Auch wenn es die Älteren nicht verstehen: Wir brauchen die Idee von Europa jetzt mehr denn je.

"Was dieses Interrail und Erasmus war, werden wir unseren Enkeln später mal erklären müssen", das schrieb mir meine Schwester heute morgen. Zynisch, übertrieben, Galgenhumor? Ich weiß es nicht.

Ehrlich gesagt habe ich Angst, dass es die Welt, in der ich die vergangenen 25 Jahre groß geworden bin, so bald nicht mehr gibt. Jetzt, wo sich eine Mehrheit der Briten dafür entschieden hat, aus der EU auszutreten.

Dass ich im September für ein Jahr nach Großbritannien gehe und dort an der London School of Economics einen Master im europäischen Wettbewerbsrecht mache, klingt jetzt ziemlich ironisch. Was ich da wohl lernen werde? Und brauche ich jetzt eigentlich ein Visum? Die Uni schreibt, dass die Studiengebühren für EU-Bürger nicht erhöht werden. Besten Dank auch.

In der Fotostrecke: Was denken junge Briten jetzt?
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Als ich geboren werde, 1991, ist Deutschland schon wieder vereint. Zwei Jahre später am 1. November 1993 tritt der Vertrag von Maastricht in Kraft, der Gründungsvertrag der Europäischen Union. Weitere zwei Jahre danach fallen mit dem Schengen-Abkommen die innereuropäischen Grenzen. Als ich zehn bin, tausche ich mein Taschengeld von DM in Euro. Ich lerne Englisch, Italienisch und Französisch in der Schule, fahre zum Schüleraustausch nach Foggia, Bergamo und Lyon.

Nach dem Abitur gehe ich mit meiner Schwester auf Interrailtour über den Balkan, Istanbul, Griechenland und Italien. Im Jurastudium ziehe ich mit dem Erasmusprogramm für ein halbes Jahr nach Istanbul. Zur gleichen Zeit sind fast alle meine Freunde in Europa verstreut: London, Paris, Bordeaux, Prag, Lissabon, Bergen, Warschau, Brügge, Göteborg, Dublin. Wir sind jetzt international.

In der Fotostrecke: So sieht #erasmus auf Instagram aus

We are Family

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Europa war im Geschichtsunterricht in der Schule immer das, wofür meist keine Zeit mehr blieb. Noch schnell ein bisschen Schumann-Plan und Montanunion. Die Union ist Gegenwart, nicht Geschichte. Darüber muss man sich keine Sorgen machen.

Erst 2015 merke ich zum ersten Mal, dass wir die EU nicht für gegeben hinnehmen dürfen. Da hatte ich eine Erasmusfreundin in Wien besucht, auf dem Heimweg stehe ich zwei Stunden in der Grenzkontrolle.

Ist das jetzt das neue Europa?

Ein Staatenbund, der Menschen in Not die Wege versperrt? Wo Politiker Ängste und Hass schüren?

Mein Bild von Europa hat in den vergangenen Monaten immer mehr Risse bekommen, seit gestern wackelt das Fundament gehörig. Müssen wir uns wieder an Grenzen gewöhnen? Wollen wir uns wirklich selbst diese Freiheit nehmen?

Der Brexit war eine demokratische Entscheidung. Die (knappe) Mehrheit des britischen Volkes hat für den Austritt gestimmt. Aber demokratische Entscheidungen können auch verdammt ungerecht sein. Besonders dann, wenn aus einer Demokratie eine Gerontokratie wird.

Diejenigen, die mit dem Ergebnis des Referendums am längsten leben müssen, waren mehrheitlich für einen Verbleib Großbritanniens in der EU: 64 Prozent der 18- bis 24-Jährigen haben gegen den Brexit gestimmt, aber nur 33 Prozent der über 65-Jährigen, das sagt zumindest eine aktuelle Statistik von YouGov. Hinzukommen all jene junge Engländer, die noch gar nicht wählen durften.

"Generation Y an Generation Rollator: Das ist unsere Zukunft!", möchte man da schreien.

Auch wenn es die Generation der Älteren nicht versteht: Wir brauchen die Idee von Europa jetzt mehr denn je. In Zeiten Globalisierung und Digitalisierung wieder Grenzen zu errichten, ist geradezu paradox.

Ich werde in zwei Monaten trotzdem nach London gehen. Es ist ein Aufbruch ins Ungewisse, aber auch in eine spannende Zeit. Ich glaube daran, dass wir jungen Europäer an dem europäischen Gedanken festhalten werden, gerade weil wir damit aufgewachsen sind.

Meinen schockierten Facebook-Post von heute Morgen haben Freunde mit zehn verschiedenen Nationalitäten gelikt. Darunter: Meine ehemalige Gastschwester vom Italienaustausch, drei Erasmusfreunde und ein Bekannter vom Interrailtrip. Das junge Europa eben.

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