Bild: Anne-Lena Michel
Mehr als 100.000 Briten leben in Deutschland - hier erzählen zehn, was sie im Falle eines Brexit befürchten.

Manche sind schon seit ihrer Kindheit hier, andere erst seit ein paar Monaten: Knapp 106.000 Briten leben laut Ausländerzentralregister in Deutschland; insgesamt wohnen und arbeiten etwa zwei Millionen Briten in einem anderen EU-Land, schätzt die britische Regierung. Sie alle profitieren von der sogenannten Personenfreizügigkeit, einer der vier Grundfreiheiten der Europäischen Union. Demnach hat jeder EU-Bürger das Recht, in einem anderen Mitgliedsstaat zu wohnen und zu arbeiten.

Stimmt Großbritannien am 23. Juni für einen Austritt aus der EU, könnte das für Briten bald nicht mehr gelten. Was genau sich mit einem Brexit verändern würde, ist aber noch unklar. Das Verhältnis zwischen Großbritannien und der Europäischen Union müsste komplett neu verhandelt werden.

Chris Hull, 33, Kundenbetreuer bei Bigpoint, aus Newcastle
(Bild: SPIEGEL ONLINE)
"Ich lebe seit drei Jahren in Hamburg, momentan zieht mich nichts zurück nach Großbritannien. Als EU-Bürger ist es sehr einfach für mich, in Deutschland zu arbeiten, ich brauche weder Visum noch Arbeitserlaubnis. Vielleicht könnten wir Briten diese Privilegien auch nach einem Brexit behalten, aber ich bin nicht sehr zuversichtlich. Warum sollten die anderen EU-Staaten das machen? Falls der bürokratische Aufwand zu groß wäre, würde ich darüber nachdenken, doch wieder zurückzugehen. Hoffentlich kommen meine Wahlunterlagen noch rechtzeitig, damit ich gegen den Brexit stimmen kann. Am 23. Juni werde ich auf jeden Fall vor dem Fernsehen sitzen - mit einer guten Flasche Whisky, falls es schiefgeht."
In der Fotostrecke – Darum geht es beim Brexit:
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Claire Fyson, 27, Klimaforscherin, aus Oxford
(Bild: Anne-Lena Michel)
"Großbritannien sollte unbedingt in der EU bleiben. Klar ist es schwierig, mit so vielen Staaten zu verhandeln. Ich habe als Trainee bei der Europäischen Kommission gearbeitet und es hautnah miterlebt. Aber es ist einfach ein gutes Gefühl, zu wissen, dass man in alle diese Länder reisen, dort arbeiten und lernen kann. Ich fände es sehr schade, wenn meine Kinder das irgendwann nicht mehr könnten. Als Forscherin geht es mir natürlich auch um die Wissenschaft: Die könnte in Großbritannien sehr unter einem Austritt leiden, viele Zuschüsse und internationale Projekte würden wegfallen. Leider lernen Briten nicht so viel über die Visionen einer starken EU. Das muss man selbst erleben, indem man seine Heimat auch mal verlässt."
Joanna Kearney, 31, Kommunikationsberaterin, aus Staffordshire
(Bild: Anne-Lena Michel)
"Ich finde es noch schwer vorstellbar, dass es wirklich zum Brexit kommen könnte. Doch die Umfragen sind so eng, das macht mir Sorgen. Sollten die Brexit-Befürworter tatsächlich gewinnen, wäre völlig unklar, was als Nächstes passiert. Niemand weiß, ob wir Briten uns dann noch frei in der EU bewegen dürfen. Oder ob ich ein Visum brauche, um weiter in Berlin zu wohnen. Ich bin erst seit September in Deutschland und weiß nicht, wie lange ich hier noch arbeiten dürfte. Noch habe ich nichts unternommen, um meinen Alltag abzusichern - dafür gibt es einfach viel zu wenige Informationen."
Arthur Taylor, 33, Technischer Entwickler, aus Harlow
(Bild: Anne-Lena Michel)
"Falls es zum Brexit kommt, ist meine erste Sorge meine Arbeitserlaubnis. Ich bin Mitgründer einer deutschen Firma, unter meinen Kollegen sind fünf weitere Briten. Wir müssten uns alle Gedanken machen, ob wir weiter in Deutschland arbeiten können. Ich bin schon seit sieben Jahren hier, da sollte es mit einer deutschen Staatsbürgerschaft schnell klappen. Aber für meine Angestellten gilt das nicht. Hinzu kommt ein weiteres persönliches Problem: Meine Partnerin ist Finnin. Falls es zum Brexit kommt, müssten wir erst einmal herausfinden, wo wir ohne Probleme und mit Arbeitserlaubnis gemeinsam leben könnten. Und da wäre auch noch das Thema Rente: Wenn Großbritannien die EU verlässt, muss ich meine Rente vielleicht zusätzlich versteuern. Meine Partnerin und ich müssen wegen der Brexit-Gefahr plötzlich die nächsten 30 Jahre planen."
Alison Fry, 49, freiberufliche Übersetzerin, aus Solihull
(Bild: SPIEGEL ONLINE)
"Ich bin mit einem Deutschen verheiratet, meine beiden Töchter haben einen deutschen Pass. Trotzdem hielt ich es nie für notwendig, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen: Ich bin EU-Bürgerin, es spielte bisher keine Rolle, welchen Pass ich habe. Nach einem Brexit würde es eine große Rolle spielen: Wenn ich mich in Zukunft am Flughafen in eine andere Schlange stellen muss, weil ich die einzige Nicht-EU-Bürgerin in unserer Familie bin, wäre das schon seltsam. Dass sich mit Blick auf meine Arbeit etwas verändern würde, halte ich für unwahrscheinlich: Ich habe eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis; ich denke nicht, dass man das rückgängig machen kann. Ich selbst kann leider nicht abstimmen, weil ich schon seit mehr als 15 Jahren nicht mehr in England lebe."
Nikhil Shah, 35, Statistiker bei Facebook, aus London
(Bild: SPIEGEL ONLINE)
"Für mich persönlich ist mit dem Brexit kein großes Risiko verbunden. Klar, es würde wahrscheinlich komplizierter werden, hier zu arbeiten. Aber ich habe Freunde aus Indien und Brasilien, die das hinkriegen. Ich werde es auch hinkriegen. Tatsächlich könnte ein Brexit für mich sogar positive Folgen haben: Meine Frau und ich wollen irgendwann vielleicht wieder nach London ziehen. Momentan können wir uns dort kein Haus leisten, aber wahrscheinlich würden die Immobilienpreise nach einem Brexit sinken. Trotzdem bin ich gegen einen Austritt aus der EU: Ich will nicht, dass Großbritannien leidet - und das würde es, vor allem wirtschaftlich. Außerdem glaube ich, dass uns die Brexit-Verhandlungen davon abhalten würden, wichtigere Probleme zu lösen: Wir müssen die Bildungspolitik ändern und bessere Jobs schaffen.
John Heaven, 33, freiberuflicher Übersetzer, aus Birmingham
(Bild: SPIEGEL ONLINE)
"Ich habe meine Frau während meines Erasmusjahrs in Saarbrücken kennengelernt, seit Februar 2010 leben wir beide in Hamburg. Europa hat mein Leben verändert, natürlich bin ich pro-EU – und gegen den Brexit. Als die konservative Partei ankündigte, ein Referendum über die EU-Mitgliedschaft Großbritanniens abzuhalten, beschlossen ein Freund und ich, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Seit Kurzem habe ich einen deutschen Pass. Trotzdem hätte ein Brexit Konsequenzen für mich: Vielleicht müssen meine Eltern künftig ein Visum beantragen, um mich hier zu besuchen; das wäre lästig. Und wenn meine Frau und ich nach Großbritannien ziehen wollten, bräuchte sie wahrscheinlich eine Arbeitserlaubnis. Es wäre nicht mehr so leicht, in mein Heimatland zurückzukehren, das ist ein komisches Gefühl."

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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Klaut Snapchat seine Filter von Künstlern?

Um es kurz zu machen: Ja.

Nach den Beschwerden zahlreicher Künstler, Visagisten und Grafiker entschuldigte sich das Unternehmen gestern Abend in einem Pressestatement:

"Der kreative Prozess beinhaltet manchmal Inspiration, sollte aber niemals im Kopieren enden. We haben bereits zusätzliche Kontrollen eingeführt, bevor neue Filter-Designs veröffentlicht werden. Das Kopieren von Künstlern werden wir nicht tolerieren, und wir kümmern uns darum, dass intern angemessen gegen die Beteiligten vorgegangen wird." (The Ringer)
Was war passiert?

Die US-Website "The Ringer" hatte vor vier Tagen über die Beschwerden von internationalen Künstlern berichtet. Sowohl US-amerikanische als auch russische Make-Up-Künstler hatten sich darüber gewundert, dass ihre Designs als nahezu exakte Kopie bei Snapchat auftauchten.