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Weil Emilys Situation durch den Brexit auf das Paar so chaotisch wirkte, lehnte ihr Freund ein Jobangebot ab

Emily, 32, eine Lehrerin aus Worthing, West Sussex, und Samuel, 26, ein Masterstudent aus Karlsruhe, lernen sich 2017 in Calais, Frankreich, kennen. Die beiden wohnen in einem Hostel und arbeiten als freiwillige Helfer in Unterkünften für Geflüchtete. 

Sie mag seinen Sarkasmus, er mag es, mit ihr zu lachen. Nach ihrer Abreise schreiben sie über WhatsApp und besuchen sich später jeden Monat für ein Wochenende. Seit zweieinhalb Jahren sind Emily und Samuel jetzt ein Paar.

Es ist der Beginn einer Beziehung, die klassisch ist für diese Generation, die aufgewachsen ist mit einem sich immer mehr vereinenden Europa, einem Europa, das Schlagbäume abbaut und Zölle lockert. Und es ist der Beginn einer Beziehung, die darunter leidet, dass sich das jetzt ändert. Wegen des Brexit ist Emily früher nach Deutschland gezogen, als sie eigentlich wollte.

Sie beschreibt den Austritt als eine dunkle Wolke, die über den beiden hängt. Er kann oft nur mit dem Kopf schütteln, wenn es um den Brexit geht. 

Wenn internationale Verträge gekündigt oder geschlossen werden, geht es oft um das große Ganze: Stabilität, Frieden, Freihandel. Doch das große Ganze ist auch im Kleinen spürbar und internationale Verträge wirken sich auf Paare, Beziehungen und Pläne aus.

Wie gehen Emily und Samuel mit dem Brexit um? Welche Folgen hat er für das Paar?

bento: Sprecht ihr viel über den Brexit?

Emily: Wir haben gar keine andere Wahl, denn der Brexit beeinflusst unser Leben stark. Wir sind ziemlich derselben Meinung. Wir finden beide, dass der Austritt eine total dumme Idee ist und ein riesiges Ärgernis. 

Unsere Gespräche bestehen meistens daraus, dass Samuel darüber lacht, wie albern britische Politiker im House of Commons klingen. Oder daraus, wie ich versuche, den Brexit zu erklären. Wenn ich das überhaupt kann! Oder wir rollen einfach beide mit den Augen, wenn wir die Entwicklungen mitverfolgen. Wir haben viel über den Brexit gesprochen. Aber wir haben auch mal versucht, damit aufzuhören, weil es mich psychisch wirklich mitgenommen hat. 

bento: Inwiefern haben dich Gespräche über den Brexit mitgenommen?

Emily: Jedes Mal, wenn ein neues Austrittsdatum näher rückte, fühlte ich mich total gestresst und habe mich verkrochen. Immer, wenn es wieder nach einem No-Deal-Brexit aussah, hatte ich keine Ahnung, was das für meinen Aufenthaltsstatus in Deutschland bedeuten könnte. Außerdem machte ich mir Sorgen um meine Familie in Großbritannien. Meine Mutter und meine Schwester benötigen beide Medikamente und es gab Warnungen, dass es zu Lieferengpässen kommen kann. 

„Ich fühlte mich schuldig, dass ich 'rausgekommen' war und sie zurückgelassen habe.“
Emily

bento: Samuel, wie geht es dir, wenn ihr über den Brexit sprecht?

Samuel: Es ist nervig und frustrierend. Um ehrlich zu sein, verstehe ich noch immer nicht, wieso es passiert. Wir beide reden mittlerweile nicht mehr so viel darüber, aber hier in Deutschland verstehen viele Menschen den Brexit nicht und stellen darum oft Fragen.

bento: Wie geht man als Betroffene mit solchen Fragen um?

Emily: Ich unterrichte Englisch und meine erwachsenen Schülerinnen und Schüler wollen oft darüber sprechen. Ich verbiete es nicht per se, aber oft haben sie einfach viele Fragen und ich habe keine Antworten! Ich sage dann immer, dass wir heute mal nicht darüber reden. Das ist schon zu einem Witz in meinen Gruppen geworden.

bento: Wie hat der Brexit eure Beziehung beeinflusst?

Emily: Samuel wurde ein Job angeboten, für den er sieben Monate lang in anderen Ländern der EU arbeiten sollte. Er hat das Angebot abgelehnt, weil wir nicht wussten, wie es mit mir weitergeht. Wir wussten nicht, ob ich mitkommen und dort arbeiten könnte, all die "No Deal"-Ankündigungen wirkten auf uns so chaotisch. Es fühlt sich an, als würde meine Situation ihn Chancen kosten.

bento: Samuel, was denkst du darüber?

Samuel: Ich habe mich nicht nur wegen des Brexits gegen den Job entschieden. Ich möchte meine Karriere in Deutschland beginnen. Aber ich möchte definitiv zukünftig auch im Ausland arbeiten. Allerdings bin ich mir nicht mehr so sicher, wie leicht wir das umsetzen können. Das Ganze ist einfach nur traurig.

bento: Wo habt ihr die Auswirkungen des Brexits auf euch am stärksten gespürt?

Emily: Der Brexit war ein Grund dafür, dass ich nach Deutschland gezogen bin. Die Idee kam von mir. 

„Mir wurde plötzlich klar, dass es zu einer Situation kommen kann, in der es sehr schwierig wird, meinen Freund zu besuchen.“
Emily

Wäre der Brexit nicht, wären wir sehr viel flexibler gewesen, was den Umzug angeht. Wir haben dann entschieden, den Umzug vor dem Brexit-Datum im Januar 2019 zu machen. Dabei hätten wir theoretisch auch die Möglichkeit gehabt, nach England zu gehen. Mein Freund spricht fließend Englisch, und ich besaß eine Wohnung in Großbritannien. Doch während der Weltmeisterschaft 2018 kam es in einigen Pubs zu Übergriffen gegen Ausländer, und ich habe mir Sorgen gemacht. Außerdem entschied ich, dass ich eine Veränderung in meinem Job wollte. Wir haben darüber gesprochen und gemeinsam entschieden. Jetzt wollen wir uns hier in Deutschland etwas aufbauen. 

Samuel: Wir sind schneller zusammengezogen, als wir es ohne den Brexit getan hätten. Aber es hat gut funktioniert und ist schön. Trotzdem war es in unserer Beziehung ein Stressfaktor. Lange wussten wir nicht, was der Brexit bedeuten wird. Wir wussten nicht, ob wir heiraten müssen, oder ob Emily eine Vollzeitstelle braucht, oder ob sie ein bestimmtes Gehalt verdienen muss. Oder ob sie vielleicht sehr gutes Deutsch in sehr kurzer Zeit sprechen können muss, um hier zu bleiben.

„Eigentlich wollte ich immer in Großbritannien leben, aber ich denke nicht, dass das jetzt passieren wird.“
Samuel

bento: Wie fühlt es sich an, dass Großbritannien bald nicht mehr Teil der EU ist?

Emily: Für mich fühlt es sich so an, als würde ich einen Teil von mir selbst verlieren. Ich denke nicht, dass die EU perfekt ist, aber ich glaube, wir könnten mehr erreichen, wenn wir Teil von ihr bleiben und an Entscheidungen mitwirken würden.

bento: Wie werdet ihr den 31. Januar verbringen?

Emily und Samuel: Wir haben nichts vor. Es wird ein ganz normaler Freitag. Wir werden vor Mitternacht, EU-Zeit, schlafen gehen und versuchen, das Ganze ignorieren.

*Auf Emilys und Samuels Wunsch hin, haben wir ihre Namen geändert. Die echten Namen sind der Redaktion bekannt.


Uni und Arbeit

Eine Liebeserklärung an die letzte Arbeitsstunde der Woche
Sie ist eine wichtige Konstante im Leben.

Sie kommt immer im richtigen Moment: die letzte Arbeitsstunde der Woche. Meistens freitags, seltener am Donnerstag oder Samstag. Sie ist verlässlich. Jede Woche kommt sie erneut vorbei, wenn sich in der Werkshalle, auf der Baustelle oder im Büro die Arbeitsmotivation monoton abnehmend langsam dem Nullpunkt nähert.

Die letzte Arbeitsstunde ist so etwas wie ein guter Freund, der mit einem kühlen Feierabendbier auf einen wartet und sagt: "Gleich hast du es geschafft."

Diesen Freund haben alle Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Schaut man am fortgeschrittenen Freitagnachmittag in die Gesichter der Kolleginnen und Kollegen, merkt man: Sie haben gleich ein wichtiges Date. In der Regel bereiten sie sich darauf seit Montag bereits 39 Stunden vor. Treffpunkt ist meist freitags gegen 16 Uhr. Wo? Auf Arbeit. Wie lang? Für 60 Minuten.

Ist sie dann da, die letzte Wochenstunde, nimmt sie den ganzen Raum ein. Das allwöchentliche Tête-à-Tête lässt den Endorphinspiegel steigen. Nur durch den reinen Moment.

Auch bei mir ist das so. Nach der Mittagspause steigt die Spannung. Sie gipfelt schließlich in der letzten Stunde, die ich an meinem Schreibtisch vor dem Bildschirm sitze. Das Gute ist: ich weiß, sie kommt. Sie lässt mich nicht im Stich, denn das hat sie noch nie getan.

Die letzte Stunde im Büro ist eine wichtige Konstante in meinem Leben.

Aber warum löst sie immer wieder ein Hochgefühl in mir aus? Warum wird es nie langweilig, mich mit ihr einzulassen und gemeinsam in die Freiheit des Wochenendes zu starten?

Die Antwort ist simpel: Vorfreude. Sie ist bekanntlich die schönste aller Freuden. Und da das Wochenende erst einmal ein abstrakter Begriff ist, der für nichts Konkretes steht, außer für freie Zeit und Erlebnisse, wird das Gefühl noch mal verstärkt. Das beweist eine psychologische Studie aus den USA. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Erlebniskonsumenten glücklicher sind. Sogar ihre Vorfreude fühlt sich besser an als die von Leuten, die ihr Geld für materielle Dinge ausgeben.

Die Studie zeigt außerdem, dass der Verzögerungsgenuss größer ist als das eigentliche Erlebnis. Die Vorfreude auf das Wochenende kann schöner sein als das Wochenende selbst. Und genau deswegen mag ich die letzte Arbeitsstunde so gern. Wegen der erwartungsvollen Unruhe.

Es ist, als würde ich am Fenster auf der Lauer liegen, dass das Nachbarskind mein sechsjähriges Ich zum Spielen abholt.

Wir hatten damals große Pläne. Fahrrad fahren, auf Bäume klettern oder mit dem Hund des älteren Ehepaars, das am Ende der Straße wohnte, Gassi zu gehen. Noch heute, mehr als 20 Jahre später, erzeugen solche Momente der Aufgeregtheit ein Glücksgefühl in mir.

Schon Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry beschrieb in seiner 1943 erschienenen Erzählung "Der kleine Prinz" die positiven Effekte von Vorfreude:

"Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen", sagte der Fuchs. "Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, um so glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahren, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll ... Es muß feste Bräuche geben."

Einer dieser festen Bräuche ist für mich das nahende Wochenende am Freitagnachmittag. Ich habe zwar die gleichen Aufgaben wie in allen anderen Stunden der Woche auch, nur das Gefühl ist ein anderes. Als wäre ich in Watte gepackt. Hier an meinem Schreibtisch kann mir gerade nichts und niemand etwas anhaben.

In Gedanken male ich mir aus, was ich in den kommenden zwei Tagen erleben werde.

Ich räume meinen Schreibtisch auf und hole mir vielleicht noch einen letzten Kaffee. Ich lege meine Kopfhörer bereit und überlege mir, welchen Song ich gleich auf dem Weg zur U-Bahn in voller Lautstärke mit einem Grinsen im Gesicht hören werde. Manchmal lässt allein der Gedanke daran schon meinen Kopf im imaginären Takt wippen. Ich habe den Soundtrack der letzten Stunde in mir und feiere meine eigene kleine Party – ganz still, nur für mich. Und mit riesigem, wissenschaftlich belegten, Verzögerungsgenuss.

Holt mich die letzte Stunde dann ab, gehen wir gemeinsam raus, genießen die frische Luft und lassen uns die Freiheit um die Nase wehen. Neigt sich der Freitag dem Ende entgegen, müssen wir uns schließlich verabschieden. Bye bye, liebe letzte Arbeitsstunde, es war sehr schön.

Der Abschiedsschmerz ist erträglich, denn wir sehen uns ja nächste Woche wieder. Thank God it's Friday!