Bild: bento

Der Mann mit der Aktentasche auf dem Weg zur nächsten Präsentation, der Fußballfan nach dem Stadionbesuch, Freundinnen, Familien, Großeltern, die Kegeltruppe, die das Wochenende in München verbringen will. 

Sie sind Fremde. Aber im Zug werden sie für einige Minuten, manchmal für Stunden, zu Partnern, einer ungleichen Reisegruppe, mit dem gleichen Weg, aber nur ganz selten dem gleichen Ziel.

Fast jeder kennt das Gefühl, in einem Regionalzug zu sitzen, Musik in den Ohren, Reisetasche zwischen den Füßen. Es riecht nach verschüttetem Kaffee, nach halbverzehrten Ei-Brötchen im Mülleimer, alten Sitzbezügen, nach Alltagstristesse. 

Ich will an diesem Tag durch Deutschland fahren. 

Meine Route: In einem der Hunderten Regionalzügen, die jeden Tag durch die Republik fahren, von Aachen an der Grenze zur Niederlande und Belgien, durch Nordrhein-Westfalen, Umstieg in den IC durch Niedersachsen, Sachsen-Anhalt bis nach Berlin, dann im RE weiter durch Brandenburg, bis hin nach Frankfurt an der Oder, direkt an der Grenze zu Polen. Neun Stunden Reise liegen vor mir. Neun Stunden, in denen ich fragen will:  

Was beschäftigt dich? Wie geht es dir so kurz vor der Wahl?

Es ist eine Strecke, die kaum deutscher sein könnte. Vorbei an Karnevals-Hochburgen, alten Industriegeländen, Bauernhöfen, Getreidefeldern, dem Bundestag. Selbst ein bisschen Bayern-Gefühl kommt auf, wenn übermüdete Oktoberfest-Besucher auf dem Weg zurück nach Hause zusteigen.

Los geht's: Abfahrt ist der Hauptbahnhof Aachen.
Start in Aachen am Hauptbahnhof(Bild: bento)

9.45 Uhr, Durchsage am Bahnhof: Der nächste RE in Richtung Köln fällt aus. Signalstörung. In der Eingangshalle: ein Mann im Anzug, mit Karteikarten in der Hand. Genervt guckt er auf die Uhr. Auf dem Weg zum Gleis: ein Student, der sich beim Bäcker schnell ein Brötchen schnappt, kurz noch einen Blick auf die Anzeigentafel wirft. Was uns verbindet: Stress, Eile. 

Wir schaffen es alle drei rechtzeitig in den Zug.

Im Wagen in der Mitte direkt am Vierer sitzen Lea und Pauline und ihre beiden Rucksäcke. Ein bisschen sieht man ihnen die Klausurenphase noch an. Wir reden über die Wahl am Sonntag, wenn die beiden längst in Vietnam mit dem Roller durchs Land düsen. Was ist ihnen wichtig?

Lea und Pauline, beide 21, Lea studiert Soziale Arbeit in Essen und Pauline Wirtschaftsingenieurwesen in Aachen
"Umweltschutz ist uns wichtig, auch wenn wir gleich mit einem fetten Flugzeug nach Vietnam fliegen. Dem Airbus A 380. Es kann nicht sein, dass Fleisch im Supermarkt für ein paar Euro angeboten wird. Ist doch klar, dass es billig und zu schlechten Bedingungen produziert wurde.

Wir sind keine absoluten Vorbilder, aber immerhin versuchen wir, weniger Fleisch zu essen. Es geht nicht um kompletten Verzicht, aber um das Bewusstsein. Dafür muss in Deutschland mehr getan werden. Vielleicht braucht es eine Billig-Fleisch-Steuer."

Ein Abteil weiter sitzt Isabella, 20, mit zwei Azubi-Koleginnen, Brötchentüte, Kaffeebecher – gleich beginnt die Berufsschule in Neuss. Politik? Schwieriges Thema. Isabella kennt Martin Schulz. Schließlich kommt sie aus Würselen, seinem Heimatort. Und da begegnete man sich.

Isabella, 20, Auszubildende aus Würselen
"Früher war Schulz noch häufiger im Ort unterwegs. Bei meiner Mama im Fotogeschäft zum Beispiel und hat Passbilder machen lassen. Heute sieht man ihn nur noch mit seinen Bodyguards.

Ich mag Schulz – nicht nur weil er aus Würselen kommt. Er bezieht viel klarer Stellung als Merkel – zum Beispiel im Hinblick auf die Türkei. Die Toleranzgrenze ist einfach ausgereizt. Schulz hat das erkannt.

Für was er sich noch einsetzen sollte? Für Gleichberechtigung, das find ich wichtig. Ich frage mich schon, wie das ist, wenn man ein Kind bekommt und danach wieder in den Beruf einsteigen will?"
Nächster Halt: Mönchengladbach.

11.10 Uhr. Hier steigt Hamed ein. Er wirkt müde, als fehlte ihm ein Tag zwischen Sonntag und diesem Montag. Im Alter von drei Jahren sei er aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. "Ich hatte Glück", sagt er und klingt dabei wie ein rheinischer Kneipenwirt, bei dem man sich nach einem schlechten Tag gut aufgehoben fühlt. Er habe schnell Deutsch gelernt, später Anglistik und Linguistik studiert, heute unterrichte er Deutsch als Fremdsprache

In seinen Klassenzimmern sitzen viele Flüchtlinge. Er kann sich gut in sie hineinversetzen. Weiß, wie es ist, wenn man in diesem Land fremd ist, mit zwei Kulturen aufwächst.

Hamed, 34, Selbständiger Sprachlehrer aus Mönchengladbach
"Was passiert mit den Hunderttausenden, die zu uns gekommen sind? Werden Sie später einen Job bekommen? Die Sprache zu lernen, sich der deutschen Kultur zu öffnen, das sind die wichtigsten Voraussetzungen. Flüchtlinge sollten sich nicht vor den Möglichkeiten verschließen, die man in Deutschland hat – auch wenn sie diese Grundrechte nie hatten.

Grundlegende Deutschkurse reichen nicht aus. Sie müssen weiterlernen, an Universitäten gehen.

Ich bin sehr glücklich in Deutschland. Wir können uns ständig weiterbilden, mit jedem leben und jeden heiraten, wir haben Hilfsvereine wie die Diakonie und die Caritas, wir haben alle Freiheiten, die man in Diktaturen nicht hat. Trotzdem mache auch ich mir Sorgen. Was passiert, wenn man einmal arbeitslos werden sollte? Gerade bin ich selbstständig. Irgendwann werden weniger Flüchtlinge zu uns kommen. Braucht man mich dann noch?"
Wen wir auf unserer Reise noch getroffen haben:
Sie findet, Merkel habe bislang alles richtig gemacht.
Später will er sich für energetisches Bauen einsetzen.
"Uns fehlt oft die Zeit, alle Kinder zu fördern."
"Wir haben eine viel bessere Infrastruktur als viele andere Länder."
Es sollte mehr in Erneuerbare Energien und Elektromobilität investiert werden, sagt er.
"Die Diskussion über Gerechtigkeit macht mich wütend. Viele Jobs im Niedriglohnsektor sind nicht gerecht."
Es regt sie auf, wenn alle im Osten als rechtsaffin abgestempelt werden.
1/12
In Düsseldorf steige ich um. 

Der Zug rollt weiter, vorbei an Mülheim, Essen, Wattenscheid, direkt ins Ruhrgebiet. Draußen Schrebergärten, beflaggt mit Deutschlandfahne, das Bergische Land zieht vorbei. Drinnen wechseln die Gäste einmal durch. Schüler steigen ein, spielen mit ihren Smartphones, der Mann im Poloshirt nickt kurz ein. Der Vormittag war anstrengend. 

13 Uhr in Deutschland, Mittagspause.

Im RE in Richtung Westfalen sitzt jemand, der bei Hamed einen Deutschkurs besucht haben könnte. Gorka ist 28 und kommt aus Eritrea. In Dortmund wird er aussteigen und dort zur Arbeit gehen.

Lagerarbeiter sei er und seit drei Jahren lebe er in Deutschland. Ist er gerne hier? Er nickt, seine Augen werden groß. Ob er bleiben dürfe? Er blickt an die Decke des Zuges, zeigt mit den Armen Richtung Himmel. Das weiß nur Gott.

Gorka, 28, arbeitet als Lagerarbeiter(Bild: bento)
Wir halten in Essen.

Im Eingang des Zugs steht eine junge Frau um die 30, die Haare zur Hälfte abrasiert. Sie trägt eine verblasste Regenjacke, erzählt, dass sie auf der Straße lebe, derzeit keine Unterkunft habe. Sie spricht so leise, dass ich sie am anderen Ende des Waggons kaum hören kann. 

Danach streift sie durch die Reihen, bittet um Geld. Eine junge Frau gibt ihr etwas und auch der Mann mit den schwarz-grauen Haaren, der gerade noch auf Türkisch in sein Handy gesprochen hat. Die Frau bedankt sich, wünscht noch einen schönen Tag. 

Was heißt schöner Tag? Für sie bedeutet es vielleicht, die Nacht in einem Bett verbringen zu können. 

Für andere heißt es vielleicht, endlich wieder eine neue Arbeit gefunden zu haben. Das Abitur trotz mieser Noten doch bestanden zu haben. Als Flüchtling endlich eine eigene Wohnung gefunden zu haben. Oder einfach nur mal einen Tag frei zu haben. 18 Millionen Einwohner, 18 Millionen Bedürfnisse. 

Halt in Hamm.

13.12 Uhr. Der Lärm des Ruhrgebiets ist abgeklungen. Wenn sich die Zugtüren öffnen, weht ein das Land herein, Kühe, Wiese und Nieselregen. Keiner hatte hier einen wirklich guten Sommer.

Die Abteile werden leerer. 

Janina, 22, Tierpflegerin hat ihr Fahrrad dabei. Sie lebt gern in Deutschland sagt sie. "Es ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber ich mag es, dass wir so offen gegenüber Musik sind. Es gebe so viele Events und Festivals. "Das bekomme ich aus anderen Ländern nicht so mit." Sie selbst spielt gern Gitarre, sitzt dabei mit Freunden zusammen.

Wenn Janina an die Zukunft denkt, denkt sie in Jahrzehnten. Sogar an die Rente. "Wie lang werden wir arbeiten müssen? Mit Tieren zu arbeiten, Ställe auszumisten, bedeutet körperliche Anstrengung. Ich weiß nicht, ob ich das ewig durchhalte", sagt sie. Und ob sie dann überhaupt Rente bekommt. 

"Für mich als Wählerin ist es total schwierig zu bewerten, welche Partei ich wählen soll. Ich kann gar nicht im Detail nachvollziehen, wo Gelder für unsere Rente angespart und investiert werden müssen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob unsere Politiker das so genau wissen?"

(Bild: Guian Bolisay / cc by sa 2.0)
Mein dritter Umstieg in Bad Oeynhausen.

Ein Mann um die 70, tief hängende Hose, zwei Koffer, schiebt sich durch die Tür. Auf der Gepäckablage findet er noch Platz, nur für ihn selbst wird es schwierig. Neben einem schlafenden Mann ist noch ein Platz frei. Er zögert eine Sekunde. Die Schaffnerin ermutigt ihn: "Sprechen Sie ihn ruhig an." Der andere Mann wacht auf, macht schnell Platz. 

"Sehen Sie, alles nette Menschen hier", sagt die Schaffnerin. Alle lächeln kurz.

So ist das hier am Rande von NRW, kurz aber herzlich.  

Wir halten in Hannover.

Die Ruhe ist vorbei. Im IC-Abteil drängen sich Dutzende Schüler, vermutlich um die 16. Die vorbeirauschenden Züge sind laut, diese Schüler sind lauter. 

Im Schlepptau: Iris, 31, ihre Lehrerin. Wir reden kurz über Schulpolitik. Bei 25 Kindern pro Klasse könne man weder Talente noch Schwächere fördern, sagt sie. Das laufe in anderen europäischen Ländern einfach besser. 

Viele Wege führen über Hannover. Diese Stadt, die irgendwie merkwürdig gesichtslos ist, Messe, Stadion, Hochdeutsch. Aber sie ist auch Knotenpunkt für viele Reisende und Pendler, im Bahnhof herrscht dichtes Gedränge. Menschen rempeln sich an. Sie können gar nicht anders, so voll ist es hier. 

Volkswagen prägt Niedersachsen. Der Diesel-Skandal lässt viele zweifeln: Wie sicher ist der Arbeitsplatz? Wie weit gehen Verstrickungen zwischen Wirtschaft und Politik?

(Bild: bento)
Kurze Pause in Wolfsburg.

Der oberste Knopf vom Hemd ist offen, Feierabend. André lebt eigentlich in Stendal in Sachsen-Anhalt. Jeden Tag pendelt er nach Wolfsburg, wo er im Bereich Unternehmenskommunikation arbeitet. Klar, gehe er am Sonntag wählen, aber keine Partei sei die Richtige.

“Ich halte das Parteiensystem längst für überholt und neige dazu, den Wahlzettel einfach ungültig zu machen. Die Parteien können gar nicht mehr die Masse an Interessen abbilden. Einst wurden sie gegründet, um die Interessen zum Beispiel von Katholiken oder von Arbeitern zu vertreten.

Unsere Realität ist zu kompliziert geworden, Parteien bilden das nicht mehr ab. Ich bin dafür, dass Experten aus einzelnen Bereichen unsere Politik verantworten. Ingenieure, Volkswirte, Pädagogen.
Was mich aufregt: In Berlin kostet die Kita gar nichts, in Braunschweig Hunderte Euro, Pflegestellen werden abgebaut, Unternehmen werden für Milliarden gerettet und unsere Spielplätze kaputt gespart, das ist nur schwer nachzuvollziehen. Mir fehlt der Vibe in der Politik, der Aufschrei in der Bevölkerung.”

Das Handy zeigt an: "Kein Netz". Dörfer ziehen vorbei. Jetzt sind es nur noch 100 Kilometer bis nach Berlin, aus Grün wird Betongrau.

Endlich in Berlin.

Bislang hat es nur geregnet, in Berlin scheint die Sonne.

Am Hauptbahnhof leert sich der Zug schlagartig. Studenten, Touristen, Berufspendler – sie haben ihr Ziel erreicht. Nur ein Mann im Rentenalter und seine Frau, beide mit amerikanischen Akzent bleiben im Abteil sitzen. Unter seiner NY-Käppi blinzelt er, blickt auf die Stadt. "This is Börlin Äläxänderplatz", sagt er, als der Fernsehturm kurz zu sehen ist.

Berlin

Berlin selbst hat eine Arbeitslosenquote von etwa neun Prozent, bundesweit sind es rund 5,6. Gleichzeitig wird das Wohnen immer teurer, in nur einem Jahr stiegen die Nettokaltmieten hier um fast fünf Prozent (Tagesspiegel). "Berlin ist arm, aber sexy" – die Aussage von Ex-Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) prägte Berlin im vergangene Jahrzehnt. Die Stadt ist so sexy, dass jährlich fast 13 Millionen Touristen kommen (Berlin Tourismus). 

In der Ferne: der Alexanderplatz
Umstieg: Berlin Ostbahnhof.

Brandenburg

Wichtiges Wahlkampfthema auch hier: die Flüchtlingspolitik. In Brandenburg leben 162.000 Menschen mit ausländischen Wurzeln, im bevölkerungsstärksten Bundesland NRW sind es fast 4,9 Millionen (Welt).

18.04 Uhr. Zeit, nach Hause zu fahren. Zwei Frauen aus Polen mit schwarz gefärbten Haaren reden ununterbrochen aufeinander ein.

Maria, 22, bekommt davon nichts mit. Sie trägt Ohrstöpsel, ganz leise ist Bass daraus zu hören. Maria pendelt zwischen ihrer Heimat Fürstenwalde und Berlin. Dort macht sie eine Ausbildung als Elektronikerin. Wählen wird sie nicht. Wen auch, fragt sie im Berliner Dialekt.

Maria, 22, macht eine Ausbildung zur Elektronikerin.
"Es wird sich doch sowieso nichts ändern. Merkel wird gewinnen und alles läuft bergab. Die ganzen Anschläge. In Berlin fühle ich mich nicht mehr sicher. Alles läuft aus dem Ruder. Es wird immer nur versprochen, aber nichts gehalten.
 
Die lassen halt alle Menschen nach Deutschland, dann wird es auch häufiger Anschläge geben. So sind die Flüchtlinge ja alle in Ordnung, aber wenn wer beleidigt oder was anstellt, dann muss er auch gerecht bestraft werden. 

In Fürstenwalde leb ich gern, da ist ja meine Familie. Ich glaub, ich hab meine Einstellung von meiner Mutter. Die hat auch so eine Meinung, so einen Hass in sich. Mein Vater der geht nicht wählen, den interessiert das nicht. 

Ich höre gern Musik, HipHop, Techno, Mischmasch, einfach alles. Mit Freunden treffe ich mich natürlich auch gern, aber wir reden nicht so über Politik. Jeder hat seine eigene Meinung. Der eine geht wählen, der andere nicht."

Eine Heimatstadt, zwei Pendler, aber völlig konträre Meinungen. Sebastian, 27, auch aus Fürstenwalde arbeitet als Vermögensberater in Berlin und sagt von sich: "Ich bin großer Angie-Fan."

Sebastian, 27, aus Fürstenwalde, arbeitet als Vermögensberater in Berlin
"Unter den führenden politischen Treibern befinden sich immer mehr Radikale – sei es Trump oder Erdogan. Merkel hat großes Gespür, diesen Sprengstoff zu entschärfen. Manchmal nichts sagen, statt gegen andere zu schießen. Was ihr einige als langweilig und zäh auslegen, halte ich für eine sehr gute Eigenschaft.

Bei uns finden im nächsten Jahr auch Bürgermeisterwahlen statt. Es fehlt vor Ort kein Geld. Ich fühle mich wohl und in meiner Sicherheit nicht beeinträchtigt. 

Deshalb regt es mich so sehr auf, wenn die AfD versucht, diese Ängste seit der Flüchtlingskrise aufzubauen. Diese Meinungsmache und Populärpolitik, die auf gefährlichem Halbwissen beruht, ist einfach nur ekelig."
Ziel erreicht: Endstation Frankfurt an der Oder.

Eine Stadt, zwei Welten: Hier hat AfD-Spitenkandidat Alexander Gauland seinen Wahlkreis. Abschottung, Fremdenfeindlichkeit – das sind seine Themen, in einer Stadt direkt an der Grenze zu Polen, in die täglich Tausende Studenten pendeln, die an der Europa-Universität Viadrina studieren. 

Für was entscheiden sich die Wähler hier? Angstmache oder offenes Weltbild? Mit den Medien reden hier jedenfalls nicht alle gern. "In Frankfurt/Oder pass besser auf", sagen zwei Männer um die 30. Ich versuche es mal.

Johanna, 26, arbeitet in Frankfurt an der Oder als Krankenschwester auf der Frühchenstation. Gleich muss sie raus. Sie hat nur noch fünf Minuten. 

Johanna, 26, Krankenschwester auf der Frühchenstation aus Markendorf
"Ich arbeite ehrenamtlich als Trainerin im Voltigiersport. Von den Gemeinden Unterstützung zu bekommen, ist jedes Mal ein Kampf. Dabei gibt es in unserer Region schon so wenig Freizeitangebote. Es muss einfach mehr Zeit und Geld für Kinder da sein. 
Deutschland empfinde ich oft als so spießig und bürokratisch. Hier wird es einem doch oft schwer gemacht. Für Menschen, die neu zu uns kommen, ist das doch alles noch viel schwerer zu verstehen.

Ich habe schon per Briefwahl gewählt. Die rechte Seite darf einfach nicht so viele Stimmen bekommen."

Egal wen ich um ein Foto gebeten habe – ob Johanna, Gorka, Janina oder Sebastian. Sie alle haben gelächelt, als ich auf den Auslöser drückte. Sie scheinen glücklich, weil sie einen Job haben, weil sie sich in ihrem Studium verwirklichen können, oder sich auf ihre Familie und Freunde verlassen können.

Doch jeder von ihnen sieht Schwachstellen – die Umweltpolitik, drohende Arbeitslosigkeit oder zu wenig Hilfe für Schwache. Fast alle kann man verstehen, vor allem, wenn sie ihre Ängste mit persönlich Erlebtem belegen.

Oft wird den Deutschen dann vorgeworfen, sie seien permanent unzufrieden. Nörgler eben. Ich habe auf meiner Reise Menschen getroffen, die nicht nörgeln, sondern die sich Gedanken machen um ihr Land, um ihre Zukunft und die Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?

Und dabei geht es ihnen oft nicht um sie selbst: sondern um ihre Kinder, ihre Schüler, ihre Freunde. 

Endstation: Der Bahnhof in Frankfurt a.d. Oder

Fühlen

Missverstandener Feminismus: Selbstbestimmt zu lieben, heißt nicht, mit jedem zu schlafen

Missverstandener Feminismus, wo soll ich nur anfangen? Vielleicht hier: In letzter Zeit beobachte ich, dass es anscheinend "neue Feminismus-Regeln" gibt.  

Wie "Elite Daily" neulich in einem Artikel schrieb, torpedieren "alte" Dating-Regeln wie "kein Sex beim ersten Date" angeblich sogar unsere Beziehungen. Begründung: Wenn wir uns beim ersten Treffen zurückhalten, liefen wir Gefahr, in der Freundschaftszone zu landen. Außerdem würden sich die Dinge nicht natürlich entwickeln, wenn man sich bewusst Zeit ließe.