Bild: Bartholomäus von Laffert

Ein Witz. Ein schlechter, aber ein Witz ganz bestimmt, denkt sich Alex, 24, Dreadlocks, als er Mitte August aus dem Urlaub zurückkommt und sein Gesicht an der Bahnhofswand seiner Heimatstadt kleben sieht. Auf einem Fahndungsplakat. Gesucht wegen Brandstiftung an PKWs. 3000 Euro für den, der ihn findet. Kopfgeld sozusagen.

Was soll das?

Fürstenfeldbruck, da, wo Alex herkommt, ist eine Kleinstadt im Münchner Westen. Eine dieser Kleinstädte mit dreiziffrigem Autokennzeichen, in der nach 20 Uhr kaum noch jemand zu sehen ist auf der Straße. Fürstenfeldbruck ist bekannt für: die gescheiterte Geiselbefreiung bei den Olympischen Spielen 1972 auf dem Militärflughafen und für sein Frühlingsfest, auf dem sich jedes Jahr Jugendliche aus dem Münchner Umland besaufen.

Seit Sommer 2016 ist Fürstenfeldbruck auch bekannt für brennende Autos. In einer Juli-Nacht ging ohne jede Vorwarnung ein Audi in Flammen auf, das war der Anfang. Es folgten zehn weitere Wagen und ein paar Gartenmöbelgarnituren. Limousinen, Leihwagen, Familienkutschen – mehrfach brannten sie. Die Polizei hat eine siebenköpfige Ermittlerkommission eingerichtet, um herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist. Bis jetzt ohne jede Spur.

Und weil sie keine Spur hat, ist die Polizei dankbar für diese eine Zeugenbeobachtung aus dem August: Ein Mann, etwa 20 bis 35, 1,70 bis 1,85 Meter groß, mit Dreadlocks bis zu den Hüften – so soll der Täter aussehen.

Fahndungsplakat der Polizei

Bald hängt das Phantombild dieses Mannes in der ganzen Stadt, doch der Täter wird nicht gefasst. Im Bus, an der Tanke, an der Sparkasse, das Plakat hängt weiter.

Für Alex, Markus und Dominik aus Fürstenfeldbruck bedeutet das: Sie haben alle dasselbe Problem. Denn weil sie auffällig lange Dreads tragen, genau wie der gesuchte Täter, werden sie ständig für selbigen gehalten.

Wie ist es, wenn man rein zufällig aussieht wie jemand, der vielleicht ein gesuchter Brandstifter ist? Wenn man ins Visier von Ermittlungen gerät, obwohl man unschuldig ist?
Alex, 24, Student
Alex, 24(Bild: Bartholomäus von Laffert)

"Plötzlich ging das ab. Ich der Typ mit Dreadlocks, und da draußen eine ganze Stadt, die darauf Jagd macht. Das ging über mehrere Wochen und war für mich Stress pur.

Ich kam gerade aus meinem Schwedenurlaub zurück. Da waren schon elf Autos abgebrannt. Es dauerte keine drei Stunden, bis ich das erste Mal durchsucht wurde: Ob ich Grillanzünder dabei hätte, wurde ich gefragt. Meine Freunde nannten mich nur noch 'Brandstifter'.

(Bild: Bartholomäus von Laffert)

In den folgenden zwei Monaten wurde ich insgesamt 20 Mal gefilzt. Einmal hat der Busfahrer die Polizei gerufen und die Polizisten haben mich noch an der Haltestelle gepackt und angeschrien: "Wir wissen, dass Sie es waren!"

Ein anderes Mal warteten sie vor dem Schuhgeschäft, in dem ich gerade war, weil die Verkäuferin sie gerufen hatte. Auch meine Nachbarin rief einmal die Polizei. Auf einmal waren alle paranoid, inklusive mir selbst. Ich ging durch die Straßen und sah die Euro-Zeichen in den Augen der Leute aufblitzen.

Jeder kennt das Plakat und die hohe Summe. Und wenn ich ehrlich bin: Der Gesuchte sieht wirklich aus wie ich. Nur, dass ich es nicht bin."

Und du?
Markus, 22, Student
Markus, 22(Bild: Bartholomäus von Laffert)

"Ich kam gerade von meiner Oma, als sie mich das erste Mal kontrollierten. Da hatte gerade der Wagen gebrannt, wo sie einen Dread-Head gesehen haben wollen. Hubschrauber kreisten über der Stadt. Als sie mich auf der Hauptstraße anhielten waren die sicher: Wir haben den Täter.

Erst war es nur ein Wagen auf der Hauptstraße, dann kamen vier weitere. Alle Polizisten waren in Zivil. Das war schon schräg. Lauter Polizisten, manche in Lederhosen, manche in Jeans – und ich mittendrin. Sie nahmen mein Handy, scrollten durch WhatsApp-Verläufe.

(Bild: Bartholomäus von Laffert)

Dreadlocks in Bayern: generell kompliziert. Früher wurde ich mindestens zehn Mal im Jahr kontrolliert. Mittlerweile lebe ich in Berlin, hier habe ich meine Ruhe. Aber immer, wenn ich meine Eltern besuche, weiß ich, womit ich rechnen muss. Klar, Dreadlocks tragen ist in Bayern Regimekritik. Leute, die Autos anzünden, sind im Zweifel auch regimekritisch. Für die passte also bei mir alles zusammen – ich hatte Dreads, also kam ich als Täter in Frage.

Sie haben mich nach dem ersten Vorfall noch dreimal kontrolliert – an einem Tag. Ich sollte denen erzählen, wie ich ein Auto hochgehen lassen würde. Habe ich dann auch gemacht, ganz ehrlich: einfach einen Kokelsatz auf den Vorderreifen, Glut entwickeln lassen und irgendwann fliegt das Ding in die Luft. Ich denke, Ehrlichkeit hilft am Ende, sonst werden die Beamten nur noch misstrauischer."

Dominik, 24, Student
Dominik, 24(Bild: Bartholomäus von Laffert)

"Ich wohne in einer WG. Neulich wachte ich morgens auf, ging ins Wohnzimmer – und da warteten schon zwei Polizisten auf mich. Sie wollten wissen, wo sich 'Leute wie ich' so rumtreiben. Das hat mich richtig wütend gemacht. Ich habe ja auch Verständnis dafür, dass sie den Täter kriegen wollen, aber hey: Wenn ich ein Auto anzünden würde, dann würde ich mir die Haare doch zusammenbinden und in den Pulli stecken, und alles dafür tun, dass ein so auffälliges Merkmal versteckt bleibt.

(Bild: Bartholomäus von Laffert)

Wegen diesem einen Zeugen hetzen sie wirklich die Polizei auf uns?

Die Leute starren mich an, starren auf das Plakat, fangen an zu tuscheln. Das ist mehr als unangenehm. Die ganze Feuerteufel-Sache war richtig mies für das Image von Leuten mit Dreads oder Rastas: Jetzt sind das alles nicht nur Junkies, sondern auch noch Kriminelle. Da wird schnell stigmatisiert – genau wie wenn ein Flüchtling eine Straftat begeht und plötzlich alle Flüchtlinge schuldig sind.

Bisher wurde ich fünfmal kontrolliert. Das war immer stressig, aber Angst hatte ich nicht. Ich bin unschuldig. So viel Vertrauen in den Rechtsstaat habe ich noch, dass ich weiß, mir passiert nichts."


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Bis 25 finden wir immer mehr Freunde – danach verlieren wir sie

Bis zu unserem 25. Geburtstag sammeln wir jedes Jahr mehr Freunde. Allerdings nur, um sie danach wieder zu verlieren. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Forscher der Aalto Universität in Helsinki und der Oxford Universität in Großbritannien durchgeführt haben (Berliner Zeitung).

Die Wissenschaftler nutzten für ihre Untersuchung anonymisierte Handy-Daten, um die Anzahl der regelmäßigen Kontakte zu untersuchen. Dabei kam heraus, dass junge Männer mehr soziale Kontakte pflegen als gleichaltrige Frauen. Im Schnitt standen sie mit 19 Menschen in Kontakt, die Frauen dagegen nur mit 17,5.