Bild: Rena Föhr

Den Abend vor dem Referendum habe ich in meinem Bett im britischen Bristol verbracht, nicht vor dem Live-Stream. Ich muss mir die Auszählung der Stimmen nicht anschauen, dachte ich. "Die treten schon nicht aus", sagte ich zu meiner philippinischen Mitbewohnerin Anne. "Wird schon gut gehen."

Es ging nicht gut.

Freitagmorgen wachte ich auf, weil Anne und mein niederländischer Mitbewohner Jelle im Flur diskutierten. "EU", "Leave", "What now?", diese Fetzen drangen an mein Bett. Ich stolperte heraus: "Rena, wir sind raus aus der EU!", sagten sie. "Macht ihr Witze?"

In der Fotostrecke: Was denken junge Briten jetzt?
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In unserer Wohnung in Bristol, im Südwesten Englands, leben fünf Menschen aus fünf Ländern: Mexiko, Philippinen, Niederlande, Italien und Deutschland. Alle studieren oder promovieren. Allzu politisch ist unsere WG nicht: Beim Morgenkaffee besprechen wir meist, was wir am Wochenende vorhaben und eher selten, was in den Nachrichten läuft.

Heute Morgen lief der BBC-Livestream statt Spotify.
(Bild: Rena Föhr)

Wir sprachen darüber, was wir der EU verdanken. Mein Masterstudium in Bristol finanziere ich mit einem Stipendium, das die EU-Studiengebühren abdeckt. Auch meine Mitbewohner und Freunde leben größtenteils dank Stipendien hier, andere arbeiten in EU-Forschungskooperationen.

Doch was ist mit jenen, die solche Privilegien nicht genießen?

Anne setzt sich für Flüchtlinge ein, sie sagte: "Nun wird Fremdenfeindlichkeit noch salonfähiger. Wenn es schon gängig war, Immigranten zu beschimpfen, was jetzt? Jetzt werden Leute sagen: 'Wir haben abgestimmt, die EU zu verlassen. Ihr solltet überhaupt nicht hier sein, bald müsst ihr raus.'"

Ein guter Freund von uns, Pakistaner, arbeitet und lebt seit sieben Jahren in Großbritannien, in zwei Jahren wollte er den britischen Pass beantragen, freute sich darauf, sich frei in der EU bewegen, womöglich auch einmal in einem anderen EU-Land zu arbeiten. Wir mussten an ihn denken und riefen ihn an. "Ich bin richtig angepisst", sagte er. "Alte Menschen haben über meine Zukunft entschieden."

Überhaupt, die alten Briten. Mehrmals poppte an diesem Morgen in meiner Facebook-Timeline diese Grafik auf. Sie zeigt: Diejenigen, die am längsten mit den Konsequenzen des Referendums leben müssen, wollen in der EU bleiben. (Inzwischen weiß man, dass sogar 75 Prozent der Jungen für "Remain" gestimmt haben.)

Außerdem häufig: zornige Schotten. Ein Freund aus Edinburgh postete: "Well, that's the end of the United Kingdom then. #goodbyeengland". "Ich bin am Boden zerstört. Und ich finde es peinlich", schrieb eine englische Kommilitonin.

Und immer wieder teilten meine Freunde dieses Graffiti:

(Bild: Getty Images/Matt Cardy)

Auch auf den Straßen Bristols hörte ich heute nur dieses eine Thema: Vor einem Café standen zwei Männer. "Das ist der traurigste Tag seit Langem", sagte der eine, etwa 40 Jahre alt. Der zweite, ein Mittfünfziger, gab zu: "Ich glaube, ich lebe in einer komfortablen Blase unter Linken. Bis heute Morgen hatte ich die Entwicklungen der vergangenen Monate total unterschätzt."

(Bild: Rena Föhr)

Darin erkenne ich mich wieder. Hier, im Univiertel, habe ich nur einen einzelnen Zettel an einer Fensterscheibe von der "Leave"-Kampagne entdeckt. Zwei Mal bekam unser Haus Post von der "Leave"-Kampagne, aber die meisten Flyer und Poster warben für den Verbleib in der EU.

Doch in der Uni-Bib erzählte mir Miguel, ein mexikanischer Freund: "Man muss nur den Fluss überqueren, dann sieht es komplett anders aus. Ich war über Nacht bei einem Kumpel in Southville (eine Arbeitergegend, Anmerkung der Redaktion). Die Fenster sind voller "Leave"-Plakate. Heute Morgen war dort Feierstimmung. Ältere Menschen haben sich auf der Straße zugejubelt: 'Yeah! Wir haben gewonnen!’'"

In London ist der Tod von Jo Cox noch sehr präsent. Die Politikerin wurde kurz vor dem Referendum ermordet (Bild: Rena Föhr)

Das ist das andere England, das, was ich bisher noch nicht kannte. Ein England, in dem Nationalstolz zählt, nicht europäische Gemeinschaft. Ob ihnen bewusst ist, worauf sie in Zukunft verzichten werden? Ich kann es mir schwer vorstellen, vielen anderen Menschen in meinem Umfeld geht es genauso. Sie schwanken heute zwischen sarkastischen Witzen, Wut und Hoffnung. Ein Freund schrieb mir: "Wenn wir Glück haben, bekommen wir irgendwas hin, was unsere Situation nicht stark verschlechtert. Besser wird es jedenfalls nicht."

Wohin es mich nach meinem Master verschlägt, weiß ich noch nicht. Unter anderem überlege ich, für eine Zeit nach Frankreich oder Portugal zu ziehen. Als EU-Bürgerin kann ich dort schließlich ohne Visum leben und arbeiten. Ich bin froh über dieses Privileg – und traurig, dass meine britischen Freunde es bald nicht mehr haben werden.

Noch mehr Brexit


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