginn geraten. "Wir wollen mit den Gesprächen nur einen Anstoß geben", sagt Wung, "wir können nicht die Welt der Leute verändern." 

Apropos: Was hätte ich denn eigentlich auf den Taxifahrer erwidern können, frage ich Vereinsmitglied Alex (21). "Wenn jemand eine so gefestigte Weltsicht hat, ist ein konstruktives Gespräch oft nicht möglich", sagt sie. Man könne lediglich hinterfragen, wie die Person zu ihrer Ansicht kommt oder einen Perspektivenwechsel vorschlagen – also dazu auffordern, sich in andere Menschen oder Situationen hineinzuversetzen. 

Also habe ich immerhin nicht alles falsch gemacht. 

In Arbeitsgruppen werden wir auf die Gespräche eingestimmt: 

  • Wie bereite ich mich innerlich vor? 
  • Welche "Arten" von Nichtwählern gibt es und welche Argumente könnten sie haben?
  • Und wie kann ich darauf konstruktiv eingehen?

"Ihr dürft nicht die Erwartung haben, dass ihr irgendjemanden überzeugen oder einen Nichtwähler umstimmen könnt", sagt Daniel (23). Man dürfe nicht mal erwarten, dass es überhaupt zum Gespräch komme. Ihre bisherige Erfahrung sei: Nur bei einem Bruchteil der Versuche wären die Leute überhaupt zu einem Gespräch bereit. In wenigen Fällen entstünde daraus eine tiefere Unterhaltung.

Vorschläge für den Gesprächsbeginn: "Ich würde mit Ihnen gerne darüber sprechen, welche Werte Ihnen wichtig ist" und:

Ich verkaufe auch nichts.

Ein paar Stunden später laufe ich durch eine Straße im Nachbarort Weinböhla. Wahlkreis von Innenminister Thomas de Maiziere, größtenteils CDU-Wählerschaft, schicke Villengegend, Wahlbeteiligung im Kreis Meißen bei der Bundestagswahl 2013: 70,3 Prozent – also im Bundesvergleich sogar noch relativ hoch. 

Auf die erste Türklingel zu drücken, ist eine Überwindung. 

Ich warte, es macht keiner auf. Nebenan steht dafür jemand im Garten. "Entschuldigung", rufe ich über den Zaun, "haben Sie kurz Zeit für mich?" Skeptischer Blick, worum geht's denn. "Ich würde gerne mit Ihnen über Werte reden." Schon als ich das ausspreche, merke ich, wie dubios das klingt. Die Reaktion ist entsprechend abwehrend. Kein Interesse. 

Also weiter. Ich klingele wieder an einer Tür und probiere es mit einer neuen Einleitung: "Hallo, ich bin von einem studentischen Verein und würde gerne mit Ihnen darüber reden, was Ihnen in der Gesellschaft wichtig ist." Das ältere Paar, das mir in der Haustür gegenübersteht, guckt misstrauisch, fühlt sich aber offenbar vom zweiten Satz angesprochen: "Was wichtig ist?! Ja, was ist denn noch übrig? Geht doch alles den Bach runter! Unsere Gesellschaft schafft sich selbst ab!" 

"Wie meinen Sie...", fange ich an, doch der Mann ist nicht zu bremsen. "Ja gucken Sie sich doch mal um! Wird doch alles immer schlechter hier mit den Flüchtlingen und so", sagt er, während er gleichzeitig die Tür immer weiter schließt. Er grummelt noch etwas von "auf dem Sprung" und lässt mich im Hausflur stehen.

Bevor die echten Gespräche losgingen, wurde erstmal miteinander geübt. Ich überzeuge mit geschlossenen Augen auf der Mauer.
Wow. Wie wir innerhalb von Sekunden bei Flüchtlingen und dem Niedergang des Abendlandes gelandet sind, ist mir nicht ganz klar.

Eine der anderen Workshop-Teilnehmerinnen erzählt mir später, sie habe jemanden getroffen, der sagte: "Ich wähle eh Pegida." Als sie ihm sagte, das sei keine Partei, wollte er sich immerhin nochmal den Wahl-O-Mat angucken.

Als nächstes treffe ich Peter. Er ist Anfang 40, hat ein freundliches Gesicht und trägt einen Blaumann – denn er arbeitet gerade in einer kleinen KfZ-Werkstatt an einem Auto. Peter hat tatsächlich Lust, mit mir über seine Werte zu sprechen. 

Erfolg!

Peter sind Offenheit, Ehrlichkeit und Vertrauen am wichtigsten. Nicht nur auf persönlicher, sondern vor allem auf gesellschaftlicher Ebene. "Ich habe das Gefühl, das ist in den vergangenen Jahren immer weniger geworden", sagt er. Wir sprechen eine Weile über bürgerferne Politiker und Eliten, bis ich ihn frage, ob er denn zur Wahl geht. "Natürlich", sagt Peter. Das sei Bürgerpflicht. Er wähle immer entweder rot oder grün. 

Eigentlich war ich zwar auf der Suche nach Nichtwählern, erinnere mich aber an eine Unterhaltung im Workshop: Es reicht, wenn das Gespräch ein Denkanstoß ist – vielleicht spricht die Person dadurch später mit anderen Menschen in seinem Umfeld über ein politisches Thema und wird so zum Multiplikator. 

Ich frage Peter, ob er viele Leute kennt, die nicht wählen gehen wollen. "Ja", sagt er, "sehr viele." Und auch einige AfD-Anhänger seien in seinem Umfeld. Zum Großteil versuche er, dieses Thema einfach nicht anzusprechen, aber mit einem musste er deshalb die Freundschaft beenden. Ob er denn durch die Aktion von "Denkende Gesellschaft" Lust hat, wieder mehr mit anderen über Politik zu reden? Mal sehen, sagt er. Aber ihm habe es Spaß gemacht. 

Wir sind doch alle Menschen.
Ina, 31

Nach ein paar kurzen Gesprächen und vielen Abweisungen, hoffe ich auf ein letztes gutes Gespräch. Die Zeit wird knapp, gleich trifft sich die Gruppe wieder. 

Da treffe ich Ina an ihrem Gartenzaun. Sie ist 31, trägt ein T-Shirt mit Glitzersternen drauf und raucht während unseres Gesprächs ununterbrochen. Ina hat eine kleine Tochter und macht sich große Sorgen um die Welt. Trotzdem will sie definitiv nicht wählen gehen. Denn die Gesellschaft sei einfach schon zu schlecht geworden, als dass sie irgendetwas verändern könne. Ich stelle ihr ein paar Fragen dazu und bekomme heraus, dass sie am meisten stört, wie schlecht die Menschen zueinander sind. "Wir sind doch alle Menschen, egal wie wir aussehen oder wo wir herkommen – warum können die Leute nicht einfach gut miteinander umgehen?", fragt sie und schaut sich etwas traurig im Vorgarten ihres Mehrfamilienhauses um. 

Sie erwähnt am Rande auch die AfD und dass sie so etwas nicht verstehen könne.

Ich merke an, dass ihre Stimme dann aber doch etwas bewirken könne – zumindest würde sie der AfD Stimmenanteile wegnehmen. Zuerst ist sie von diesem Argument nicht beeindruckt, sagt aber am Ende des Gesprächs, sie würde nochmal drüber nachdenken. Ich denke daran, was eine der Vereinsmitglieder, Mai-Thu (26), gesagt hat: "Uns ist nicht wichtig, dass Leute auf Teufel komm raus wählen gehen, sondern dass sie reflektieren und vielleicht bei der nächsten Bundestagswahl überlegen, ihre Stimme abzugeben."

Vielleicht wird es ja bei Ina so sein. Kurz bevor ich gehe, bedankt sie sich: "Es war schön, dass mal jemand zugehört hat", sagt sie. 

Das rührt mich. 

Denn die Gespräche haben mich auch bewegt – selbst die unangenehmen oder schwierigen. Es war eine Überwindung, mit völlig fremden Menschen sofort über die eigenen Werte, Gefühle und politische Einstellungen zu sprechen. Aber es war umso bereichernder. 

Mo, eine der anderen Teilnehmerinnen, fasst es so zusammen: "Mir ist es sehr wichtig, wieder mehr miteinander zu reden." Sie könne ja auch nichts dafür, aus einer bestimmten Region und Bildungsschicht zu kommen. Das allein sollte einen aber nicht von anderen Menschen abschotten, findet sie: "Ich bin zum Beispiel im Westen aufgewachsen und habe vom Osten sehr wenig Ahnung. Wer kann es mir besser erklären, als die Leute hier?"


Die "Denkende Gesellschaft" hat inzwischen mehr als 1700 Gespräche geführt. 

Das sind viele kleine Denkanstöße. Viele Begegnungen, die es sonst nicht gegeben hätte. Bettina (25) hat einige dieser Gespräche geführt. Sie sagt: "Ich glaube wirklich, dass solche Aktionen langfristig die Gesellschaft verändern können."

Auf der Rückfahrt nach Hamburg denke ich über diesen Satz nach. Er mag lächerlich wirken. Denn was sind schon ein paar Gespräche, die in einem guten Fall eine halbe Stunde dauern? Ein paar Studenten, die etwas verändern wollen? Wie viele Menschen kann man so erreichen? Und wie soll das jemals etwas verändern?

Doch Veränderung kann im Kleinen beginnen. Manchmal auch beim Individuum. Jeder meiner Gesprächspartner war zunächst überrascht, von mir angesprochen zu werden. Überrascht vor allem darüber, dass sich jemand Fremdes für seine Meinung interessiert. Und egal ob wir derselben Ansicht waren oder nicht – wir sind immer im Guten auseinandergegangen. Mit ein paar neuen Gedanken im Kopf. 

In mir hat der Tag etwas verändert. Vielleicht ja auch bei ein paar anderen Menschen.


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