In der vergangenen Woche erreichte das Brexit-Chaos in Großbritannien einen neuen Höhepunkt. Gleich dreimal wurde im britischen Parlament abgestimmt: Am Dienstag entschied sich die Mehrheit der Abgeordneten abermals gegen den Deal, den Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelt hatte. Am Mittwoch stimmte die Mehrheit der Abgeordneten dann gegen einen ungeordneten Ausstieg. Im dritten Votum entschied sich das britische Unterhaus dann schließlich für eine Fristverlängerung. Großbritannien soll die EU nicht wie geplant am 29. März verlassen. Einen Aufschub kann Großbritannien aber nicht alleine entscheiden, erst müssen die anderen EU-Staaten zustimmen.

Die Situation in Großbritannien bleibt also verfahren. Wie die Zukunft für junge Menschen in Großbritannien aussieht, ist nach wie vor unklar. 

Eine Umfrage, die von den Organisationen "Our Future, Our Choice" und "For our Future's Sake" in Auftrag gegeben wurde, zeigt, dass sich die Mehrheit der jungen Menschen ein zweites Referendum wünscht. Nur neun Prozent sind gegen ein neues Referendum (Guardian). Was die Studie auch zeigt: von den schätzungsweise zwei Millionen jungen Menschen, die 2016 noch zu jung waren, um zu wählen, aber mittlerweile das Wahlalter erreicht haben, würden bei einem zweiten Referendum 74 Prozent für einen Verbleib Großbritanniens in der EU stimmen.

Wir haben mit vier jungen Britinnen und Briten gesprochen und sie gefragt, wie sie die Stimmung zum Brexit momentan wahrnehmen. Was macht sie wütend, was lässt sie hoffen?

Hugo Lucas, 23, lebt in London

Die öffentliche Meinung hat sich geändert, immer mehr Menschen sind inzwischen gegen den Brexit. Und immer mehr Menschen fordern ein zweites Referendum. Warum sollte das Parlament ständig neu abstimmen dürfen, aber die Bevölkerung nur einmal? Wieso dürfen Abgeordnete ihre Meinung ändern, aber Wählerinnen und Wähler nicht? In Großbritannien haben die Menschen keine Lust mehr, für den Rest ihres Lebens über den Brexit nachzudenken. Sie wollen endlich Klarheit. 

"Should I stay or should I go?" - Die Brexit-Kolumne

Im Juni 2016 stimmte die Mehrheit der Britinnen und Briten in einem Referendum für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union – den Brexit. Was das für die Zukunft des Landes und junge Menschen in Großbritannien bedeutet, ist noch ungewiss. In unserer Reihe "Should I stay or should I go?" kommen deshalb junge Menschen zu Wort, die vom Brexit unmittelbar betroffen sind.

Trotz allem empfinde ich gerade aber auch Hoffnung. Junge Menschen sind politisiert, wollen mitbestimmen, sich beteiligen. Es gibt eine neue Generation junger Wählerinnen und Wähler, die sich für Politik interessiert und der Politik am Herzen liegt. Es hieß immer, junge Menschen – entschuldige die Wortwahl – "geben einen Scheiß". Das hat sich auf der ganzen Welt verändert. Überall merken junge Menschen, dass sich die Welt verändert. Und dass sie die Welt verändern können. Auch die Politikerinnen und Politiker realisieren: wenn sie gegen unsere Zukunft handeln, wählen wir sie aus dem Amt. Denn junge Menschen geben einen Scheiß. Und können damit etwas verändern.

Adam Flanagan, 17, lebt im nordirischen Belfast

Nordirland spielte im Brexit-Wahlkampf kaum eine Rolle, dabei betrifft und der Brexit besonders. Wir haben 2016 mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt – müssten aber als Teil des Vereinigten Königreichs mit austreten. Im Gegensatz zur Republik Irland, die weiterhin Teil der EU bleibt. Damit entsteht auf der irischen Insel nach dem Brexit eine EU-Außengrenze.

Wir Nordiren wollen endlich wissen, was passieren wird. Bekommen wir einen Backstop? Der Backstop ist nicht perfekt, aber wir brauchen ihn dringend. Er ist unsere Sicherheit, dass es zu keiner harten Grenze kommen wird.

Was ist der Backstop?

Der Backstop ist eine Übergangsregelung bis Ende 2020, nach der Großbritannien vorerst weiter Teil der EU-Zollunion und des europäischen Binnenmarktes bleiben soll. Damit werden Grenzkontrollen vermieden. In dieser Zeit sollen sich britische Regierung und EU auf ein Freihandelsabkommen mit gemeinsamen Regeln und Standards verständigen, um Grenzkontrollen auf Dauer hinfällig zu machen (Spiegel Online).

Nordirland hat eine Geschichte der Gewalt, eine harte Grenze gefährdet den fragilen Frieden in der Bevölkerung. Als Kind des Friedensprozesses habe ich die Grenzkontrollen zwischen der Republik Irland und dem britischen Nordirland nicht mehr selbst miterlebt. Nationalitäten sind in Nordirland aber immer noch ein schwieriges Thema. Manche Nordiren identifizieren sich mit Großbritannien, andere fühlen sich irisch. Die Grenze zwischen Nordirland und Irland war während des Nordirlandkonflikts stark gesichert, Grenzsoldaten wurden häufig Ziel von paramilitärischen Gruppen. Eine harte Grenze mit Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland würde nicht nur das Friedensabkommen gefährden, es könnte auch zu einem Wiederaufflammen der Gewalt führen.

Beim ersten Brexit-Referendum wussten die Menschen gar nicht, wofür sie wählen. Es wäre also nur richtig, noch einmal abzustimmen. Ich war 2016 noch zu jung, um zu wählen. In drei Monaten werde ich endlich 18. Bei einem zweiten Referendum würde ich meine Stimme auf jeden Fall abgeben.

Sarah Serridge, 23, kommt aus Bristol und lebt momentan im kanadischen Montreal

Seit ein paar Monaten bin ich für ein Austauschprogramm in Kanada. Die Nachrichten rund um den Brexit verfolge ich nur noch manchmal. Es deprimiert mich, dass es noch immer keinen echten Fortschritt gibt. Mittlerweile bin ich soweit, dass ich die Dinge nur noch aussitze und abwarte, was am Ende herauskommen wird.

Der Brexit ist mir richtig peinlich. Selbst in Kanada ist er Dauerthema in den Nachrichten, die Schlagzeilen flackern sogar über die Bildschirme in der U-Bahn. Die Kanadier fragen mich natürlich, wie es zum Brexit kommen konnte. Ich schäme mich, das zu erklären. Die Leave-Kampagne war eine Schande. Sie hat mit Ängsten und Vorurteilen gespielt, war rassistisch und xenophob. Wie konnten wir als Nation darauf hereinfallen?

Der Brexit hat nicht nur die Politik gespalten, sondern auch Familien und Freundeskreise. Privat versuche ich, das Thema zu vermeiden. Wenn ich höre, dass jemand für den Brexit gestimmt hat, muss ich ja erst einmal davon ausgehen, dass diese Person die rassistischsten Positionen der Leave-Kampagne teilt. Wenn ich irgendwo die britische Flagge sehe, habe ich inzwischen ein ungutes Gefühl. Ich assoziiere die Flagge inzwischen mit rechten Positionen. Insgesamt bin ich seit dem Brexit weniger stolz auf mein Land.

Andrea Carlo, 22, lebt in einem Vorort bei London

Ich selbst konnte beim Brexit nicht wählen, weil ich noch keinen britischen Pass hatte. Ich wurde in Italien geboren. Als ich noch ein kleines Kind war, zogen meine Eltern nach Irland. Seit 14 Jahren lebe ich nun in England. Natürlich fühle ich mich europäisch. Ich liebe Italien, dort sind meine Wurzeln, aber ich fühle mich auch britisch. Eine Identität reicht nicht aus, um mich zu definieren.

Am meisten hat mich enttäuscht, wie Theresa May während des Brexit-Prozess mit Migrantinnen und Migranten aus anderen EU-Ländern umgegangen ist. Ich war richtig angewidert. May hat unsere Rechte gefährdet, warf EU-Bürgern vor, sich vorzudrängeln, und hat insgesamt dazu beigetragen, dass es mehr Feindseligkeit gegenüber Migrantinnen und Migranten gibt.

Ich persönlich halte ein zweites Referendum für die beste Möglichkeit. Ich hoffe wirklich, dass Großbritannien Teil der europäischen Union bleibt. Junge Menschen wollen nicht die Möglichkeit verlieren, frei entscheiden zu können, wo sie innerhalb der EU leben und arbeiten wollen. Außerdem haben wir uns innerhalb der EU auf die Charta der Menschenrechte geeinigt. Junge Menschen hoffen auf eine Zukunft, die größer, heller und progressiver ist – wir wollen uns nicht in unsere Länder einschließen. 

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Gerechtigkeit

Equal Pay Day: Wir haben ausprobiert, ob Frauen wie Männer bezahlt werden wollen
Ein Straßenexperiment in Hamburg.

Frauen verdienen im Schnitt weniger als Männer. Weiß man, hat man schon oft gehört. Doch wie reagieren Menschen, wenn sie ungleich für ihre Arbeit belohnt werden? 

Vor einiger Zeit hat ein Video gezeigt, wie Kinder es finden, wenn Jungs mehr für die gleiche Arbeit bekommen als Mädchen. (bento)

Wir wollten wissen: Wie reagieren Erwachsene? Die Kinder haben sich lautstark beschwert. Macht die Sozialisation da einen Unterschied? Deshalb sind wir durch Hamburg gezogen und haben ein abgeändertes Experiment durchgeführt: 

Was passiert, wenn die Frauen die Hauptarbeit leisten müssen - aber die Männer die größere Schokolade bekommen? 

Das Ergebnis seht ihr oben im Video.