Bild: bento

Typische Hamburger Wohnbauten aus rotem Klinker, wenig Verkehr, ein paar Sonnenstrahlen: Ein ruhiger Samstagvormittag im Hamburger Stadtteil Winterhude. Hier führt jemand die Hunde aus, da holt jemand Brötchen beim Bäcker.

Ein ganz normaler Samstag also. Wären da nicht ein Dutzend Menschen in Warnwesten an der Straßenkreuzung.

Ihnen gegenüber: Ein hellblauer Wahlkampfstand der AfD.

Der Stand ist, abgesehen von ein paar Plakaten, an diesem Samstag das einzige Anzeichen dafür, dass eine Bundestagswahl bevorsteht. 

Aber selbst im gemütlichen Wahlkampfjahr 2017, im gemütlich bürgerlichem Winterhude, lässt sich nicht verbergen, dass in Deutschland etwas rumort

Hier die AfD-Wahlkämpfer, dort die Aktivisten von "Aufstehen gegen Rassismus":

Die Wahlkämpfer, die davor warnen wollen, dass etwas schief laufe in diesem Land, dass es mehr Schutz brauche vor Gefährdern und Einwanderern. Und die Aktivisten, die vor den Wahlkämpfern warnen wollen, vor Rassismus und einem Rechtsruck der Gesellschaft. 

Welche Themen die Parteien im ARD-Fünf-Kampf bewegt haben, siehst du hier:
DIGITALISIERUNG – Die AfD will einen Ausbau der Glasfasernetze, die Linke sagt, "in afrikanischen Staaten" ist das Mobilnetz besser als in Deutschland.
Die Lösung von Wagenknecht: Staatlicher Ausbau, finanziert durch die Vermögenssteuer. Das passt FDP-Politiker Lindner nicht, er will lieber private Firmen ranlassen.
BILDUNG – Grünen-Politiker Özdemir fordert, dass der Bildungserfolg von der Herkunft der Kinder abgekoppelt werden muss. Dafür brauche es "echte" Ganztagsschulen.
EUROPA – Özdemir wirft AfD und Linke vor, Anti-Europäer zu sein. AfD-Spitzenkandidatin Weidel nimmt's locker, Wagenknecht ist sauer.
INNERE SICHERHEIT – CSU und FDP wollen mehr Polizisten, CSU-Mann Herrmann zudem mehr Videoüberwachung und die Vorratsdatenspeicherung, die digitale Spuren aller Bürger abschöpft.
Die AfD hält einen Einsatz der Bundeswehr in Deutschland für nötig. Die Grünen wollen die Grundlage für Extremismus entziehen: saudische Prediger. Özdemir sagt: "Gefährder kommen nicht aus dem Nichts."
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Beide Gruppen haben sich hier getroffen, um Flyer zu verteilen, um von ihrer Version der Bedrohung zu überzeugen. Und stehen einander unversöhnlich gegenüber. 

"AfD? Rechte Hetze fachgerecht entsorgen" steht auf den Warnwesten, die Aktivisten halten Müllbeutel in der Hand – für die Flyer der AfD. 


Wer an ihnen vorbeigeht, bekommt gleich den nächsten Flyer – allerdings in Regenbogenfarben und nicht in AfD-blau.

Die Utensilien haben sie als Kit gekauft. Das Bündnis "Aufstehen gegen Rassismus" verteilte die Aktionkits erstmals 2016 in Berlin, um dort den Wahlkampf der AfD zu torpedieren. Darin enthalten:  Warnweste, blauer Müllsack, Flyer und Absperrband für den "Tatort Rassismus". Die Kits wurden zum Verkaufsschlager: Zu den Landtagswahlen in NRW und Schleswig-Holstein wurden rund tausend Bestellungen aufgegeben, die Hälfte der 2000 Kits für die Bundestagswahl war bereits nach wenigen Wochen weg.

"Aufstehen gegen Rassismus"

"Aufstehen gegen Rassismus" wurde im März 2016 ins Leben gerufen. Das Bündnis vereinigt Initiativen gegen Rechts und will eine breite Gegenbewegung zu AfD und Co. in Deutschland anstoßen. Erstunterzeichner des Aufrufs waren unter anderem einige Landesverbände der Grünen, Die Linke, jüdische Gemeinden, aber auch Antifa-Gruppen.

Mehr zur Initiative findet ihr unter aufstehen-gegen-rassismus.de.

Jetzt belagern Gruppen in ganz Deutschland am Wochenende die Stände der AfD. In den Warnwesten stecken Menschen aller Altersklassen und Lebensweisen – Anwohner, Studenten, "alte Hasen" im Kampf gegen Rechts, Menschen mit Migrationshintergrund.

"Wir wollen alle zeigen, dass in unserer Stadt kein Platz für Rassismus ist", erzählt Sven, der seit 2016 dabei ist, "und die Anwohner ermutigen, ihre Stimme zu erheben." Er ist einer von rund fünfzehn Teilnehmern heute.


Wer steht da eigentlich am AfD-Infostand? Lest mehr dazu:

Und auch im Rücken des AfD-Wahlkampfstandes wird protestiert: Im Schaufenster des kleinen Ladens "Eindruck" klettert Zag herum. Er arbeitet seit mehreren Jahren hier und hängt jetzt "Fuck AfD"- und "HH bleibt bunt"-Plakate auf. Drinnen werden Bomberjacken mit Slogans wie "No racism, homophobia, transphobia and hate"-Aufdruck verkauft.

Schaufenster von "Eindruck" in Hamburg-Winterhude(Bild: bento)

"Wir wurden nicht darüber informiert, dass die hier stehen werden, das ist richtig scheiße", erzählt Zag, "nicht, dass jetzt jemand denkt, wir würden die AfD tolerieren oder unterstützen."

Ein Polizist habe ihm geraten, die Plakate möglichst lange hängen zu lassen, damit ihm in der Nacht von Gewalttätern aus dem linken Spektrum nicht die Fenster eingeschlagen werden würden.

"Wir wollen mit denen echt nichts zu tun haben"
Zag, Verkäufer

Dementsprechend ist die Stimmung am Wahlkampfstand der AfD: angesäuert. Listenkandidatin Delphine Thiermann ist unter den Wahlkämpfern, sonst vor allem ältere Männer und Frauen. Mit ihren 26 Jahren senkt Thiermann den Altersdurchschnitt deutlich.

Den Rassismus-Vorwurf verstehen sie nicht: "Damit haben wir doch nichts zu tun."

Fragt man, ob die letzten Äußerungen von Spitzenkandidat Alexander Gauland nicht Rassismus seien, erwidern die Wahlkämpfer, das sei lächerlich. Das müsse man differenzierter sehen. Nur ein falsches Wort von AfD-Mitgliedern und sofort gebe es einen Shitstorm.

Vielleicht wollen sie deshalb nicht mit ihren Namen zitiert werden. Die AfD-Wahlkämpfer fühlen sich falsch verstanden. Und angegriffen - nicht nur verbal:

Drei Polizeiwagen stehen auf dem Seitenstreifen. Eines der AfD-Mitglieder hat die Aktivisten wegen einer unangemeldeten Versammlung und Körperverletzung angezeigt.

Worauf die Aktivisten relativ entspannt reagieren.

"Flyern ist eigentlich immer und überall erlaubt."
Ernst, Aktivist

"Trotzdem haben wir jetzt spontan eine Versammlung angemeldet – also alles legal hier", sagt Ernst, das Neongelb der Warnwesten spiegelt sich in seinen Brillengläsern. Er ist jetzt Versammlungsleiter.

Die Anzeige wegen einer möglichen Körperverletzung kann er sich nicht erklären. Die Aktivisten dementieren, handgreiflich geworden zu sein. "Es geht uns um friedlichen Protest. Wir wollen die zwar nerven, aber nicht angreifen", meint Malte.

Genau dieser Protest gegen ihre Partei scheint die Menschen am AfD-Stand doch am meisten zu wurmen: "Das ist höchst undemokratisch und unfair, was die hier machen. Wir versuchen ja sogar mit den Demonstranten ins Gespräch zu kommen, aber die wollen gar nichts mit uns zu tun haben."

Das sieht "Aufstehen gegen Rassismus" natürlich ganz anders.
"Die AfD tritt für rassistische Ausgrenzung ein und beschädigt damit die Demokratie"
Nora, Koordinatorin "Aufstehen gegen Rassismus"

"Mit unseren Aktionen setzen wir uns deshalb für die Demokratie ein, nicht gegen sie", meint die 28-Jährige.

Den Wahlkampf einer demokratischen und zur Wahl zugelassenen Partei zu behindern schützt also die Demokratie?

"Für mich ist es so: Die AfD bewegt sich einfach außerhalb eines demokratischen Spektrums, was ihre Ideen angeht. Das muss eine Demokratie eben nicht aushalten, sondern verhindern, dass diese Partei in Umfragen zweistellig wird", sagt Sven, der regelmäßig bei den Aktionen in Hamburg dabei ist.

Sven engagiert sich seit 2016 bei "Aufstehen gegen Rassismus".(Bild: bento)

Um die vierzig Leute seien in kleineren Gruppen in der Hansestadt unterwegs. Aufrufe auf Facebook und Neugier bei den Anwohnern sorgen für steten Zulauf. Mittlerweile gibt es sogar Gruppen in kleineren Städten wie Uelzen oder Tuttlingen. Ihr Mantra:Jede Stimme für die AfD ist eine Stimme zu viel.

+++Spontaner Protest gegen Infostand der AfD in Winterhude+++ Mit ganzen neun Personen versuchte die AfD am gestrigen...

Posted by Aufstehen gegen Rassismus Hamburg on Sonntag, 3. September 2017

"In den letzten Jahren sind rassistische Ansichten bis in die Mitte der Gesellschaft vorgedrungen. Da können wir nicht rumsitzen und abwarten, bis die AfD in den Bundestag einzieht", sagt Nora dazu. Ihre Arbeit macht sie zur Zielscheibe für rechte Hetzer: "Hass-Mails gehören mittlerweile einfach zum Alltag."

Jeden Samstag treffen sich die Aktivisten.(Bild: bento)

Für Samstag ist eine große Demo geplant. "Gegen die AfD im Bundestag und für eine solidarische Gesellschaft" heißt es in der Ankündigung. Bei der zuletzt heftig umstrittenen Roten Flora findet das Abschlusskonzert statt, angekündigt ist die Antilopen Gang.

Dass man die Anhänger der AfD damit nicht überzeugen wird, ist den Aktivisten klar, meint Sven: "Darum geht es uns aber auch gar nicht. Wichtig ist doch, dass sich Gleichgesinnte zusammenschließen und Unentschlossene nicht rechts wählen."

Als die AfD ihren Stand pünktlich abgebaut hat, zerstreut sich auch die Gruppe in Neongelb. Ernst nimmt viele Leute mit dem Auto in den Westen der Stadt mit. Die anderen schwingen sich aufs Rad oder gehen die paar Schritte in die Nachbarschaft. Heute war ein guter Tag, finden sie. Wie so oft dürfte ihre Perspektive eine sehr andere sein als die der AfD-Wahlkämpfer.


Style

Gut so: Diese Modefirma hat die Kategorien "Mädchen" und "Jungen" abgeschafft

Bei Kinderkleidung erkennt man häufig schon auf den ersten Blick, für wen sie hergestellt wurde: Rosa Shirts mit "Prinzessin"-Aufdruck sind für Mädchen, blaue Shirts mit "Hero" oder "Adventure" für Jungen. Dass Jungs die Farbe Rosa auch gefallen könnte oder Mädchen viel lieber Abenteuer bestehen wollen als im Prinzessinenturm zu warten, kommt vielen Herstellern hingegen nicht in den Sinn.

Jetzt hat die britische Modefirma "John Lewis" geschlechtsbezogene Kleidung abgeschafft. 

Auf der Kleidung steht künftig nicht mehr "Girls" und "Boys" – sondern nur noch "Girls & Boys". (The Independent)