Weil Außenminister Sigmar Gabriel bei seinem Besuch in Israel auch mit regierungskritischen Organisationen sprechen wollte, kam es zum Eklat: Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sagte ein geplantes Treffen spontan ab.

Eine der beiden umstrittenen Organisationen: Breaking the Silence. Der 23-jährige Ruben aus Berlin kann davon berichten. Er hat bei der Organisation in Tel Aviv ein Praktikum gemacht. Drei Monate, unbezahlt – aber seine Erfahrungen waren unbezahlbar.

Darum ging es im Streit zwischen Gabriel und Netanyahu

  • Netanyahu sagte das Treffen mit der Begründung ab, er empfange keine Besucher, "die sich auf diplomatischen Reisen nach Israel mit Gruppen treffen, welche Soldaten der israelischen Streitkräfte als Kriegsverbrecher beleidigen." (Spiegel Online)
  • Er kritisierte, dass Gabriel statt mit Vertretern der parlamentarischen Opposition nur Treffen mit außerparlamentarischen Gruppen vereinbarte. (Spiegel Online
  • Gabriel hatte sich schon früher sehr kritisch gegenüber der israelischen Politik im Westjordanland geäußert. 
  • Ebenfalls fand Netanjahu die Terminauswahl, einen Tag nach dem Holocaust-Gedenktag, instinktlos. (Spiegel Online)

Wir haben mit Ruben über seine Zeit bei Breaking the Silence gesprochen:

(Bild: bento)
Warum hast du dich bei Breaking the Silence beworben?

Ich bin als Christ auf eine jüdische Schule in Berlin gegangen. Dadurch habe ich viele Freunde in Israel. Ich wollte schon immer mal für längere Zeit in Israel zu leben. An Tel Aviv haben mich die üblichen Dinge gereizt: Strand, Party, Essen. Von Breaking the Silence habe ich über Freunde gehört. Dass die Organisation so umstritten ist, wusste ich gar nicht.

Breaking the Silence

Die Organisation wurde von israelischen Soldaten gegründet, die während der zweiten Intifada in der Stadt Hebron ihren Wehrdienst leisteten. 

Zweite Intifada wird der gewaltsame Konflikt zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften von 2000 bis 2005 genannt, der zu einer 750 Kilometer langen Sperranlage um das Westjordanland führte.

Breaking the Silence dokumentiert Aussagen von Soldaten, die nach eigenen Angaben Zeugen von Menschenrechtsvergehen an palästinensischen Zivilisten geworden sind. Die Organisation ist umstritten: Die Hauptkritik ist, dass die Protokolle meist anonym sind und daher nicht nachgeprüft werden können. 

Du hast nicht mal gegoogelt?

Natürlich, aber dass die Abneigung im Land so krass sein würde, das habe ich nicht erwartet.

Ich wurde beschimpft und geschlagen, weil ich dieses Praktikum gemacht habe.
Ruben
Wie waren die Reaktionen, wenn du gesagt hast, dass du für Breaking the Silence arbeitest?

Schon am Flughafen wurde mir klar, wie unbeliebt die Organisation ist. Bei einer Stichprobenuntersuchung wurde ich in einen separaten Raum geführt und vierzig Minuten lang befragt. Die Beamten haben mich angeschrien und beleidigt, weil ich ein Praktikum bei Breaking the Silence machen würde. Sie beschimpften mich und meinten, dass ich mich als Deutscher nicht in israelische Angelegenheiten einmischen soll.

Ein paar Tage später habe ich mich nett mit einem Ladenbesitzer in Tel Aviv unterhalten. Auf seine Frage, was ich in Tel Aviv mache, antwortete ich, dass ich für Breaking the Silence arbeitete. Daraufhin schlug er mir ohne Vorwarnung mit der offenen Hand ins Gesicht. 

Ich war völlig perplex, dass eine legale Non-Profit-Organisation so radikale Reaktionen auslöst. Ab diesem Zeitpunkt habe ich nur noch Freunden von meinem Praktikum erzählt

Eine von Breaking the Silence organisierte Ausstellung von Fotos ehemaliger israelischer Soldaten(Bild: Getty Images/David Silverman)
Was waren deine Aufgaben innerhalb der Organisation?

Ich habe das Team organisatorisch unterstützt und bei ihren Führungen nach Hebron mitgeholfen. Die zweitgrößte Stadt im Westjordanland ist die einzige palästinensische Stadt mit einer israelischen Siedlung im Stadtzentrum. Die Tour wird von ehemaligen israelischen Soldaten geführt, die in dieser Gegend stationiert waren. Ihr Ziel ist es, einen Eindruck von der Vorgehensweise des Militärs und der Politik der Regierung im Westjordanland zu vermitteln.

Dabei führen die Touren durch Gebiete, die für Palästinenser unzugänglich sind. Die Bewegungsfreiheit der Palästinenser ist in Teilen Hebrons stark eingeschränkt, weil wichtige Hauptstraßen für sie geschlossen sind. Um von einem Teil der Stadt in den anderen zu kommen, müssen sie viele Checkpoints und Sicherheitskontrollen passieren.

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Warum ist die Organisation bei vielen Israelis so unbeliebt?

Viele Israelis wenden sich gar nicht gegen die Organisation an sich, sondern kritisieren die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland und dass an den Touren hauptsächlich ausländische Touristen teilnehmen. Sie möchten ein negatives Bild von Israel im Ausland vermeiden und sind der Meinung, dass die Diskussion innerhalb der israelischen Gesellschaft geführt werden sollte. Dazu kommt, dass Soldaten in Israel einen sehr hohen Stellenwert genießen. Für viele ist das Militär der ganze Stolz und wer kritisiert, gilt schnell als Verräter.

Stimmst du dieser Position zu?

Ich glaube, dass die Arbeit von Breaking the Silence oft missverstanden wird. Die Mitarbeiter haben mir gegenüber immer wieder wiederholt, dass sie nicht die Armee, sondern die Politik der Regierung kritisieren. Sie verstehen sich selbst als Patrioten und sind nicht gegen einen israelischen Staat. Sie haben auch nicht das Ziel, Soldaten vor Gericht zu bringen. Sie glauben vielmehr, dass sich Israel durch seine Besatzungspolitik selbst schwächt und plädiert auch aus humanitären Gründen für ein friedliches Zusammenleben unter Nachbarn.

Wer das Militär kritisiert, gilt schnell als Verräter.
Ruben
Wie stehst du heute zu Breaking the Silence?

Natürlich ist die Organisation nicht objektiv und beleuchtet nur einen Teilaspekt. Trotzdem hat die Organisation einen notwendigen und absolut legitimen Auftrag und gehört meiner Meinung nach zu den wichtigsten zivilgesellschaftlichen Non-Profit-Organisationen in Israel.

Hat dein Praktikum deine Meinung zu Israel verändert?

Mich haben die drei Monate bei Breaking the Silence und die Gespräche mit den Menschen in Hebron für die Situation der Palästinenser sensibilisiert. Ich liebe Land und Leute weiterhin, denke heute aber kritischer über die israelische Politik als vorher.


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