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Zehntausende, meist junge Spanier flüchteten vor der Wirtschaftskrise nach Großbritannien. Nach dem Brexit-Votum müssen sie um ihre Zukunft zittern.

Die Nachricht kommt als Schock: Ausgerechnet als Vanessa Macia und ihr Mann Samiul Ali zum ersten Mal seit Jahren das Gefühl haben, angekommen zu sein, spricht sich die Mehrheit der Briten für einen EU-Austritt aus. Vier Wochen sind seitdem vergangen, und dem Paar kommt es vor, als habe jemand die "Pause"-Taste für ihr Leben gedrückt. "Wir wissen gerade nicht genau, wie es weitergeht", sagt Vanessa.

Die beiden sitzen auf einer hellen Couch in ihrem Wohnzimmer. Die kleine Wohnung liegt in einer gepflegten Gegend im Osten Londons. "Britannia Village" steht auf einem Schild an der Einfahrt. Es ist ruhig und sauber hier, auf der einen Seite fließt die Themse, auf der anderen Seite ist ein kleiner Jachthafen.

Für diese Couch, für diese Wohnung haben sie in den vergangenen Jahren viel auf sich genommen. Samiul zog 2006 aus Bangladesch nach England, Vanessa kam vor vier Jahren aus Spanien. Er teilte sich Zimmer mit Fremden, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, sie kellnerte für wenig Geld, ging noch einmal zur Uni.

Vanessa Macia und ihr Mann Samiul Ali(Bild: SPIEGEL ONLINE)
Wie wird die Zukunft für EU-Ausländer aussehen?

Jetzt, mit 33 und 36 Jahren, hatten sie es eigentlich geschafft: Vanessa arbeitet als Spanischlehrerin an einer Schule, Samiul ist selbstständig, importiert Kleidung aus seiner Heimat. Ende des Jahres wollten die beiden sich ihr erstes gemeinsames Haus kaufen - eigentlich.

Der drohende Brexit macht ihre Zukunft nun ungewiss: Welche Aufenthaltsregelungen gibt es künftig für EU-Ausländer? Dürfen sie arbeiten? Werden sie noch einen Kredit bekommen, um ein Haus zu kaufen? Wie wird sich die Stimmung im Land verändern? Wo können sie hin, wenn es in London nicht klappt?

Es sind Fragen, die sich viele der 3,3 Millionen EU-Ausländer in Großbritannien gerade stellen.

Das Königreich ist ein begehrtes Auswanderungsziel: In den vergangenen fünf Jahren stieg die Zahl der EU-Ausländer nach Angaben der Migration Observatory des Universität Oxford um 700.000 auf 3,3 Millionen Menschen. Nach Polen und Rumänen sind Spanier und Portugiesen mit 24 Prozent die größte Gruppe im Land.

Die meisten von ihnen sind vor den Wirtschaftskrisen in ihren Heimatländern geflohen – in der Hoffnung, dass in Großbritannien alles besser wird. Nun steht diese bessere Zukunft auf dem Spiel. Es wird Jahre dauern, bis die Verhandlungen über den EU-Austritt und damit auch über ihre Zukunft abgeschlossen sind.

Frustrierende Perspektivlosigkeit
Meine Situation zu Hause war so aussichtslos.
Vanessa Macia

Zumindest auf die Frage nach dem Wohin hat Vanessa eine eindeutige Antwort: "Ich gehe nicht nach Spanien zurück", sagt sie entschieden. Es ist die wirtschaftliche Situation, die eine Rückkehr für sie unmöglich macht. Sie liebt ihre spanische Heimat, wann immer es geht verbringt sie ein paar Tage dort. Doch sie hat schon einmal erfahren, wie frustrierend die Perspektivlosigkeit zu Hause ist.

Als ihr Arbeitgeber Pleite ging, verlor Vanessa ihren Job in der Buchhaltung. Es begann eine frustrierende Zeit. Wie viele andere Spanier war sie fortan auf Gelegenheitsjobs angewiesen. "Ein, zwei Tage arbeiten, ohne Vertrag und unter schlechten Bedingungen", erinnert sie sich.

Es waren spanische Freunde in der Nähe von London, die ihr von einer freien Stelle in einer Bar erzählen. Vanessa packte ihre Sachen, der Abschied fiel ihr leicht; "meine Situation zu Hause war so aussichtslos". Sie zog in ein kleines Zimmer, kellnerte. "Am Anfang war es ein Schock", sagt sie. Ihre Hoffnung auf eine Stelle in ihrem alten Job musste sie irgendwann aufgeben: "Es hieß immer: Egal wie viel Erfahrung du hast oder welchen Abschluss, das zählt hier nicht." Ihr Leben in England wurde zum kompletten Neustart.

Unsichtbare Mauern
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Weiße Anführungszeichen
Ich habe Angst, dass ich hier nicht mehr willkommen bin.
Francesca Romero

Unabhängig von Ausbildung und Berufserfahrung ist der Weg in die besser bezahlten Jobs für Migranten oft schwer. Auch Francesca Romero hat diese unsichtbaren Mauern immer wieder zu spüren bekommen. Sie kam im vergangenen Herbst über ein Programm ihrer Universität als Teaching Assistent nach London. Die Stadt gefällt ihr, mit einer Einschränkung: "Die Leute waren alle nett zu mir, aber ich hatte immer das Gefühl, dass sie mir nicht dieselben Chancen geben", sagt die 26-Jährige.

Am Morgen nach dem Referendum stieg Francesca wie immer in die Londoner Tube – doch etwas war anders als sonst. "Ich war so traurig, ich habe den anderen in die Augen geschaut und sie haben bedrückt auf den Boden geguckt. Jeder wusste, warum", erinnert sie sich. Drei Wochen später beschäftigt sie dieser Tag noch immer. Wie wird es weitergehen? Auch die 26-Jährige beschäftigt sich viel mit dieser Frage. "Ich habe Angst, dass ich hier nicht mehr willkommen bin."

Eine Rückkehr nach Spanien ist auch für Francesca keine Alternative.

Zwar hat sich die Wirtschaft in den vergangenen beiden Jahren etwas erholt, die Arbeitslosigkeit ging leicht zurück. Doch noch immer sei es zu schwer für junge Menschen, einen Job zu finden, sagt Francesca. "Eher würde ich noch einmal in ein anderes Land ziehen."

Auch Vanessa und Samuel haben schon überlegt, in welchem Land sie eine Perspektive haben könnten. Kanada können sie sich gut vorstellen. Sie sind optimistisch, vor allem Samiul ist gelassen: "Wenn ich etwas in London gelernt habe, dann, dass ich es mit harter Arbeit überall schaffen könnte."

Im Idealfall wird es so weit aber nicht kommen. Die beiden hoffen, dass die Verhandlungen über den Austritt bald beginnen. "Erst dann können wir entscheiden", sagt Vanessa. In der Zwischenzeit wird die 36-Jährige sich um die britische Staatsbürgerschaft bemühen.

Wir haben viel erreicht. Woanders müssten wir wohl noch einmal ganz von vorn anfangen.
Vanessa Macia

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