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Vor zwei Jahren war der junge Labourhype groß – und die Wahlbeteiligung ernüchternd. Wie sieht es heute aus?

Vor ein paar Tagen postete der Labour-Parteichef Jeremy Corbyn ein Video auf Twitter. Darin sitzt er neben einem Kamin und liest eine Handvoll “Mean Tweets”. Das Format wurde vom US-Talker Jimmy Kimmel erfunden und oft kopiert: Prominente lesen, was Böses über sie geschrieben wurde.

"Kostenloses Studium für alle? Wo findet Corbyn das Geld eigentlich?" lautet ein Tweet. "Auf den Kaimaninseln!" sagt Corbyn lächelnd in die Kamera. "Kann mir jemand erklären, wer Jeremy Corbyn ist?" fragt ein anderer Twitter-User. "Der nächste Premierminister" antwortet Corbyn und gibt seinem Assistenten ein Highfive.

Über das Video schrieb Corbyn "Das hat überraschend viel Spaß gemacht". Und vielleicht fasst dieser kleine Clip das Verhältnis des Labour-Chefs mit den jungen Wählerinnen und Wählern überraschend gut zusammen:

Die Themen, die Corbyn setzt und die Formate, die er wählt, sind auf jüngere Briten und Labouraktivisten ausgerichtet. Jeremy Corbyn als cooler Typ, als Kumpel, als alter Mann, der weiß, was die Jungen wollen – und wie er sie erreichen kann.

Diese Inszenierung hat schließlich schon einmal viele begeistert:

Als Corbyn 2017 mit Labour den Vorsprung der Konservativen in den letzten Tagen aufholte, war von einem ‘Youthquake’ die Rede - einem “Jugendbeben”. Prominent unterstützt hatte ihn vor allem die Musikszene: Die Initiative “Grime4Corbyn” machte mit Rap, Moshpits und großen Parties Stimmung für Labour. (Guardian) Die Gruppe sprach Leute an, die sonst selten wählen, die Jugend in den Großstädten, die öfter einer Minderheit angehören.

Aber trotz des Hypes musste man nach der Wahl feststellen: Die Beteiligung jüngerer Wähler war nicht gestiegen. Es gab kein Beben. (BBC)  Und die prominenten Unterstützer von damals? Viele zeigen sich heute enttäuscht, fühlen sich missbraucht, einige haben sich distanziert: AJ Tracey, der 2017 in der offiziellen Wahlwerbung auftauchte, sagt der britischen Zeitung ‘The Observer’, er werde nicht Corbyn wählen, sondern die Grünen. “Wir haben ihm sehr geholfen, und er hat nichts daraus gemacht” sagte Tracey über den Labour-Chef. 

Stormzy, einer der bekanntesten jungen Rapper, hält allerdings weiterhin zu Corbyn. Und auch sonst gilt Labour bei dieser Wahl als die Partei der Jugend. Vor zwei Jahren bekam Labour 60 Prozent der Stimmen von Menschen zwischen 18 und 29 (Yougov). In den aktuellen Umfragen sieht es ähnlich aus. Ohne junge Wähler würden die Konservativen die Wahl mit Abstand gewinnen.

Doch der Brexit scheint die Kluft zwischen den Generationen zu vertiefen. Junge Briten kennen kein Leben außerhalb der EU, sie fühlen sich dem Festland Europas verbunden und fürchtet sich vor dem, was es zu verlieren gibt: Die Gelegenheit, überall in Europa zu wohnen, zu lernen und zu lieben. Junge Wähler stimmten in der Regel für "Remain“ und nehmen Labour als die „Remain“-Partei wahr, obwohl Corbyn in dieser Frage ausweicht. (BBC)

Zukunftsfragen, die jüngere Wähler insbesondere treffen, spielen im Labour-Wahlprogramm eine prominente Rolle: Besonders wichtig ist im Jahr 2019 das Klima. Auch dank Greta Thunberg und Extinction Rebellion ist das zum ersten mal ein echtes Thema bei der Wahl geworden. Die Angst um die Zukunft des Planeten motiviert junge Wähler und wird ständig als Grund, Labour zu unterstützen, erwähnt. Die Partei verspricht einen “Green New Deal” und die Klimaneutralität bis 2030.

Auch der Mangel an Wohnungen und steigende Mieten sind Themen, die besonders jüngere Wähler bewegen. In Großbritannien ist Wohneigentum ein Statussymbol, Job und Hauskauf sind stark mit dem Gefühl verbunden, erwachsen zu werden und anzukommen. Doch der alte Traum vom klassischen britischen Leben ist in Gefahr. Der jüngeren Generation geht es in Teilen wirtschaftlich schlechter als den Eltern. Die Frage für sie ist: Wie mache ich weiter? Worauf arbeite ich hin? Werde ich eine vernünftige Wohnung haben - oder nicht? Labour verspricht bis 2024 den Bau von 50.000 neuen erschwinglichen Sozialwohnungen pro Jahr und eine Mietobergrenze. Die Konservativen wollen ihrerseits 300.000 neue Häuser im Jahr bis ungefähr 2025.

In den letzten Jahren sind diese Ängste nur gewachsen. Diese Wahl gibt jungen Menschen die Chance, ihren Sorgen Ausdruck zu verleihen. Und es gibt erste Hinweise, dass jüngere Menschen dieses Mal die Gelegenheit nutzen wollen:

Ungefähr 40 Prozent mehr Menschen unter 25 haben sich für die Wahl registriert als vor zwei Jahren. Insgesamt mehr als eine Million. Ob sie wirklich alle auftauchen, werden wir allerdings erst nach der Wahl wissen. 

Denn auch in Großbritannien wählen jüngere Leute seltener als ältere. Und wie immer gilt: Die Stimmen der Engagierten sind laut. Oft sind es die Ungehörten, die eine Wahl entscheiden.

Am selben Abend, an dem Corbyn die gemeinen Tweets vorlas, veröffentlichte auch Boris Johnson einen Clip: Eine Anspielung auf die berühmte Plakat-Liebeserklärungs-Szene aus "Tatsächlich Liebe". Boris Johnson bittet um die Stimme der Wähler – und warnt davor, dass bei einem wenig eindeutigen Ergebnis sonst eine weitere Hängepartie mit Debatten über den Brexit bevorstünde. 

Der Clip ist sauber produziert, gut gemacht und dieses Video offenbart, an wen Johnson sich wendet: Weniger Klimakatastrophe, mehr britische Gemütlichkeit. Weniger YouTube, mehr DVD. Wahrscheinlich wird auch diese Wahl eine Generationenfrage bleiben.


Uni und Arbeit

Ein Lifestyleprojekt, kein Anlageobjekt: Warum bauen junge Leute Häuser?
Hunderttausende Euro, festgelegt für immer? Zwei Paare erzählen vom Hausbau – und wie sie es finanzieren.

Als Mara* und Lukas* im Oktober durch das Fenster ihres Rohbaus klettern, scheint die Sonne. Sie stehen auf einem Fundament aus Beton, um sie herum die Wände ihres eigenen Kellers. "Es war so ein schöner Moment, als wir realisierten, dass hier mal unser Haus stehen wird", sagt Mara.

Sie ist 25 und baut mit ihrem Mann Lukas, 29, ein Eigenheim. Dass das jemand in ihrem Alter macht, wird immer seltener: In den vergangenen 20 Jahren sank die Anzahl der 25- bis 34-Jährigen, die in den eigenen vier Wänden wohnen, kontinuierlich. 2017 besaßen nur zwölf Prozent der jungen Menschen in Deutschland Wohneigentum. Das zeigt eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln im Auftrag der Bausparkasse Schwäbisch Hall (SPIEGEL). Die Hürden für den Hausbau sind hoch: Für eine Immobilie benötigt man entweder genug Eigenkapital oder muss sich kurz nach dem Berufseinstieg hoch verschulden. Wie leisten Mara und Lukas sich ein Haus – und warum? 

Irgendwie habe der Plan schon immer festgestanden, sagt das Paar aus Süddeutschland. Es sei ihr Kindheitstraum gewesen. Warum keine Altbauwohnung in der Großstadt zur Miete – mehr Unabhängigkeit, mehr Flexibilität? So stellen Mara und Lukas sich ihre Zukunft nicht vor, das war nie ihre Vorstellung vom Leben. Schließlich wuchsen beide selbst in Einfamilienhäusern auf, mit Garten, auf dem Dorf. 

Seit achteinhalb Jahren sind die zwei zusammen. Schnell war klar, wo es für die beiden langfristig hingehen sollte: Schon nach zwei Beziehungsjahren hätten sie sich darauf geeinigt, kein Haus zu kaufen, sondern selbst eines zu bauen, erzählt Lukas. Im Sommer dieses Jahres heirateten die beiden, gerade wohnen sie mietfrei bei Maras Eltern im Haus in einer Einliegerwohnung. 

Vor drei Jahren begann das Paar die Suche nach einem Grundstück. Die beiden wollten in der Nähe ihrer Eltern bleiben, die nur sieben Minuten voneinander entfernt wohnen. Sie fanden ein geplantes Neubaugebiet im Nachbarort. Vor einem Jahr kam dann die Nachricht: Sie dürfen dort ein Grundstück kaufen. 500 Quadratmeter Bauplatz, 200.000 Euro.

Mara und Lukas finanzieren ihren Hausbau auf dem Land mit Eigenkapital und einem Kredit. Mara arbeitet seit fünf Jahren als IT-Beraterin, Lukas seit dreieinhalb Jahren als Ingenieur. Sie legen beide schon lange monatlich Geld zur Seite und haben, auch weil sie keine Miete zahlen müssen, so bereits eine Summe angespart. Konkrete Zahlen möchten die beiden aber nicht nennen. 

Die beiden sind in einer ziemlich privilegierten Situation: Auch von ihren Eltern bekommen sie finanzielle Unterstützung für den Hausbau. "Den Kredit werden wir daher nicht abbezahlen müssen, bis wir 67 sind, und wir können auch weiterhin in den Urlaub fahren. Das war uns wichtig." Er gibt zu: