Ob CDU, Grüne oder FDP – wir haben bei fast allen Parteien ein ganz bestimmtes Klischeebild der Mitglieder im Kopf. Die Union besteht aus wohlbeleibten Herren und Frauen mit Perlenkette, die Grünen sehen immer aus, als würden sie gerade von einer Demo ankommen und sind selbstverständlich Vegetarier. Bei der Linken sollte man mit seinem Auftreten den Klassenkampf verkörpern, und die FDP beherbergt Scharen BWL-Studenten.

Mitglied einer Partei zu sein, ist mit vielen Vorurteilen belastet. Sich überhaupt als junger Mensch fest für eine Mitgliedschaft zu entscheiden, führt häufig zum Stirnrunzeln beim Gesprächspartner. Besonders, wenn man eben nicht den Klischee-Vorstellungen entspricht.

Wir haben mit vier Parteimitgliedern gesprochen, die aus der Reihe fallen. Und sich trotzdem sicher sind, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Merve Gül, 25, CDU-Mitglied in Stuttgart: 

Merve lebt in Stuttgart und ist seit vier Jahren Mitglied in der CDU. Sie ist muslimisch und eigentlich sind ihre Eltern das, was man klassisch als "Arbeiter" bezeichnet. Ihre Mutter ist Putzfrau und ihr Vater arbeitet in der Produktion. Irgendwie eine typische SPD-Kandidatin. Oder? Nee. 

Denn Merve interessiert sich auch für soziale Marktwirtschaft und innere Sicherheit. Sie will mitmischen und sie hat keinen Bock auf ihren Migrationshintergrund reduziert zu werden. Die Religion ist für sie nicht so bedeutend.

Warum sie in der CDU ist, hat sie uns erzählt:

"Ich bin nicht in die CDU gegangen, weil ich gesagt habe: Wow, ich bin jetzt weiblich, jung und bunt. 

Ich habe mir Gedanken gemacht: Was ist mir eigentlich wichtig in diesem Land? Was spricht mich an? Ich will nicht auf Themen wie das Außenpolitikverhältnis mit der Türkei und den Doppelpass reduziert werden.

Ich bin doch viel mehr als ein Kanacke.

Ich gehe zur Uni, ich studiere, ich bin interessiert und mir liegen auch Themen wie die innere Sicherheit am Herzen. Und ich will zum Beispiel nicht, dass die innere Sicherheit auf meinem Rücken, also dem Rücken von Muslimen ausgetragen wird. Es muss auch andere Wege geben.

Bei dem Thema kamen für mich die FDP oder die CDU infrage, und die CDU hat sich mehr Mühe gegeben. Deshalb bin ich dahingegangen.

Ich will hier für eine Kontroverse sorgen. Ich will zeigen: Hey! Ihr redet hier über gewisse Dinge, aber ihr habt doch eigentlich keine Ahnung. Parteien müssen authentischer werden, sich auch den Alltag von jungen Muslimen, von Müttern und anderen anschauen. Dass diese Personen auch dabei sind und nicht nur über sie gesprochen wird.

In unserer Reihe "Wen soll ich wählen, wenn...?" haben wir uns die Parteiprogramme genau angeschaut. Alle Texte findest du hier:
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Es geht mir um die Macht des Anwesenden: Politiker sollen wissen, dass sie auch beobachtet werden, dass Menschen wie ich da sind, die vielleicht anders sind, aber auch dazugehören.

Ich habe mal die Zeile "Die reden alle Jazz und ich rede Rap“ gelesen. Ich finde, das passt für mich. Ich spreche vielleicht eine andere Sprache, aber die Inhalte sind dieselben. Deshalb will ich die Inhalte auf meine Weise rüberbringen. 

Ich habe aber auch komische Erlebnisse in der Partei gehabt. Beim ersten Parteitag war da ein Typ, der sah so typisch nach junger Union aus. Und der fragt mich an der Bar: Ist das Sekt oder Wasser? Der dachte einfach, ich sei dort Kellnerin. Das war dem dann ziemlich peinlich, als ich es aufgeklärt habe.

Es wird immer Leute geben, die einem zeigen: Du passt hier nicht rein. Aber es wird auch immer welche geben, die zeigen: Das passt.

Gerade, wenn ich so jemanden wie Jenna Behrends aus Berlin sehe, dann denke ich: Ich passe hier genau rein. Wenn ich mir Jens Spahn angucke, dann eher nicht."

(Bild: privat)
Julia Schramm, 31, Die Linke, Berlin

Julia hat eine kleine Reise durch die Parteienwelt hinter sich: Für kurze Zeit Mitglied bei den Jungen Liberalen, dann Piratin, jetzt Linken-Mitglied mit Listenplatz bei der Bundestagswahl.

Ihr Buch "Klick mich" und fragwürdige Tweets wie "Sauerkraut, Kartoffelbrei – Bomber Harris, Feuer frei" ließen sie kurzerhand zur Skandalgöre der Piratenpartei werden. Bei der Linken ist die Autorin sich sicher, dass sie angekommen ist – manche sehen das anders.

Wie man auch mit MCM-Tasche und Forderungen nach einem liberalen Urheberrecht links sein kann, erzählte sie bento.

"Eigentlich war ich schon immer eine Linke im Herzen, das stand sogar in der Abi-Zeitung. Damals war die Linke aber noch gar nicht attraktiv für mich, die haben sich viel zu wenig um Digitales gekümmert. Bei den Piraten war der Mix damals einfach gut: Man konnte gleichzeitig über Grundeinkommen und Star Wars diskutieren. 

Mir reichte aber der Claim vom "Demokratieupdate" nicht. 

Deutschland hat mehr als ein kleines Update nötig.

Politisch passe ich daher gut in Die Linke. Mittlerweile wird auch die Digitalisierung umfassend bearbeitet.

Trotzdem findet sich immer einer, der sagt "Du passt hier nicht rein" oder "Du bist doch gar keine richtige Linke". Das höre ich aber fast genauso oft wie "Du bist keine richtige Autorin" oder so. Das ist normal.

Ich bin über die letzten Jahre erwachsener und auch ruhiger geworden. Ich habe so viele Shitstorms und extremen Hass abbekommen. Trotzdem bin ich wieder in die Politik gegangen. Ich will nämlich weiterhin meine Meinung kundtun, gehört werden. Auch wenn wir in der Partei mal streiten und Genossen andere Meinungen haben als ich.

Nichtsdestotrotz bin ich hier richtig: Die Linke widmet sich der Sozialen Frage und kämpft für soziale Gerechtigkeit, für ein Leben in Freiheit und Würde für alle, unabhängig vom Geldbeutel. Für mich geht Demokratie nicht ohne Sozialismus und das ist unser Kernthema. Außerdem ist es in der Partei selbstverständlich, dass Frauen Verantwortung übernehmen. 

Was mich stört, sind Diskussionen darum, dass ich mir mal eine Designer-Tasche gegönnt habe und trotzdem links bin. Dann heißt es gerne "Wasser predigen und Wein saufen". Dabei fordern wir ja

Wein für alle.
Julia Schramm
(Bild: privat)
Martin Wandrey, 24, Die Grünen, Brandenburg

Die Grünen sind für viele nach wie vor die Partei für Umweltschützer, Vegetarier und Moralapostel. Martin ist Medizinstudent und Jäger, er mag es nicht, wenn Leuten etwas aufgezwungen werden soll, und glaubt, seine Partei sei viel zu hart mit der Wirtschaft. 

Warum er sich trotz Ecken und Kanten für die Grünen entschieden hat, könnt ihr hier nachlesen.

"Klassischerweise waren Umweltschutz und Nachhaltigkeit schon immer Themen, die mir am Herzen lagen. Und mir ist auch bewusst, dass ich schon eher linksalternativ aussehe. Trotzdem war ich bei den Grünen nicht gleich Feuer und Flamme.

Der Veggie-Day war so eine Sache. Es ist krass, wie so eine Kleinigkeit immer noch heftige Anti-Haltungen fabriziert. Ich selbst halte von einem verpflichtenden vegetarischen Tag nichts. Das muss freiwillig und selbstbestimmt passieren.

Genauso die Steuerpolitik: Momentan finde ich viele Ideen mutlos. Gut ist, dass wir uns diesmal zu einer Vermögenssteuer bekennen. Aber mit dem Begriff "Superreiche", die diese zahlen sollen, kann man wenig anfangen und er ist politisch schwierig. Häufig richten sich Ideen nur an das Kern-Klientel, nicht an die breite Öffentlichkeit.

Dann gibt es manchmal Positionen der grünen Jugend, die über die Beschlüsse der Partei hinaus gehen. Damit bieten wir als Grüne Jugend auch eine wichtige Plattform für Menschen, die sich ambitioniertere Ziele wünschen. 

Alle denken immer, ich sei super links, aber ich bin zum Beispiel weit nicht so wirtschaftskritisch wie der Rest der Partei. Der Großteil wirft der Industrie wirklich oft vor, vorsätzlich die Natur zu zerstören und nicht an Lösungen mitzuwirken. Man ist übermäßig kritisch.

 Ich glaube aber: 

Politik muss man immer mit den Betroffenen zusammen machen.

Einen Akteur direkt an den Pranger zu stellen, ist wenig konstruktiv. Ich versuche das zu vermeiden.

Dass meine Tätigkeit als Jäger da ebenfalls nicht ganz ins Bild passen mag, ist mir schon klar. Das löst immer Reflexe beim Gegenüber aus, wenn ich das erwähne. Ich versuche schon, damit etwas hinter'm Berg zu halten.

An sich gehört die Jagd aber zu einem umfassenden Umweltschutz dazu: Das Ökosystem Wald kann nur erhalten bleiben, wenn es "im Gleichgewicht" ist. Hier in Brandenburg haben wir beispielsweise sehr hohe Wildbestände, da es keine klassischen erbeutenden Tierarten mehr gibt. Das belastet und zerstört auf Dauer die Wälder.

Die Grünen sind für mich die einzige Partei, die sich glaubhaft für einen Rundum-Umweltschutz einsetzten. Deshalb bin ich Mitglied geworden - trotz meiner Vorbehalte."

(Bild: privat)
Ann Cathrin Riedel, 30, FDP Friedrichshain-Kreuzberg

Ann Cathrin ist studierte Islamwissenschaftlerin. Sie sieht nicht alles wie ihre Partei. Ob Gender-Themen, intersektionaler Feminismus oder Diesel, sie macht sich ihre eigene Meinung und verteidigt diese auch gegen andere Parteimitglieder.

Eigentlich war das nie ihr Ding: Starre Strukturen, Parteizugehörigkeit. Aber politisches Engagement fernab von Parteien würde keinen Sinn machen, dachte sich die Gründerin einer Kommunikationsagentur.

Warum sie jetzt Mitglied der FDP ist, hat sie uns erzählt.

"Der Beitritt passierte quasi im Affekt. Es war der 20. Juni 2015, und die SPD-Basis hatte gerade entschieden, dass die SPD im Bundestag für die Vorratsdatenspeicherung stimmen sollte. Da platzte mir der Kragen.

Ich war einfach so sauer. Ich habe mich davor viel mit dem Thema beschäftigt und habe gehofft, dass das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung nicht verabschiedet wird. Wenn man nicht frei kommunizieren kann, weil die Daten gespeichert werden, ist das ein massiver Einschnitt in die Bürgerrechte. Das war die Initialzündung dafür, dass ich den Mitgliedsantrag ausgefüllt habe.

Ich hab mich eigentlich schon immer als liberal gesehen. Als ich meiner Mutter von dem Beitritt erzählt habe, war ihre erste Reaktion "Du in einer Partei!?"

Mir hat zwar intern noch nie jemand gesagt, dass ich nicht reinpasse, aber ich merke das selbst manchmal: Als junge Frau falle ich immer noch auf, und wenn man eine Meinung kund tut, die von der Parteilinie abweicht, eckt man schon stark an. Meistens poste ich solche Gedanken bei Facebook und merke dann, wie viel in den Kommentaren diskutiert wird.

Beim Thema Diesel zum Beispiel: 

Von wegen, der Markt regelt das schon.

Wir atmen alle dieselbe Luft – da ist es egoistisch, wenn jeder seine Freiheit dafür nutzt, anderen zu schaden.

Die FDP ist für mich trotzdem die beste Partei: Sie glaubt an den Verstand des Menschen und appelliert an ihn. Man kann als Mitglied noch viel aktiv mitgestalten. Und sie setzt sich in langer Tradition für Bürgerrechte ein, die leider immer mehr und für allzu viele unbemerkt eingeschränkt werden, zum Beispiel mit dem Staatstrojaner oder Gesichtserkennung in der Videoüberwachung.

Das erkläre ich auch immer den vielen, die wahnsinnig überrascht sind, wenn ich sage, dass ich FDP-Mitglied bin. Es geht ja um die Schnittmenge. Keine Partei ist perfekt."

Ein Mitglied aus der SPD fehlt.

Wir hätten gerne alle Parteien abgebildet und haben auch mehrere Parteimitglieder aus der SPD angefragt. Leider haben alle abgesagt.

Mehr junge Parteimitglieder, die jetzt noch um einen Platz im Bundestag wahlkämpfen lernt ihr in unserer Serie "Politik unter 30" kennen. Tobias Bacherle machte den Anfang.


Tech

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Dramatisch!

Mit dem Instagram-Layout lässt sich auf Profilseiten viel Blödsinn anstellen. Viele Insta-Nerds nutzen die Anordnung von 3x3 Fotos, um perfekte Mosaike oder Riesen-Bilder zu erschaffen. Doch die Kunstwerke könnten bald Geschichte sein. Denn Instagram zeigt bei vielen Nutzern seit kurzem 4x4 statt 3x3 Bilder auf einer Seite. Ergebnis: