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Das Referendum lässt viele schockiert zurück. Aber es gibt auch Fans.

Der Brexit kommt – eine Mehrheit der Briten hat am Donnerstag für einen Ausstieg aus der Europäischen Union (EU) gestimmt (bento I). Das Land, welches das "United" im Namen trägt, wird also in Zukunft einen Einzelweg einschlagen. Premierminister David Cameron, der gegen den Ausstieg war, hat infolge der Abstimmung seinen Rücktritt angekündigt (bento II).

Das Referendum spaltet das Land. In Umfragen hatten sich vor allem ältere Menschen für den Brexit ausgesprochen, jüngere Wähler waren mehrheitlich für den Verbleib in der EU (YouGov).

Wir haben junge Briten gefragt: Wie fühlt ihr euch am Tag nach dem Referendum? Was denkt ihr jetzt über eure Zukunft – und die Großbritanniens?
Beki, 22, KfZ-Gutachterin aus Boston (Lincolnshire)
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Ich bin glücklich über das Ergebnis und glaube, das ist genau das, was unser Land jetzt braucht. Wir waren lange verunsichert, in welche Richtung sich Großbritannien und die EU entwickeln. Der Brexit ist jetzt die Chance, wieder für uns selbst einzustehen und an uns zu glauben.
„Wir dürfen uns nichts von anderen Ländern diktieren lassen.“
Teil von Europa zu sein, mag lange gut gewesen sein, aber es musste sich was ändern. Unser Gesundheitswesen ist zum Beispiel am Boden. Ich hoffe, dass dafür jetzt wieder mehr Geld frei wird. Großbritannien kann wieder eigene Entscheidungen treffen – nicht nur finanziell, sondern auch mit Blick darauf, was am Besten für unser Land ist. Wir dürfen uns nichts von anderen Ländern diktieren lassen.

Dieses Gefühl teile ich mit vielen Freunden: Wir sind die neue Generation Großbritannien und auch unsere Kinder und Enkel würden noch darunter leiden, wenn wir nicht für uns eingestanden wären. Aber klar, ängstlich bin ich auch. Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergeht – also ob das tatsächlich die richtige Entscheidung war.

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Tom, 27, Lehrer aus North Tyneside
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Ich war die ganze Nacht auf, um das Ergebnis abzuwarten. Am Anfang hätte ich mir nie vorstellen können, dass sich so viele Leute von den Angstmachern in unserem Land anstecken lassen. Aber je länger ich die Hochrechnungen verfolgte, desto mehr wandelte sich eine nagende Angst in Schock. Jetzt ist da ein unangenehmer Mix aus Verzweiflung, Unglauben und Wut in mir. Und auch Scham.
„Die Alten feiern den Brexit nun mit dieser Selbstgefälligkeit.“
Die Alten und Xenophoben im Land feiern nun den Brexit mit dieser Selbstgefälligkeit. Dabei sind es wir Jungen, die nun am längsten mit dieser Entscheidung leben müssen.

Keine Ahnung, wie es weitergeht. Der Pfund ist jetzt schon abgestürzt, Cameron zurückgetreten. Ich bin zwar kein Fan von ihm, aber ich kann nicht erkennen, wer für den Job geeignet wäre. Boris Johnson? Nein danke. Ich fürchte auch, dass nun Schottland austreten will und wir mehr als ein Jahrzehnt brauchen, um neue, stabile Handelsbeziehungen mit der EU aufzubauen. Ich wünsche mir natürlich, dass ich falsch liege. Aber ich habe mehr Zweifel als Hoffnung. Wir haben uns entschieden, die beste Partnerschaft wegzuschmeißen, die wir je hatten.
Jasmine, 26, freiberufliche Autorin aus Chester
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Ich glaube, sogar die "Leave"-Befürworter waren geschockt von dem Ergebnis. Alle waren geschockt. Wir wussten, es würde knapp werden, aber ich denke, die wenigsten haben damit gerechnet, dass "Leave" tatsächlich gewinnen würde. Ich hatte gehofft, dass diejenigen, die unschlüssig waren, mit dem Status quo gehen und "Remain" wählen würden. Mehr als 30 Prozent der Briten haben traurigerweise gar nicht gewählt.
„Ich habe Angst vor einer Welt mit Boris Johnson und Donald Trump.“
Ich habe Angst vor einer Welt, in der Boris Johnson neuer Premierminister wird und Donald Trump womöglich Präsident der USA. Ich habe Angst, dass junge Menschen nicht mehr einfach ins Ausland reisen können. Als Studentin habe ich Erasmus gemacht, es wäre schrecklich, wenn junge Briten diese Möglichkeit nicht mehr hätten oder wenn Leute aus dem Ausland nicht mehr so einfach nach Großbritannien kommen könnten. Wir sind zunehmend isolierter.

Ich werde nach Möglichkeiten suchen, um wieder Teil der EU zu werden, so verbunden fühle ich mich zur EU, so sehr bin ich Europäerin. Ich spaße mit meinen deutschen Freunden darüber, dass wir jetzt heiraten müssen, damit ich Deutsche werden kann. Viele Briten schauen sich gerade nach Optionen um. Einige wollen nach Schottland ziehen, wenn die Schotten für ihre Unabhängigkeit stimmen sollten oder woanders hin, wo sie von den Effekten des Referendums nicht betroffen sind.
Jonathan, 21, Student aus Preston
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Das Referendum hat einen tiefen Riss durch die konservative Partei gezogen, eigentlich durch das ganze Land. Die eine Hälfte ist begeistert, die andere am Boden zerstört. In jeder Freundesgruppe, jeder Familie, jeder Gemeinschaft ist das gerade so. Mein Vater und ich haben wochenlang über das Referendum diskutiert. Wir haben jetzt einen Waffenstillstand ausgemacht und reden einfach nicht mehr darüber.
„Das Referendum hat einen tiefen Riss durch das Land gezogen.“
Ich hatte Angst vor dem Ergebnis, aber gestern war ich dann doch vorsichtig optimistisch. Alle um mich herum haben "Remain" gewählt. Cameron hat das Vertrauen seiner Partei und auch des Landes verloren, es war abzusehen, dass er im Fall eines "Leave" zurücktreten würde. Alle fürchten jetzt, dass der nächste Premierminister Boris Johnson oder einer seiner rechten Anti-EU-Kumpanen werden könnte.

Ich habe die Befürchtung, dass der Austritt Großbritanniens das Ende der Europäischen Union sein wird, da andere Länder jetzt auch ein Referendum fordern werden.
Michelle, 27, Anwältin aus Belfast
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Ich bin über das Ergebnis total empört. Obwohl fast ganz Nordirland für den "Remain" gestimmt hat, werden wir nun mit dem Rest von Großbritannien zum Brexit gezwungen.
„Ich fürchte, das ist der Beginn eines neuen, engstirnigen Großbritanniens.“
Meine Freunde, meine Kollegen und ich selbst, wir begreifen uns als Bürger Europas. Ich kann mich glücklich schätzen, viele europäische Freunde zu haben. Sich frei durch den Kontinent bewegen zu können, ist unser Recht.

Was wird der Brexit nun bedeuten? Ich denke mal, strengere Grenzkontrollen sind unausweichlich – das trifft dann gerade uns Iren auf unserer Insel. Es wird neue Restriktionen geben, unsere Handelsbeziehungen und Investments werden den Bach runtergehen. Ich habe richtig Angst, dass dieses Referendum der Beginn eines neuen, engstirnigen Großbritanniens ist.
Paul, 25, Makler aus Chester
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Ich habe für "Leave" gestimmt, hätte aber nicht gedacht, dass wir es tatsächlich schaffen. Jetzt wissen die EU und Großbritannien, woran sie sind. Die Unsicherheit zuvor hatte uns runtergezogen.
„Wenn sich fremde Länder in deine Politik einmischen, geht das nicht.“
Für viele hier ist die EU ein aufgeblähtes Bürokratieding. Wenn sich fremde Länder in deine Politik einmischen, geht das nicht. Staatschefs, die wir nicht mal mit Namen kennen, sagen unserem Parlament, was zu tun ist. Griechenlands Finanzkrise wurde so weiter vorangetrieben und auch die Flüchtlingsfrage hat so für viele Probleme gesorgt. Diese Offene-Tür-Politik von Merkel war zum Beispiel ein Riesenfehler. Ich halte sie zwar für richtig – aber sie war falsch vermarktet. So wurde das Misstrauen in die EU nur größer.

Ich war allerdings nur für den Brexit, weil mir David Camerons Politik nicht gefallen hat. Seine Verhandlungen mit der EU waren ein Witz, er hat nichts erreicht außer noch mehr Instabilität. Nun müssen wir daran glauben, dass wir es alleine schaffen können. Und es wird auch klappen: Wenn jetzt die Märkte verrückt spielen, dann sind das Banker, die mit dem Geld der Leute spielen. Dauerhafte Auswirkungen wird es aber nicht haben.
Anna, 31, politische Beraterin in London
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Ich bin überrascht. Ich habe dafür gestimmt, dass wir bleiben, weil ich überzeugt bin, dass das Vereinigte Königreich als Teil der EU eine stärkere Rolle in der Welt spielen kann als alleine. Außerdem ist dieses Land für seine Weltoffenheit bekannt und beliebt und es ist enttäuschend, dass dies nun ein Stück weit in Frage gestellt wird. Ich habe viele ausländische Freunde hier, die sich nun weniger willkommen fühlen.
„Ich habe viele ausländische Freunde hier, die sich nun weniger willkommen fühlen. “
Es war von Anfang an klar, dass nach dem Referendum die Hälfte der britischen Bevölkerung mit dem Ergebnis unzufrieden sein würde. Aber jetzt müssen wir uns darauf konzentrieren, die Probleme anzugehen, die durch diesen Prozess so sichtbar geworden sind. Sowohl im Vereinigten Königreich als auch in vielen anderen europäischen Ländern stehen wir vor der Herausforderung, dass viele sich von der Mainstream-Politik abgehängt fühlen. Der Trend zum Rechtspopulismus, beispielsweise, ist ein direktes Resultat.

Eine große Aufgabe liegt vor uns.

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WG in England: Was der Brexit mit mir und meinen Mitbewohnern macht

Den Abend vor dem Referendum habe ich in meinem Bett im britischen Bristol verbracht, nicht vor dem Live-Stream. Ich muss mir die Auszählung der Stimmen nicht anschauen, dachte ich. "Die treten schon nicht aus", sagte ich zu meiner philippinischen Mitbewohnerin Anne. "Wird schon gut gehen."

Es ging nicht gut.

Freitagmorgen wachte ich auf, weil Anne und mein niederländischer Mitbewohner Jelle im Flur diskutierten. "EU", "Leave", "What now?", diese Fetzen drangen an mein Bett. Ich stolperte heraus: "Rena, wir sind raus aus der EU!", sagten sie. "Macht ihr Witze?"

In der Fotostrecke: Was denken junge Briten jetzt?