Bild: Sebastian Kahnert/ dpa

20 Prozent Wahlprognose tun weh. Und zwar richtig. (bento) Dennoch stehe ich morgens um 9 Uhr auf und kämpfe mich zu Wahlkampfterminen. Flyer verteilen, Plakate hängen, Podien besuchen. Flagge zeigen, auf der Straße und auch im Netz.

Doch auch Wahlkampf kann ganz schön wehtun. 

Seit diesem Jahr verfolgen die Volksparteien wieder das Konzept des Tür-zu-Tür-Wahlkampfes. Tür-zu-Tür, das heißt zwei Tage die Woche zur Feierabendzeit bei hunderten wildfremden Menschen klingeln. 

Von 100 Türen öffnen sich vielleicht 20. 

Es öffnen redselige Rentner, Hausfrauen, Studenten – freie Grafiker in Unterhose. 

Wer schreibt hier?

Anne-Sarah Fiebig, Jahrgang 1991, lebt in Halle in Sachsen-Anhalt und studiert dort Politikwissenschaft und Judaistik. Sie ist seit 2015 Mitglied in der SPD und unterstützt die Partei seit acht Jahren im Wahlkampf. Für den Eintritt in eine Partei entschied sie sich kurz nach der Gründung der AfD. Sie wollte nicht mehr alles hinnehmen und selbst etwas unternehmen. 

(Bild: Privat)

Ich bin im Bundestagswahlkreis 72, Halle an der Saale in Sachsen-Anhalt. Bei der Landtagswahl 2016 erreichte die SPD hier rund 12 Prozent. Die AfD war mit mehr als 17 Prozent drittstärkste Kraft

Das Klingeln bei Fremden kostet Überwindung. 

Hinter zwei bis drei Türen stecken richtig positive Erfahrungen. Menschen, die mit mir reden wollen und sich vielleicht ein zwei Dinge über die Politik von Martin Schulz erzählen lassen.

(Bild: Privat)

Nicht selten aber findet man sich als Wahlkämpferin im 3. Stock eines engen Wohnhauses wieder, Platz ringend an die Flurwand gedrängt – und durchlebt dann solche Szenen wie diese hier:

"Hallo, wir machen Türbesuche für die SPD, haben Sie vielleicht eine Minute Zeit für uns?"

–"Nein. Arbeiterverräter! Schmarotzer! Hochbezahlte Werbeagenten! Hauen Sie ab, bloß nicht Sie! Und schon gar nicht dieser Abgeordnete! Niemals."

Noch unentschlossen, wen du wählen sollst? Hier sortieren wir die Parteien nach Themen:
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Verachtung springt einem entgegen. Auch der Vorwurf, dass man sich für Geld an die Partei verkaufe.

Dabei tun wir das alles ehrenamtlich. Tatsächlich. Parteimitglied zu sein ist keine Frage des Geldes. Es ist ein Ehrenamt, zu dem ich bewogen wurde. 

Weil ich an etwas glaube.

Weil ich glaube, dass es eine gerechtere Welt geben kann, weil ich hoffe, dass wir Faschismus verhindern können, weil ich nicht will, dass Rechtsradikale und Rechtspopulisten aus der AfD in unserer Regierung sitzen. Weil ich in die Kompetenzen der linken Politik vertraue, weil ich eine Zukunft haben will, die besser ist. 

Ein Satz trifft mich beim Wahlkampf am schlimmsten:"Ich gehe nicht zur Wahl."

Treffe ich auf offene Ohren, versuche ich den Menschen die Fragen zu beantworten, die sie haben. Ihnen meine Zukunft zu skizzieren: gerechte Löhne, sichere Renten, kostenfreie Kitas, eine gute Bildung, Gründersemester, eine Investition in die Zukunft.

Ein Satz trifft mich beim Wahlkampf am schlimmsten: 

"Ich gehe nicht zur Wahl."

Dieser Satz trifft mich, weil ich Politikstudentin bin, weil es um meine Zukunft geht, weil ich weiß, was es bedeutet, demokratisch zu leben, freiheitlich, wohlständisch. Dieser Satz trifft mich in Hausfluren, am Wahlkampfstand und auch im Fernsehen, wenn Bushido einer Frau Storch erzählt, er würde nicht zur Wahl gehen. (bento II)

Weil keine Partei zu 100 Prozent den eigenen Idealen entspricht. Oder weil keine Partei meine Stimme verdient hat. 

Deine Stimme. Da du alles besser weißt und da du dich so für diese liberale Demokratie einsetzt?

​Am meisten ärgert es mich, wenn Leute meckern, dass doch ohnehin alles bleibt, wie es ist. Denn das ist nicht so!

Vielleicht ist das eine Erklärung. Viele Menschen haben offenbar nicht verstanden, dass Demokratie nicht selbstverständlich ist und dass ihre Rechte ein Luxusgut sind und ihr Land reich. 

Am meisten ärgert es mich, wenn Leute meckern, dass doch ohnehin alles bleibt, wie es ist. 

Denn das ist nicht so!

In den vergangen Jahren stieg die Rate homophober Angriffe in Deutschland. Antisemitismus durch Deutsche ist wieder auf dem Vormarsch, mit der b könnte aktuellen Umfragen zufolge eine antidemokratische Partei als drittstärkste Kraft in den Bundestag einziehen.

Anne-Sarah Fiebig bei einer Wahlkampfveranstaltung(Bild: Privat)

Vielleicht wache ich morgen auf und frage mich: Wie konnte es geschehen? Vielleicht schreibe ich dann einen Artikel darüber, wie wir wegschauten. Wie wir vergaßen, für das zu kämpfen, was wir einst hatten: Freiheit und Demokratie. Da zu viele Menschen glaubten "es bleibe doch eh alles wie es ist".

Deswegen mache ich noch Wahlkampf für die SPD. 

Weil ich eine gute Zukunft haben will. Auch, weil es die Partei war, die den Nazis bis zum letzten Entschluss entgegenstand und dem Ermächtigungsgesetz nicht zustimmte – für Freiheit, für Meinung und für die Zukunft der Menschen in diesem Land.  

Und ich kämpfe für die Menschen, die mit mir auf die Straße gehen und an Türen klingeln. Weil auch sie noch an etwas glauben. 

Das gibt mir Mut.

Gerechtigkeit

Wie geht's ihrer Hanfplanze? Cem Özdemir antwortet Jodel-Nutzern

Chancengleichheit für alle, die Mieten runter und kur vor der Wahl lieber nicht zu viele Worte über die Hanfpflanze: Cem Özdemir, einer der beiden Spitzenkandidaten der Grünen, hat Fragen der Jodel-Nutzer beantwortet.

Mindestens so interessant wie die Antworten: Die Reihenfolge der Fragen. Denn die Nutzer der App haben über die Wichtigkeit der Fragen abgestimmt.

Hier sind die wichtigsten Fragen und Cem Özdemirs Antworten: