Bild: Magid Magid
EU-Abgeordneter Magid Magid verlässt Brüssel mit einem Appell.

2014 begann in meiner Heimat Nordengland der Aufstieg der europaskeptischen, rechtspopulistischen UKIP-Partei. Ich habe diese Entwicklung voller Wut und Angst beobachtet. Ich spürte, dass etwas getan werden musste, um den rassistischen Hass zu stoppen. Dieses Gefühl machte mich zum Aktivisten und Politiker. 

Als ich später in meiner Heimatstadt Sheffield für das Amt des Bürgermeisters kandidierte, warb ich mit dem Slogan "Immigrants Make Britain Great". Ich glaube, dass er immer noch richtig ist.

Vor sieben Monaten wurde ich für die Grünen ins Europaparlament gewählt. Auch da wollte ich Rechtspopulisten und Rechtsextreme so entschlossen wie möglich bekämpfen. 

„Ich wollte, dass Leute wie Salvini, Le Pen und Orban nachts schlaflos in ihren weichen Betten liegen, weil sie nicht aufhören können, an einen schwarzen, muslimischen Flüchtling im Parlament zu denken.“

Doch trotz der Bemühungen unserer Generation hat sich der Hass in ganz Europa ausgebreitet, er hat alle Ecken des Kontinents erreicht und ist in die Poren unseres Alltags gesickert. 

Das Brexit-Referendum ging anders aus, als ich gehofft habe. Aber die Wahrheit ist, dass man im Leben nicht immer das erreichen kann, was man sich wünscht. Wir dürfen trotzdem nicht aufgeben. Wir müssen uns weiterhin wehren, uns gegenseitig unterstützen und dafür streiten, dass wir die Dinge verändern können. Wenn ich an die Jugend in Deutschland denke, habe ich Hoffnung. Ihr seid das bevölkerungsstärkste und reichste Land Europas. Macht etwas daraus!

Für meine Arbeit im Europaparlament wurde ich von einigen Menschen gefeiert und von anderen gehasst. Ich wurde für das Tragen einer Baseballmütze im Plenum kritisiert und für das Verwenden unparlamentarischer Sprache gerügt. Aber man kann es nicht allen recht machen. 

„Ich wusste, dass ich an einem Ort, an dem nur vier Prozent der Abgeordneten nicht weiß sind, niemals dazugehören würde.“

Mir ist es wichtig, dass ich heute sagen kann, dass sich meine Sprache und meine Kleidung nicht verändert haben, seit ich die Straßen von Sheffield gegen Büroflure in Brüssel eingetauscht habe. Noch viel wichtiger ist mir aber, dass meine Überzeugungen immer noch dieselben sind.

Es ist oft hart, wenn man anders ist und dem Establishment den Spiegel vorhalten will. Genau das habe ich während meiner Zeit als Europa-Abgeordneter und Bürgermeister von Sheffield versucht. Ich habe als Stadtoberhaupt Donald Trump zur unerwünschten Person erklärt, mich gegen die Unehrlichkeit der britischen Regierung gewehrt und versucht, den im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlingskindern politisch eine Stimme zu geben. 

Ich glaube, jeder von uns kann das. Wir alle haben es in der Hand, wie es in Europa weitergeht.

Als Flüchtlingskind, das in Europa ein Zuhause und Sicherheit gefunden hat, ist es mir wichtig, an unsere Verantwortung zu erinnern. Es liegt an euch, an uns, an jedem Einzeln in Europa, ob Nationalismus und rechtspopulistische Parolen eine Chance haben. Wir müssen gemeinsam die Welt gestalten, in der wir mit unseren Kinder einmal leben werden. 

„Ich bin mir sicher, dass meine Freundschaften und Erfahrungen in Europa den Brexit überstehen werden.“

Gute und aufrichtige Ideen kennen keine Grenzen. Unsere Generation sollte auf der richtigen Seite stehen, wenn es darum geht, für uns und künftige Generationen die Welt zu verändern. 

Das ist kein Abschied für immer und keine Trauerrede. Wir werden uns geografisch immer nahe sein und unsere gemeinsamen Erfahrungen werden uns noch stärker verbinden. Von Manchester bis München und von Birmingham bis Berlin erleben wir dieselben Schwierigkeiten. Die Zukunft, die wir gestalten müssen, ist dieselbe. Und egal, ob man in Deutschland oder Großbritannien nach dem Brexit lebt: Die Zukunft gehört der Jugend.

(Übersetzt und redigiert von Jan Petter und Franziska Bulban) 


Gerechtigkeit

Brexit privat – so geht es einem britisch-deutschen Paar jetzt
Weil Emilys Situation durch den Brexit auf das Paar so chaotisch wirkte, lehnte ihr Freund ein Jobangebot ab

Emily, 32, eine Lehrerin aus Worthing, West Sussex, und Samuel, 26, ein Masterstudent aus Karlsruhe, lernen sich 2017 in Calais, Frankreich, kennen. Die beiden wohnen in einem Hostel und arbeiten als freiwillige Helfer in Unterkünften für Geflüchtete. 

Sie mag seinen Sarkasmus, er mag es, mit ihr zu lachen. Nach ihrer Abreise schreiben sie über WhatsApp und besuchen sich später jeden Monat für ein Wochenende. Seit zweieinhalb Jahren sind Emily und Samuel jetzt ein Paar.

Es ist der Beginn einer Beziehung, die klassisch ist für diese Generation, die aufgewachsen ist mit einem sich immer mehr vereinenden Europa, einem Europa, das Schlagbäume abbaut und Zölle lockert. Und es ist der Beginn einer Beziehung, die darunter leidet, dass sich das jetzt ändert. Wegen des Brexit ist Emily früher nach Deutschland gezogen, als sie eigentlich wollte.

Sie beschreibt den Austritt als eine dunkle Wolke, die über den beiden hängt. Er kann oft nur mit dem Kopf schütteln, wenn es um den Brexit geht. 

Wenn internationale Verträge gekündigt oder geschlossen werden, geht es oft um das große Ganze: Stabilität, Frieden, Freihandel. Doch das große Ganze ist auch im Kleinen spürbar und internationale Verträge wirken sich auf Paare, Beziehungen und Pläne aus.

Wie gehen Emily und Samuel mit dem Brexit um? Welche Folgen hat er für das Paar?

bento: Sprecht ihr viel über den Brexit?

Emily: Wir haben gar keine andere Wahl, denn der Brexit beeinflusst unser Leben stark. Wir sind ziemlich derselben Meinung. Wir finden beide, dass der Austritt eine total dumme Idee ist und ein riesiges Ärgernis. 

Unsere Gespräche bestehen meistens daraus, dass Samuel darüber lacht, wie albern britische Politiker im House of Commons klingen. Oder daraus, wie ich versuche, den Brexit zu erklären. Wenn ich das überhaupt kann! Oder wir rollen einfach beide mit den Augen, wenn wir die Entwicklungen mitverfolgen. Wir haben viel über den Brexit gesprochen. Aber wir haben auch mal versucht, damit aufzuhören, weil es mich psychisch wirklich mitgenommen hat. 

bento: Inwiefern haben dich Gespräche über den Brexit mitgenommen?

Emily: Jedes Mal, wenn ein neues Austrittsdatum näher rückte, fühlte ich mich total gestresst und habe mich verkrochen. Immer, wenn es wieder nach einem No-Deal-Brexit aussah, hatte ich keine Ahnung, was das für meinen Aufenthaltsstatus in Deutschland bedeuten könnte. Außerdem machte ich mir Sorgen um meine Familie in Großbritannien. Meine Mutter und meine Schwester benötigen beide Medikamente und es gab Warnungen, dass es zu Lieferengpässen kommen kann.