Bild: imago/Christian Thiel
"Die Bedingungen in der Politik sind zu männlich"

Angela Merkel bleibt Bundeskanzlerin, Andrea Nahles wird SPD-Fraktionsvorsitzende und gibt "in die Fresse", Frauke Petry verlässt die AfD-Bundestagsfraktion – die Schlagzeilen werden zurzeit von Frauen bestimmt.

Man könnte fast meinen, die Geschlechterfrage in Deutschland hat sich überholt, zumindest in der Politik. 

Das ist falsch. Denn: Es sitzen so wenig Frauen im Bundestag wie schon lange nicht mehr.

Die Anzahl der Frauen im neuen Bundestag ist die niedrigste seit 19 Jahren.

Gerade mal 30,7 Prozent der Abgeordneten im neuen Parlament sind weiblich. Noch weniger Frauen gab es im Bundestag das letzte Mal nach der Wahl 1994 (26,2 Prozent), in der endenden Legislaturperiode waren es immerhin 36,5 Prozent. (SPIEGEL ONLINE)

Wie konnte das passieren? Waren wir nicht schon weiter? 

Gut ein Drittel neuer Unternehmen wird von Frauen gegründet (BMWi), Frauen gehen zur Bundeswehr, zum Fußball, zum Escort-Boy. Feminismus ist immerhin so cool geworden, dass Marken wie H&M und Zara damit etwas scheinheilig T-Shirts verkaufen – und die Macrons dieser Welt gern erklären: Klar, ich bin Feminist. 

Und trotzdem: In den vergangenen zwölf Jahren, in denen eine Frau (die sich übrigens nicht als Feministin sieht) in Deutschland das Kanzleramt innehatte, wurde der Bundestag immer männlicher

Statt leichter scheint es schwieriger zu werden, Frauen dort zu installieren, wo sie die Regeln beeinflussen können, nach denen unsere Gesellschaft lebt: in Unternehmen – und vor allem in der Politik.

An dieser Stelle fällt meistens der Begriff "Quote". Es folgt die Diskussion darüber, ob es Zwang braucht, um etwas zu verändern. Oder ob wir nur wollen müssen.

Ein Blick auf die Regeln der Bundestagsparteien:

Bis 1987 lag die Höchstzahl weiblicher Abgeordneter bei zehn Prozent. Dass überhaupt "so viele" Frauen im Bundestag sitzen, ist vor allem internen Quoten-Reglungen der Grünen und der SPD zu verdanken. 

  • Bei den Grünen müssen seit 1986 die Hälfte aller Listenplätze von Frauen besetzt sein. 
  • Die SPD zog 1988 mit einer 40-Prozent-Quote nach.
  • Bei den Linken gilt erst seit 2007 eine 50-Prozent-Quote.
  • Die CDU führte 1996 zumindest ein "Frauenquorum" ein, allerdings ist es unverbindlich: Es empfiehlt eine Quote von 30 Prozent. FDP und AfD verweigern jegliche Art der Quote. 

In der Slideshow: Diese Frauen haben etwas verändert.

Sie ist die erste Frau, die ein Großereignis im Männerfußball in Deutschland live kommentierte: Die Begegnungen Wales gegen Slowakei und Italien gegen Schweden bei der EM 2016.
Als eine der ersten intersexuellen Menschen, unterzog sich die Dänin im Jahr 1930 eine geschlechtsangleichende Operation. Sie unterlag ihren Verletzungen nach einem vierten Eingriff.
Die Italienerin ist die erste Frau, die bei einer Formel-1-Rennen startete. Und zwar im Jahr 1958, für Maserati beim Großen Preis von Monaco. Ihre Gegner waren 15 fahrerprobte Männer.
Sie ist die erste weibliche Regisseurin, die einen Oscar erhielt. Für den Film „Tödliches Kommando“ nahm die Amerikanerin im Jahr 2010 die Auszeichnungen in den Kategorien „Bester Regie“ und „Bester Film“ entgegen.
So heißt die erste Frau im All. Mit 26 Jahren hob sie mit dem russischen Raumschiff Wodstok 6 ab und umkreiste einmal die Welt. Das war im Jahr 1963.
Sie war die erste und bisher einzige Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts. Von 1994 - 2002 leitete sie das höchste Gericht in Deutschland und setzte sich für Gleichberechtigung ein.
Sie ist die erste Autofahrerin Deutschlands. Angeblich fuhr sie ohne das Wissen ihres Mannes mit dem von ihm entwickelten Automobil im Jahr 1888 von Mannheim nach Pforzheim.
Sie ist die erste Frau in der Vorstandsetage eines DAX-Unternehmens, und zwar seit dem Jahr 2004 bei der Firma Schering. Heute sind von 194 DAX-Vorstandsmitgliedern 16 weiblich.
Sie ist die erste Frau in einer Kampfeinheit der Bundeswehr. Die Annahme ihrer Bewerbung musste sie vor dem Europäischen Gerichtshof erklagen. Seit 2001 steht der Dienst an der Waffe Frauen offen.
Als erste Frau erhielt die Polin 1903 den Nobelpreis für Physik und im Jahr 1911 den Nobelpreis in Chemie. Sie ist die einzige Person, die Nobelpreise in zwei unterschiedlichen Kategorien erhalten hat.
1/12
Die Anteile der Frauen nach Partei im neuen Parlament spiegeln diese Unterschiede sehr deutlich wider:
  • AfD: 12 %
  • FDP: 23 %
  • CDU: 20 %
  • SPD: 42 %
  • Die Linke: 54 %
  • Die Grünen: 58 %
Aber die Quote reicht nicht, um zu ändern, was sich über Jahrzehnte im deutschen Parteiensystem festgetreten hat.

Wie schwer es ist, sich als Frau in einer Partei einzubringen und durchzusetzen, zeigt auch das Gespräch mit Ulle Schauws, zuletzt Frauenpolitische Sprecherin bei den Grünen. Sie sagt: "Die Bedingungen in der Politik sind zu männlich."

Schauws sieht vor allem folgende Probleme:
  • Gremiensitzungen finden häufig abends statt, es wird sehr viel Präsenz erwartet. 
  • Kinderbetreuung wird innerhalb der Parteien zu wenig thematisiert. 
  • Wir brauchen mehr Mentoringprogramme, auch für junge Frauen.

Ihr Fazit nach 15 Jahren Parteimitgliedschaft: "Das zu ändern ist eine aktive politische Entscheidung, die jede Partei für sich treffen muss." 

Doch je unverbindlicher, desto ineffektiver – wie man deutlich bei der CDU sieht.

So hören sich die Parteifrauen auch eher ratlos an, wenn es um das Thema geht. Annette Widmann-Mauz, Vorsitzende der Frauen Union der CDU, sagt lediglich:

"Die Wahlergebnisse zeigen, dass das Quorum in der CDU, auch wenn es umgesetzt wird, nicht ausreicht, um verlässlich und nachhaltig zu einem höheren Frauenanteil an Mandaten zu kommen. Auf diese strukturellen Fragen müssen wir Antworten finden.
Eine Lösung könnte sein: ein Paritätsgesetz. Also eine rechtlich bindende Quote in der Politik.

Eine Frau, die sich schon lange intensiv dafür einsetzt, ist Helga Lukoschat. Sie leitet ein Institut, das für die Gleichberechtigung von Frauen im Job und in der Politik kämpft – die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft Berlin (EAF). Sie sagt:

"Die strukturelle Bevorzugung von Männern in der Politik kann nur durch gesetzliche Regelungen ausgeglichen werden. Wenn überall Frauen und Männer je zur Hälfte vertreten sind, gibt es weder Quotenfrauen noch Quotenmänner. Diese Diskussion hätte sich dann erledigt." (EAF Berlin, Die Welt)

In Frankreich gibt es so ein Gesetz bereits seit 2000. Daran gebunden ist auch die Auszahlung staatlicher Parteiengelder. Allerdings funktioniert auch das nicht durchgehend. Manche Parteien zahlen einfach ihre Strafen und stellen weiter Männer auf. (Französische Botschafttaz)

Juristisch ist ein solches Gesetz in Deutschland umstritten. Kritiker zweifeln daran, ob es mit der garantierten Parteienfreiheit vereinbar ist. 

Die Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt kündigte zuletzt an, mit ihrer Partei prüfen zu wollen, ob so ein Gesetz auch in Deutschland verfassungsrechtlich möglich und sinnvoll wäre. 

Katrin Göring-Eckhardt(Bild: Rainer Jensen / dpa)
Bringt das wirklich mehr Frauen in die Politik? 

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Genauso wenig wie darauf, ob es Leben im All gibt. Trotzdem suchen wir danach.

Und Veränderungen führt man am besten durch Gesetze herbei, wie der Gründers des Alternativen Nobelpreises, Jakob von Uexküll, mal sagte. Weil Gesetze Menschen Rechte geben, die sie dann womöglich stärker einfordern.

Und für Paritäts-Befürworterin Lukoschat geht es auch um eine neue Ebene der Diskussion: "Solche Dinge dauern ohnehin Jahre. Man muss nur irgendwann die Debatte beginnen." (Tagesspiegel)


Korrektur: In einer früheren Version des Artikels stand, dass die Linke seit 2011 eine 50-Prozent-Quote hat. Tatsächlich gilt diese schon seit 2007. 


Fühlen

"Ich wusste, dass ich queer bin, bevor ich Worte dafür hatte"
Elena, 27, aus Berlin
Als mir klar wurde, dass ich queer bin ...

… hatte ich ehrlich gesagt noch nicht mal Worte dafür. Ich war damals zwölf Jahre alt und in meiner Mädelsclique war es ziemlich normal, miteinander zu knutschen – manchmal alle gleichzeitig zusammen im Bett, später auch auf der Tanzfläche des linken Zentrums meiner Heimatstadt.

Vorbilder hatte ich aus dem Fernsehen: Ich war ein riesiger Sailor-Moon-Junkie, und Sailor Uranus war für mich die Coolste von allen. Sie hatte eine uneindeutige Geschlechtsidentität, war super schlau und stark. Das hat mich damals schon total fasziniert und angezogen, ich konnte mich irgendwie damit identifizieren.