Hier erzählen Studenten, warum sie in Budapest auf die Straße gehen.

Erst ging es nur um eine Hochschule – jetzt beschäftigen sich die Proteste mit der Zukunft eines ganzen Landes. In Ungarns Hauptstadt Budapest gehen derzeit Zehntausende Menschen auf die Straße. Sie demonstrieren für den Erhalt der Central European University (CEU) – und zugleich gegen den rechtsgerichteten Ministerpräsidenten Viktor Orbán. 

Dessen Partei Fidesz hatte vergangenen Dienstag ein neues Gesetz verabschiedet, das für ausländische Hochschulen sehr strenge Auflagen vorsieht (Hungarian Free Press). Ab kommendem Jahr dürfen demnach nur noch Hochschulen geöffnet bleiben, die gleichzeitig einen Standort in ihrem Heimatland und in Ungarn haben. Die Neuregelung betrifft vor allem die US-amerikanisch finanzierte CEU, die bislang nur einen Campus in Budapest unterhält (Deutsche Übersetzung des Gesetzes).

Orbán will auf diese Weise die sehr liberal eingestellte CEU zur Schließung zwingen. Er hofft, dass die Hochschule den geforderten neuen Standort in den USA nicht bis zum Jahresende eröffnen wird. Am Montag – einen Tag, nachdem in Budapest rund 80.000 Menschen auf der Straße waren – wurde das Gesetz im Eilverfahren durchgesetzt.

Viele CEU-Studenten halten das Gesetz für einen Angriff auf die Bildungsfreiheit. "Freies Land, freie Universität!" gehört zu ihren wichtigsten Protest-Parolen. Am Mittwoch wollen die Demonstranten erneut auf die Straße gehen.

Auf bento schildern Demonstranten und Uni-Mitglieder, wie sie die Proteste wahrnehmen und was sie sich von der Bewegung für die Zukunft erhoffen.
Flora, 25, lebt in Budapest und Berlin, arbeitet bei einer Berliner Politikberatung und will ab Herbst den Master "Environmental Sciences and Policy" an der CEU absolvieren:

"Ich bin sehr aufgebracht und so geht es sehr, sehr vielen Menschen in Ungarn. Sie sehen durch die aktuellen Proteste, dass viele ihre Angst abgelegt haben und sich trauen, ihre Meinung offen kundzutun. 

Es werden immer mehr Menschen teilnehmen, da bin ich sehr optimistisch. Am Sonntag waren wir um die 80.000, am Mittwoch geht es weiter. Jetzt erst recht! Ich habe das Gefühl, jetzt bewegt sich etwas. Das hatte ich bisher nicht. Ich bin sehr sehr optimistisch, dass wir jetzt die Regierung zum Abdanken bewegen können.

Ich bin sehr sehr optimistisch, dass wir jetzt die Regierung zum Abdanken bewegen können.​

Die Orbán-Regierung ist gescheitert. Sie hat das Land durch Korruption und falsche Wirtschafts- und Steuerpolitik in den Ruin getrieben. Wir hängen quasi am Tropf der Europäischen Union. Gleichzeitig müssen wir als Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union ertragen, wie die Regierung mit ungarischen Steuergeldern fast jede Werbefläche des Landes mit Propaganda-Parolen zukleistert. "Lasst uns Brüssel stoppen", ist fast überall zu lesen.

Das sind Widersprüche, die nichts mehr mit gesundem Menschenverstand zu tun haben. Genauer gesagt ist das Populismus von der ganz üblen Sorte."

Andrea Kóbor, 27, studiert Öffentliches Recht an der CEU und ist Mitorganisatorin der Proteste:
(Bild: privat)

"Ich helfe dabei, die Proteste zu organisieren. Das bindet gerade viel Zeit, die ich eigentlich in der Bibliothek verbringen müsste. Keine Ahnung, ob ich diesen Sommer meinen Abschluss machen kann – aber die Demonstrationen müssen sein. Jeder von uns hat ein Recht darauf, seine Meinung kundzutun. 

Dieses neue Gesetz wird die CEU komplett auslöschen, es ist gleichzeitig ein cleverer wie auch gefährlicher Schachzug der Regierung. Sie will einen offenen Angriff auf die Bildungseinrichtungen hinter komplexen Gesetzestexten verbergen. Ich halte das für einen sehr beängstigenden Weg autoritären Regierens, denn es ist so zwielichtig. 

Für mich ist offensichtlich, dass Orbán eine der besten Unis des Landes schließen will. Die liberale Weltsicht auf dem Campus verträgt sich nicht mit seinen autoritären Nationalstaatsplänen.

Und obwohl am Sonntag Zehntausende Menschen gegen dieses Gesetz auf die Straße gegangen sind, hat Orbán es im Eilverfahren durchgesetzt. Dieser ganze Prozess macht deutlich, dass in Ungarn außer seinem Willen gar nichts mehr zählt – und dass er bereit ist, alles für sein Imperium zu opfern.

Doch wir machen weiter. Wir sind einfach nur Studenten, die durch Wut zusammengebracht wurden. Das hier ist ein historischer Moment in einem Land, das sich gerade von der Demokratie abwendet. Wir werden das nicht zulassen."

Gorana Mišić, 30, ist Politikwissenschaftlerin an der CEU:

Darum geht es im CEU-Streit:

Das neue Hochschulgesetz der ungarischen Regierung fordert von ausländischen Universitäten einen Standort in deren Heimatland – sonst dürfen sie keinen Campus in Ungarn aufmachen.
Es wirkt wie maßgeschneidert auf die Central European University in Budapest. Sie ist eine US-geführte Uni, hat aber in den USA bislang keinen Campus.
Jetzt muss sie bis 2018 eine komplett neue Hochschule in den USA aufbauen – sonst droht ihr in Ungarn die Schließung. Hinter dem Gesetz steht eine persönliche Fehde:
Die CEU wurde vom US-Milliardär George Soros gegründet. Soros hat ungarische Wurzeln, er setzt sich für eine liberale Gesellschaft ein – und gilt als Kritiker des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán.
Orbán hatte früher selbst ein Stipendium von Soros erhalten, heute will er dessen Bildungsförderung unterdrücken: Er will einen starken Nationalstaat, Soros wirft er vor, eine "Hintergrundmacht" gegen ihn aufzubauen.
Das geht mit vielen Verschwörungstheorien einher: Unter anderem wirft Orbán dem Milliardär vor, Flüchtlingsströme aus Syrien nach Ungarn gelenkt zu haben, um das Land zu schwächen.
1/12
(Bild: Stefan Roch)

"Allein der vergangene Sonntag hat gezeigt, dass es längst nicht mehr 'nur' um die Rettung der CEU geht. Die Proteste drehen sich nun um grundlegende Freiheiten und den Umgang mit dem Recht. Außerdem beschäftigen sie sich mit unserer Zukunft, damit, wie wir Bildung begreifen, ob Medien frei berichten können und ob kritisches Denken noch möglich ist. 

Es geht darum, weiterhin mündige Bürger zu erziehen, damit sie von ihrer Regierung Rechenschaft einfordern können.

Es geht also gegen das, was hier 'autoritäre Demokratie' genannt wird. Darum demonstriere ich mit – als CEU-Absolventin, als EU-Bürgerin und als ein Mensch, der sich einer offenen Gesellschaft verpflichtet fühlt.

Ich kann nicht einschätzen, wie es jetzt weitergehen wird. Die Demos werden von Studenten organisiert, schwer zu sagen, wie lange sie durchhalten, wenn das Gesetz nicht zurückgenommen wird. Aber vom offiziellen Standpunkt der CEU kann ich unseren Rektor zitieren: 'Die Uni stimmt mit der Rechtssprechung nicht überein und wird rechtliche Schritte unternehmen.'"

Carl Nordlund, 45, aus Schweden. Ist derzeit als Gast-Dozent für Humanökologie an der CEU:
(Bild: Asia Dér)

"Die Aufregung hat zwar um das CEU-Gesetz begonnen, aber mittlerweile geht es um viel mehr: um die EU, um Freiheit, Demokratie und den Politikstil Orbáns. Die Sprechchöre waren nicht bloß 'Freies Land, freie Universitäten', sondern auch 'Russland raus' – der gleiche Spruch, mit dem 1956 der Aufstand gegen die sowjetischen Besatzung begann.

Ich habe meinen Abschluss in Schweden gemacht, bin aber gerade als Forscher an der CEU. Egal, ob Studenten aus Ungarn oder dem Ausland - gerade halten alle sehr zusammen. Die Atmosphäre am Campus ist sehr gemischt: Ich erlebe Trauer, Wut, Schock und Resignation. Ich habe jedoch nicht einen getroffen, der mit der Situation glücklich ist.

Die Regierung schießt sich in den eigenen Fuß bei all den Forschungsgeldern und dem Wissen, das die CEU nach Budapest bringt. Trotzdem drückt sie es durch.

Eigentlich sollte eine Bildungseinrichtung nicht in so eine Lage geraten, zumindest nicht im Europa des 21. Jahrhunderts. Wir sind frei und unabhängig nach westlicher Manier – deshalb bekommen wir ja auch so viel Zuspruch von Nobelpreisträgern aus aller Welt. Auch wenn das Gesetz nicht zurückgenommen wird, wird die CEU trotzdem bleiben. Komme, was wolle."


Today

Wer will, kann sein Kind jetzt Kuddel nennen - das sind die Namen des Jahres 2016
Spoiler: Kevin ist nicht dabei

Ganz schön spießig: Die Deutschen kriegen nicht nur weniger Kinder, bei der Namenswahl gehen sie auch noch auf Nummer sicher. Das zeigt die neue Namensstatistik für 2016, die die Gesellschaft für deutsche Sprache vorgestellt hat. Beliebt sind demnach vor allem klassische Namen - wie auch in den vergangenen Jahren. Für die Top 10 der Mädchen- und Jungen-Namen wurden 650 Standesämter in ganz Deutschland befragt. (SZ)