Bild: Getty Images/Carl Court
Was uns die Anschläge von Brüssel über die Terrormiliz sagen.

Im Netz ist die zynische Freude unter den Anhängern des "Islamischen Staates" (IS) nach den Anschlägen in Brüssel groß. Ein Account auf Twitter verbreitet Bilder mit blutigen Fußabdrücken auf der belgischen Flagge, ein anderer zeigt IS-Kämpfer, die auf das Land zumarschieren. "Brüssel, wir kommen" steht daneben. Der dem IS zugeordnete Mediendienst Al-Khayr veröffentlicht Fotos, auf denen IS-Kämpfer zu sehen sein sollen, die "zur Freude" über die Angriffe Süßigkeiten im selbst ernannten Kalifat verteilen.

Ein IS-Anhänger fasst auf Twitter nüchtern zusammen: "1. Es gibt einen Staat namens Belgien, der einen Staat namens Daesh bombardiert. 2. Daesh schwört Rache. 3. Orte in Belgien werden mit Bomben angegriffen." Daesh ist das arabische Akronym für den "Islamischen Staat im Irak und in Syrien".

Der Hashtag, unter dem die Netz-Dschihadisten auf Arabisch ihre Propaganda verbreiten, lautet übersetzt #Razwa_Brüssel. Die Nutzung des Wortes Razwa – Raubzug – ist nicht zufällig gewählt. In den Anfangszeiten des Islam dehnte der Prophet Mohammed mit solchen Razwat, sein Reich aus. Das deutsche Razzia leitet sich davon ab.

Was in Brüssel geschah – der Überblick in der Fotostrecke
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Wenn der IS nun seine Anschläge in Westeuropa als Razwa bezeichnet, dann sollen sie genau an die glorreichen Anfänge des Islam erinnern – und das Morden als mutmaßlich gottgefällig legitimieren. Der IS will sich damit größer machen, als er ist.

Längst ist die Terrormiliz in ihrem Kerngebiet auf dem Rückzug. Als IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi im Frühsommer 2014 sein Kalifat ausrief, ging es den Dschihadisten noch um regionale Ausdehnung und Konsolidierung ihrer Gebiete. Plakative Attentate im Rest der Welt – nach Handschrift des gegnerischen Netzwerkes Al-Qaida – lehnte Al-Baghdadi zunächst ab.

Nun aber schrumpft das Kalifat. In Syrien hat der IS im vergangenen Jahr ein Fünftel seiner Fläche verloren, im Irak gar doppelt so viel (The Independent). Die meisten Muslime lehnen Al-Baghdadi als selbsternannten Stellvertreter des Propheten (denn das bedeutet "Kalif") ab, zu Tausenden flüchten sie nach Europa. Nichts schmerzte die vermeintlichen Vorzeigemuslime mehr.

Wie junge Menschen mit den Anschlägen von Brüssel umgehen:

Die Neuausrichtung auf Anschläge fernab Syriens und des Iraks sind daher auch ein Wunsch nach neuer Größe. Die einst lokale Miliz will zum globalen Terrornetzwerk reifen. Mit Blick auf Europa gelingt ihr das immer besser.

Der norwegische Terrorexperte Thomas Hegghammer glaubt, dass es erstmals einer IS-Zelle möglich war, zwei Mal kurz hintereinander in Europa zuzuschlagen, ohne vorher ausgehoben zu werden:

Hinter den Attentaten in Paris im November mit 130 Toten sollen die gleichen Drahtzieher stecken wie hinter den Anschlägen von Brüssel. Beide Taten waren ähnlich komplex und von langer Hand geplant. Sicherheitskräfte suchen nun nach Najim Laachraoui, dessen DNA laut belgischen Berichten auf Sprengstoff gefunden wurde, der in Paris verwendet wurde. Jetzt soll er kurz vor den Brüsseler Anschlägen auf Überwachungskameras am Flughafen zu sehen sein. (SPIEGEL ONLINE)

Dass Laachraoui – und auch der erst kürzlich gefasste und für Paris mitverantwortliche Salah Abdeslam – sich so frei bewegen konnten, zeigt nicht nur, wie schlecht die europäischen Sicherheitsbehörden aufgestellt und koordiniert sind. Es zeigt auch, wie sehr sich IS-Anhänger in Europa professionalisiert haben und ihre eigenen Netzwerke unter dem Radar weben konnten.

"Jeder Wannabe könnte jetzt gewalttätig werden."
Politologe Clint Watts

"Das ist ein europaweites Problem, das eine geeinte und koordinierte Antwort erfordert", sagt Clint Watts, Politologe am US- Forschungsinstitut FPRI, mit Blick auf die neue Agilität des IS in Europa. Die Terrormiliz spreche in der Ferne nicht nur Einzelkämpfer, sogenannte lone wolfs an. Sie aktiviere komplette Netzwerke. Und durch erfolgreiche Attentate wie in Brüssel fühlten sich die Dschihadisten neu motiviert: "Für jeden Wannabe könnte die heutige Medienaufmerksamkeit der entscheidende Anstoß sein, gewalttätig zu werden." (FPRI)

Der IS träumt von einem Endkampf: Die "wahren Muslime" gegen den ungläubigen Rest der Welt. All die Muslime, die friedlich im Nahen Osten oder in Europa leben, passen ebenso wenig in die Wirklichkeit des IS wie der als "Kreuzfahrerhort" verunglimpfte Westen. Die dem IS nahestehende Webzeitung An-Naba titelte: "Der Islamische Staat hat Kreuzfahrer-Europa erneut durchschüttelt".

Die Attentäter sollen vor ihrer Tat Waffen gehortet haben, Chemikalien und Splitterbomben. Für die Psyche der Dschihadisten ist das wichtig; sie sehen sich als moderne Version der Razwa-Kämpfer aus der Frühzeit des Islam. Auch die gut koordinierten, aber doch so plötzlichen Angriffe in Brüssel erinnern daran. Die Unmittelbarkeit und die Öffentlichkeit der Anschlagziele sollen den Terror unvermeidlich erscheinen lassen, sollen Angst schüren. (Soufan Group)

Aber es geht um mehr als nur Angst. Gerade weil der IS in seinem vermeintlichen Kalifat auf dem Rückzug ist, sind die Gräueltaten in Europa auch eine neue Form der Aufmerksamkeit für den schwächelnden IS. Und eine bewusste Provokation: Nach den Anschlägen in Paris schwor Präsident Francois Hollande, den IS zu "zerstören". Kurz darauf bombardierten französische Rafale-Jets IS-Stellungen nahe der nordirakischen Stadt Mossul. (SPIEGEL ONLINE)

Nichts "Schöneres" konnte sich die IS-Führung damals wünschen. Sie will ihr Kalifat als Staat verstanden wissen, der es wert ist, angegriffen zu werden. Die Welt soll schwarz und weiß werden. Unterteilt in gläubig und ungläubig.

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