Bild: Jannis Große / Bento

Es ist einer der ersten wärmeren Tage des Jahres in Kuckum, einem kleinen Dorf in Nordrhein-Westfalen. Tina Dresen läuft über einen Feldweg, rechts von ihr ein kleiner Wald, links Wiesen und Koppeln, auf denen Pferde grasen, man hört einen Hahn krähen und Hunde bellen. Sie hat ihre Haare locker zu einem Zopf zusammengebunden und trägt eine lila-grüne Jacke, die ihr eigentlich zu groß ist.

(Bild: Jannis Große / Bento)

"Hier zu leben fühlt sich an, als wäre wenige Kilometer weiter das Ende der Welt. Und irgendwann verschlingt es dich auch", sagt sie.

Kuckum liegt im zukünftigen Abbaugebiet des Braunkohletagebaus Garzweiler. 

Rund zwei Kilometer sind es bis zur Abbruchkante des Tagebaus noch. Bis 2027 soll Kuckum zusammen mit den Nachbardörfern Keyenberg, Berverath und Westrich abgerissen werden. 

Und das, obwohl der Ausstieg aus der Braunkohle eigenlich beschlossene Sache ist: 

Am 4. April haben sich Bund und Länder auf ein Förderprogramm für einen Strukturwandel in den Regionen, die vom Kohleausstieg betroffen sind, geeinigt. 260 Millionen Euro sollen die Regionen für Infrastrukturmaßnahmen bekommen. Damit soll der Wegfall des Jobgaranten Braunkohle in den betroffenen Regionen abgefedert werden, wenn Deutschland der Empfehlung zufolge bis Ende 2038 schrittweise aus der klimaschädlichen Stromgewinnung mit Braunkohle aussteigt. 

Tinas Heimat wird es dann trotzdem nicht mehr geben. 

Die Umsiedelung hat bereits 2017 begonnen. Andere Dörfer, die näher an der Abbruchkante des Tagebaus liegen, wie Immerath wurden schon fast vollständig zerstört. Die Ergebnisse der Kohlekommission und das Förderprogamm für den Strukturwandel ändern an diesen Plänen nichts.

Das "Ende der Welt" wie Tina es nennt – der Braunkohletagebau Garzweiler

(Bild: Jannis Große / Bento)

Bedrohte Dörfer

Von Braunkohletagebauen bedroht sind 12 Dörfer an den Tagebauen Garzweiler und Hambach in Nordrhein-Westfalen, sowie in der Lausitz und im Leipziger Land. In der Vergangenheit sind bereits mehr als 300 Dörfer in Deutschland in Braunkohletagebauen verschwunden und rund 100.000 Menschen wurden bisher dafür umgesiedelt.

Zwar zeigen Untersuchungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), dass keine weiteren Dörfer mehr abgebaggert werden müssten, aber die Dörfer sind nach wie vor bedroht. Die Ergebnisse der Kohlekommission haben keine Entscheidung zum Erhalt der Dörfer gefällt, aber gesagt „soziale und wirtschaftliche Härten“ seien bei der Umsiedlung  zu vermeiden. RWE, der Konzern, der im Rheinland die Kohleverstromung betreibt, hält weiter an den Plänen der Umsiedelung fest.

Eigentlich sollen alle Bewohnerinnen und Bewohner der bedrohten Dörfer in neue Dörfer umgesiedelt werden. Für Tina und viele andere ist das aber keine Option. 

Tinas Familie hat über Generationen in Kuckum gelebt. "In diesem Haus haben meine Uroma und meine Tante gewohnt. Und dort in dem roten Haus wohnt meine Oma. Meine Uroma ist vor ein paar Jahren gestorben und meine Tante ist schon ins neue Dorf gezogen, weil sie sagt, dass sie das in ein paar Jahren nicht mehr schaffen würde. Das ist so eine Kleinigkeit, die vielen gar nicht so bewusst ist: Dir wird ein Stück Familie weggerissen."

Wenn Tina von ihrer Heimat spricht, redet sie oft in der Vergangenheit. So, als gäbe es ihr Zuhause eigentlich schon nicht mehr – und als könne man ihn gleichzeitig nicht ersetzen:

"Dieses Gefühl von Nachhause kommen kann man nicht einfach an einem anderen Ort wiederherstellen. Hier kannte man einfach jeden. Wenn die Eltern nicht zu Hause waren, bin ich zu den Nachbarn gegangen. Diese Gemeinschaft würde im neuen Dorf einfach fehlen."

Das ehemalige Haus ihrer Tante und Uroma in Kuckum.

(Bild: Jannis Große / Bento)

Tina ist 18 Jahre alt und in Kuckum aufgewachsen.

Dieses Jahr macht sie Abitur und will ab Herbst ein Freiwiliges Ökologisches Jahr (FÖJ) in einer Pferde-Auffangstation machen. Was sie danach machen will, weiß sie noch nicht genau. Vermutlich zieht sie nicht wieder zu ihren Eltern, sie will in eine WG in der Nähe. Trotzdem bleibt Kuckum ihre Heimat.

(Bild: Jannis Große / Bento)

"Ich habe das Gefühl, in ein paar Jahren ist das ganze Leben, was ich bis jetzt gelebt habe, einfach weg. Du hast die Erinnerung noch im Kopf, aber der Ort ist dann einfach weggebaggert, als wäre er nie da gewesen." Ihr ganzes Leben, alles, was für sie wichtig ist, ist bisher hier in der Region passiert. "Mein Kindergarten und meine Grundschule waren in Keyenberg. Meine beste Freundin lebt in Oberwestrich. Hier in Kuckum bin ich zum ersten Mal geritten, hab zum ersten Mal Freunde getroffen, zum ersten Mal meinen Freund geküsst. Hier sind meine Wurzeln."

Das Haus ihrer Familie stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert und ist denkmalgeschützt. "Wir dürfen an der Fassade eigentlich nichts verändern. Und jetzt kommt RWE und will es einfach abreißen. Genauso wie die Kirchen, in die die Menschen seit Jahrzehnten gehen und beten, die dann einfach entweiht werden." In anderen Dörfern ist das schon passiert. "Wenn du davorstehst und siehst wie der Bagger ein Haus zerreißt, dann ist das als würde es dir das Herz rausreißen. Selbst, wenn du da nicht gewohnt hast."

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Von der Politik und RWE fühlt sie sich vorgeführt. 

"Armin Laschet (CDU), der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfahlen, war bei uns zu Besuch und hat so getan, als hätte er Verständnis. Am nächsten Tag hat er dann bei RWE gesagt, dass die Dörfer abgebaggert werden sollen. Es geht immer nur um Arbeitsplätze und nie um die Menschen, die hier wohnen, die alles verlieren - ihre ganze Existenz."  Ihrer Meinung nach hätten die Menschen schon vor 40 Jahren verstehen müssen, dass man nicht für Braunkohle die Existenz ganzer Dörfer zerstören sollte. Dass diese Technologie veraltet ist – und den Planeten zerstört.

Ein Energieträger von vorgestern. 

Deswegen engagiert sie sich mittlerweile auch bei "Fridays For Future" – die Bewegung macht ihr Mut, genau wie die erfolgreichen Proteste vom Hambacher Forst. (bento

"Wir sind die Zukunft und ihr Politiker verbaut gerade mein Leben, meine Zukunft. Wenn wir jetzt nichts tun und denken 'mein Leben ist gerade wichtiger', dann werden in 50 Jahren merken, dass wir Abitur haben, aber keinen Planeten, auf dem wir leben können."

Aus ihrer Sicht müssen alle Abstriche machen, um etwas gegen den Klimawandel zu tun. Tina lebt vegetarisch und kauft weitgehend regional, saisonal und biologisch ein. Sie versucht, wenig Technik zu nutzen und mehr rauszugehen. Sie fährt mehr mit dem Fahrrad und ihre Familie versucht, die Strecken mit dem Auto zu reduzieren, indem sie beispielweise für die Nachbarin mit einkaufen. "Wenn jeder von uns mit Kleinigkeiten anfangen würde, würde das ganz, ganz viel auslösen. Aber auch die Industrie und die Politik müssen etwas tun."

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Während sie redet, klettert sie über den Gartenzaun zu den Nachbarn. Fröhlich begrüßt sie die beiden, die als Zeichen des Protests ein großes gelbes "X" im Vorgarten aufgestellt haben. Tina zeigt auf den Stall hinter dem Haus und sagt: "Hier habe ich meine Kindheit verbracht". Ihr Nachbar muss lachen und stimmt ihr nickend zu. "Hier habe ich Barbie gespielt, mich mit meinen Freunden getroffen. Ich habe hier drin geschlafen und gezeltet", erzählt sie.

Am Zaun zur Koppel bleibt sie stehen und ruft laut "Klassika". Ein Pony kommt angetrabt und lässt sich von Tina streicheln. "Ich kann mir nicht vorstellen, ohne die Nachbarn, ohne die Pferde hier zu leben." Schon ihr ganzes Leben kümmert sie sich jeden Tag um die Pferde ihrer Familie und ihrer Nachbarn. "Wenn du jeden Tag zwei bis drei Stunden mit einem Tier verbringt, dann baust du eine Bindung auf, dass du dir nicht vorstellen kannst sie zu verlieren. Die Pferde bestimmen hier deinen Alltag und geben dir so ein starkes Gefühl von Freude und Liebe." 

(Bild: Jannis Große / Bento)

Auf der Demonstration in Kuckum ist Tina deshalb selbstverständlich dabei und verteilt Luftballons.

Rund 200 Menschen haben sich auf dem kleinen Platz mitten im Dorf versammelt. Viele von ihnen tragen ein gelbes "X", wie man es aus der Anti-Atom-Bewegung gegen den Castor kennt. Auf den Fahnen steht: "Alle Dörfer bleiben".

Von hier aus werden sie, wie aus den anderen bedrohten Dörfern, nach Keyenberg zur Abschlusskundgebung laufen. Tina ist in der ersten Reihe neben ihren Freunden Daniel und Pierre. Für sie ist es nur eine Demonstration von vielen. "Mittlerweile ist das irgendwie Alltag", sagt sie und lächelt. Dabei ist sie noch gar nicht so lange politisch aktiv.

"Ich habe das immer viel mitbekommen durch meinen Bruder, der schon sehr lange aktiv ist. Aber ich selbst beschäftige mich erst seinem einem Jahr mehr mit dem Thema."

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Bei der Abschlusskundgebung werden Ortschilder der bedrohten Dörfer auf die Bühne gebracht. Tina bringt das Schild für Kuckum auf die Bühne und spricht zu den rund 3000 Menschen auf der Kundgebung: "Ich habe hier noch nie so viele Menschen gesehen. Ich heule gleich vor Freude. Es ist super, dass ihr heute alle hier seid."

Tina ist vor allem auch durch den Hambacher Forst aktiv geworden. "Das hat mich schon sehr inspiriert, wie viele Menschen sich dafür eingesetzt haben. Und es hat mir Hoffnung gegeben, dass wir für die Dörfer auch etwas bewirken können."

Für Tina und die anderen Aktiven von "Alle Dörfer Bleiben" ist der Hambacher Forst ein wichtiges Symbol für den Widerstand. Vielleicht wird auch Kuckum zu einem Symbol: Für den Konflikt zwischen Menschen, die durch Klimawandel und Globalisierung ihre Heimat verlieren und den Interessen der Wirtschaft. Und dafür, wie unsere Gesellschaft entscheidet, mit diesem Konflikt umzugehen. 

(Bild: Jannis Große / Bento)