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Briten, die in Deutschland leben, sind verunsichert: Was ändert sich für sie nach dem Brexit-Votum? Viele beantragen deshalb jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft.

Alison Fry lebt seit 27 Jahren in Deutschland. Sie ist mit einem Deutschen verheiratet, ihre beiden Töchter haben einen deutschen Pass. Nie hielt es die 49-Jährige für notwendig, einen Einbürgerungsantrag zu stellen – bis zum Brexit-Votum.

"Ich habe jetzt die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt", sagt Fry. Schließlich will sie auch dann EU-Bürgerin bleiben, wenn Großbritannien aus der Union austritt: "Es wäre seltsam, wenn ich mich in Zukunft am Flughafen in eine andere Schlange stellen müsste, weil ich die einzige Nicht-EU-Bürgerin in unserer Familie bin."

Auch viele ihrer britischen Bekannten würden sich wegen des drohenden Brexit jetzt um eine Einbürgerung bemühen, sagt Fry. Und sie sind nicht die Einzigen.

So könnte der Brexit doch noch verhindert werden:

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Im Jahr 2016 haben bislang deutlich mehr Briten die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt als in den Jahren zuvor. Deutschlandweite Zahlen gibt es zwar noch nicht, weil Einbürgerungsanträge in den einzelnen Kommunen erfasst und erst später an das Bundesverwaltungsamt weitergegeben werden.

Betrachtet man die großen Kommunen, zeichnet sich aber ein eindeutig steigender Trend ab. Besonders viele Anträge sind dabei seit dem 23. Juni eingegangen, dem Tag, an dem eine knappe Mehrheit der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt hat.

Einige Beispiele:
  1. In Stuttgart haben im laufenden Jahr bislang 29 Briten einen Antrag auf Einbürgerung gestellt. Das sind fast zehnmal so viele wie im gesamten Jahr davor; 2015 hatten nur drei Briten eine Einbürgerung beantragt. Allein 21 Anträge wurden dabei seit dem 23. Juni gestellt. "Vor dem Brexit gab es eine Handvoll Anfragen und Antragsstellungen. Das ist erheblich mehr geworden", sagt Sven Matis, Sprecher der Stadt Stuttgart. Einen Höhepunkt habe es unmittelbar nach dem Votum gegeben: "Die Telefone sind kaum stillgestanden nach dem überraschenden Ergebnis."
  2. In Hamburg sind bisher besonders viele Anträge eingegangen: 158 britische Staatsangehörige haben bis August 2016 die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt, 120 davon seit dem Brexit-Votum. Im gesamten Jahr 2015 waren es 52. In der Hansestadt hat sich die Zahl der Anträge also schon jetzt verdreifacht.
  3. In Köln hat sich die Zahl der Einbürgerungsanträge ebenfalls schon jetzt mehr als verdreifacht - von zehn im gesamten Jahr 2015 auf34 im laufenden Jahr. Davon wurden 17 Anträge vor dem 23. Juni gestellt und 17 danach. "In den sechs Wochen nach dem Referendum wurden genauso viele Anträge gestellt wie fast im gesamten ersten Halbjahr 2016. Das bedeutet zumindest einen temporären Anstieg", sagt Simone Winkelhog, Sprecherin der Stadtverwaltung.

Aus anderen deutschen Kommunen werden ähnliche Tendenzen gemeldet. "Seit Februar 2016 ist ein deutlicher Anstieg von britischen Antragstellern zu verzeichnen, jetzt nach dem Brexit ist die Nachfrage enorm", sagt zum Beispiel Karin Grunz, Sprecherin des Bezirksamts Mitte in Berlin.

In der Hauptstadt kümmert sich jeder Bezirk einzeln um Einbürgerungen. Weil einige Bezirke keine Zahlen vorlegen, ist es schwer, Werte für die ganze Stadt zu ermitteln. Grunz sagt aber, dass auch in den anderen Bezirken ein "deutlicher Anstieg" feststellbar sei.

Eine noch größere Steigerung verzeichnen die Behörden bei der Zahl der Beratungen, die einer Antragstellung vorausgehen. In München zum Beispiel wurden seit dem Brexit-Votum 86 Beratungsgespräche geführt, in Hannover 133. Meist wird in diesen Gesprächen auf den Brexit Bezug genommen, heißt es zum Beispiel aus dem Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg in Berlin:

Als Grund für den Einbürgerungsantrag werden durchgängig Sorgen hinsichtlich der aufenthalts- und arbeitsrechtlichen Umstände nach dem Brexit genannt.
Forderungen aus der Politik

Die Situation der Briten in Deutschland beschäftigt auch die Politik: Die Grünen-Bundestagsfraktion schlug wegen des drohenden Brexit vor, ihre Einbürgerung gesetzlich zu erleichtern.

In einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung forderte sie, dass Briten auch dann die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen sollten, "wenn sie seit weniger als sechs Jahren in Deutschland leben". In der Regel muss eine Person acht Jahre in Deutschland gelebt haben, um eingebürgert zu werden. Weist jemand "besondere Integrationsleistungen" nach, zum Beispiel ein hohes Niveau an Sprachkenntnissen, kann die Frist auf sechs Jahre verkürzt werden.

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Die Bundesregierung lehnt Sonderregeln für britische Staatsbürger ab: "Eine Einbürgerung erfolgt, wenn die für alle Ausländer geltenden Einbürgerungsvoraussetzungen erfüllt sind", heißt es in der Antwort des Bundesinnenministeriums auf die Kleine Anfrage der Grünen. Darüber hinaus fänden auf Briten "die für alle Staatsangehörigen anderer Mitgliedstaaten der EU geltenden Einbürgerungserleichterungen Anwendung".

Dazu gehört zum Beispiel die sogenannte Mehrstaatigkeit: In der Regel muss ein Ausländer seine ursprüngliche Staatsbürgerschaft aufgeben, wenn er in Deutschland eingebürgert werden will. Für EU-Bürger gilt das nicht. Beantragt ein britischer Staatsangehöriger also die deutsche Staatsbürgerschaft, darf er, solange Großbritannien noch in der EU ist, auch seinen britischen Pass behalten.

Das könnte ein Grund sein, warum viele Briten schon jetzt, unmittelbar nach dem Brexit, einen Einbürgerungsantrag stellen - obwohl noch gar nicht klar ist, was genau sich für sie ändert. "Für mich ist es sehr wichtig, den britischen Pass zu behalten", sagt zum Beispiel Alison Fry. "Obwohl ich fast mein ganzes Erwachsenenleben in Deutschland verbracht habe, fühle ich mich als Engländerin. Der Pass ist ein Teil von mir."

Weil Fry schon fast 30 Jahre in Deutschland lebt, sollte ihre Einbürgerung kein Problem sein. Sie wird sich also auch in Zukunft am Flughafen in die gleiche Schlange stellen können wie ihr Mann und ihre Töchter.

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Dieser Text erschien zuerst bei SPIEGEL ONLINE.

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