Bild: marta capilla
Die Boyband versucht es zumindest.

Fünf Jungs stehen im Meer, nur wenige Meter sind es bis zum Strand, das flache Wasser umspielt ihre Füße. Mit dramatischer Gestik fangen sie an zu singen:

I cannot believe this is the end. Oh no. I still feel your love inside me. I still sing your words.

Bis dahin könnte die Szene aus einem Video der Backstreet Boys stammen. Aber dann, ein paar Sekunden später, der Chorus:

Britain come back. Britain come back. Britain come back to us.

Die fünf Jungs sind die Breunion Boys; eine Band, erschaffen, um den Brexit aufzuhalten.

Inzwischen haben die Breunion Boys zwei Songs, Hunderttausende Views auf YouTube und ein erstes Konzert gespielt. Immerhin 60 Menschen kamen in Liverpool zur Uni, "Rock For Europe" hieß das Event. Die Band spielte ein paar Cover und auch eigene Songs. Julia Veldman, 30, war glücklich.

Julia Veldman hat die Band erschaffen, die Boys nennen sie ihre "Managerin". 

Dass es so kommen würde, konnte Veldman am Morgen nach dem Brexit-Votum noch nicht ahnen. An diesem Sommertag radelte die Niederländerin frühmorgens in ihr Studio in New York, in dem sie als freiberufliche Visual-Storytellerin arbeitete. Als Veldman den Laptop aufklappte, sah sie das Ergebnis. 51,9 Prozent der Wähler hatten für den Brexit gestimmt.

Sie begann zu weinen, so erzählt Veldman es. Sie habe ohnehin Heimweh gehabt und Europa vermisst. "Es hat sich angefühlt, als wenn da ein paar Leute mein Zuhause kaputt machen", sagt sie. Das Gefühl habe sie an den Tag erinnert, an dem sich Take That auflöste. So sei die Idee zu den Breunion Boys entstanden:

Boybands sind das beste, was die Briten dem Rest Europas gegeben haben. Was könnte es besseres geben, als mit einer Boyband zu versuchen, sie zurückzugewinnen?

Zurück in den Niederlanden, castete Veldman monatelang geeignete Sänger für die Band. Gut aussehen sollten sie. Und sie mussten gegen den Brexit sein. Denn wie bei jeder guten Boyband mussten die Männer für die Botschaft stehen, die sie rüberbringen sollen. Veldman fand fünf Männer aus Amsterdam:

  • Joshua Alagbe,
  • Gilles Meester,
  • Hajo Reurs,
  • Pablo Ramos,
  • und Seyed Hosseini.
(Bild: marta capilla)

Die Breunion Boys sehen aus wie eine typische Boyband, sie tanzen mehr oder weniger synchron und strecken ihre Arme verzweifelt gen Kamera. Das alles ist natürlich Ironie, eine Pose, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber die Botschaft, die sei sehr ernst, versichert Veldman. Im Kern sei die Band ein verzweifelter Appell an die Briten, es sich noch anders zu überlegen.

(Bild: marta capilla)

In ihrer Kampagne überzeugten die Brexit-Befürworter mit Emotionen. Der Austritt aus der EU wurde zur Frage der Selbstbestimmung und der Freiheit. Dem Remain-Lager gelang es nicht, ähnlich emotionale Argumente zu finden. Die gesamte EU habe im Grunde ein riesiges Image-Problem, sagt Veldman. Sie gelte als undemokratische Bürokratiemaschine. Veldman will das ändern.

Wir jungen Leute müssen vorangehen und definieren, wofür die EU stehen sollte.
Julia Veldman

Bis der Brexit endgültig vollzogen ist, will die Band alles tun, um so viele Briten wie möglich zu überzeugen. Dabei helfen dürfte ihnen ein Auftritt in der amerikanischen Fernsehshow "Last Week Tonight" von Jon Oliver. Der Comedian ist selbst Brite und zeigte vor ein paar Tagen Ausschnitte aus dem aufwändig gedrehten Musikvideo der Band. Insbesondere widmete sich Oliver dem Rap-Part, in dem sich Seyed Hosseini das Shirt hochzieht und seine Bauchmuskeln präsentiert.

Mehr als fünf Millionen Menschen haben sich die Show allein auf YouTube angeschaut. Seitdem wartet der 22-jährige Seyed darauf, dass seine Followerzahl bei Instagram in die Höhe schnellt. Bisher vergebens.

Wenn er nicht gegen den Brexit ansingt, studiert Seyed Medizin in Amsterdam

Als wir ihn erreichen, versucht er gerade, einen Essay über neue Behandlungsmöglichkeiten für Multiple Sklerose zu schreiben. Geboren wurde er in Afghanistan; mit zweieinhalb Jahren floh Seyeds Familie mit ihm nach Europa, zwei lange Jahre dauerte die Reise.

Ohne die EU wäre ich nicht die Person geworden, die ich heute bin. Ich hätte nicht dieselben Möglichkeiten.
Seyed

Seit "Last Week Tonight" sprechen ihn viele vor allem auf seine Bauchmuskeln an. Also entschied sich die Gruppe, ein Reaction-Video zu produzieren. Darin zeigen sich die Bandmitglieder beim Fitness-Training, neben Waschbrettbäuchen werden ein paar Fakten zur Beziehung zwischen der EU und Großbritnannien eingeblendet:

In the United Kingdom 10 percent of the employment opportunities are directly linked to the EU.

So sei das nun mal, sagt Seyed, heutzutage müsse man viele verrückte Sachen machen, um gehört zu werden. "Zumindest kann ich später auf mein Leben zurückblicken und sagen: 'Als der Brexit kam, habe ich mein Bestes gegeben und einen Aufschrei ausgelöst.'"

(Bild: marta capilla)

Am 29. März wollen die Breunion Boys in London spielen; an dem Tag wird Großbritannien aus der EU austreten – wenn der Brexit nicht noch verschoben wird.

Noch haben die Breunion Boys und Veldman ein bisschen Hoffnung, dass er sich abwenden lässt. Falls nicht, wird die Band trotzdem performen – und den Briten zurufen, dass sie eines Tages wieder eintreten sollten.


Gerechtigkeit

Wie Sara heimlich aus Saudi-Arabien nach Deutschland floh
Im Netz organisieren immer mehr Frauen ihre Flucht vor strengen arabischen Familien.

In dem Moment, in dem Sara weiß, dass sie in Sicherheit ist, sieht sie Bäume, die immer rascher näher kommen. Ihr Flieger setzt jeden Moment in Frankfurt am Main auf, durch das Flugzeugfenster sieht Sara das dunkle Grün der Nadelbäume, so erzählt sie es später. "Das Grün ist für mich die Farbe von Deutschland".

Sara kommt aus Saudi-Arabien, ist 28 Jahre alt und zum ersten Mal in ihrem Leben in Freiheit, sagt sie. Vor einem Monat ist sie in einer gewagten Aktion aus ihrer Heimat geflohen, hat den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen und in Deutschland Asyl beantragt. Nun sitzt sie in einer Unterkunft für Geflüchtete im Osten Deutschlands. Ihren echten Namen will sie zum Schutz nicht veröffentlicht wissen.

Am Telefon erzählt Sara ihre Geschichte, von einem unterdrückten Leben in Saudi-Arabien, von ihrem heimlichen Freund, von den Tricks, mit denen sie schließlich floh.

"Ich habe so gezittert als ich am Flughafen war", sagt sie heute. Erst als der Flieger abhob, konnte sie sich entspannen. Alles sei von ihr abgefallen, "ich habe im Flieger dann erst mal ein Glas Wein bestellt." Glaubt man Saras Geschichte, dann war die Anspannung berechtigt: Ihre Flucht musste sie lange vorbereiten, in einer Nacht Mitte Januar ging es schließlich los.

Jetzt ist sie seit einem Monat in Deutschland, ob sie Asyl bekommt, steht aus. "Pläne für die Zukunft habe ich noch nicht", sagt Sara. Sie sei froh, weg zu sein. Nun wolle sie rasch Deutsch lernen und sich ein eigenes Leben aufbauen.

Sara hat eine App namens "Absher" benutzt, um ihre Eltern auszutricksen. Die App wird vom saudi-arabischen Innenministerium herausgegeben. Bürgerinnen und Bürger können mit ihr Strafzettel bezahlen oder Neugeborene registrieren. Aber: Saudi-Arabiens Männer können mit "Absher" auch ihre Frauen überwachen: