Seit Neujahr ist in Brasilien alles anders. Der umstrittene rechtspopulistische Jair Bolsonaro ist der neue Präsident des Landes, am 1. Januar wurde er offiziell ins Amt eingeführt. Brasilien, die fünftgrößte Demokratie der Welt, hatte Bolsonaro Ende Oktober mit knapper Mehrheit gewählt.

Seit Jair Bolsonaro an der Macht ist, fürchten viele Minderheiten in Brasilien um ihre Sicherheit. 

Bolsonaro bekannte sich einst klar zur Diktatur, im Wahlkampf hetzte er gegen Linke, Frauen, Schwarze und die LGBT-Community (bento). In einem Interview sagte er beispielsweise, dass es ihm lieber sei, wenn einer seiner Söhne sterbe, als einen homosexuellen Sohn zu haben. (bento) Auch die indigenen Völker Brasiliens sind ihm egal, in einer seiner ersten Amtshandlungen bestimmte er, große Teile des Regenwaldes abzuholzen (Tagesschau).

Nun haben LGBT-Aktivistinnen ein Zeichen gegen Diskriminierung gesetzt – und zu Bolsonaros Amtseinführung mehrere Gebäude in der Hauptstadt Brasilia gebustet.

Via Laser projezierten sie Botschaften an wichtige Gebäude, darunter auch an den Nationalkongress. Auf den Häusern stand:

Wir sind LGBT+ und wir werden Widerstand leisten!

Eine zweite Variante wurde mit dem Satz "Wir sind trans" verbreitet.

Hier wird der Slogan ans Ministerium für Menschenrechte projeziert.

(Bild: All Out Brasil)

Hinter dem Busting steckt die LGBT-Organisation "All Out", die sich weltweit für die Rechte von Menschen der LGBT-Szene einsetzt. Ana Andrade hat die Organisation in Brasilia mit koordiniert – wir haben mit ihr gesprochen.

Ana, wie kam eure Aktion an?

"Wir haben unsere Botschaften an drei Orte projeziert und waren wahnsinnig aufgeregt, wie sie ankommen würden. Gleich die erste haben wir auf eine Mauer bei der großen Kathedrale von Brasília geworfen, neben der Hauptstraße, die durch das Stadtzentrum führt. 

Die Botschaft wird dem Präsident sicher nicht gefallen.

Ein Auto fuhr vorbei und die Leute haben uns homophobe Sprüche zugerufen – aber dann rief auch jemand im Vorbeifahren etwas Unterstützendes! Viele sind ausgestiegen, um Fotos zu machen.

Dann waren wir beim Ministerium für Frauen, Familien und Menschenrechte. Dort sind wir mit vielen ins Gespräch gekommen, alle waren neugierig. Eine Person meinte, die Projektion wird dem Präsident sicher nicht gefallen."

Und genau darum geht es euch ja. Wie lief es am dritten Ort?

"Das war der Nationalkongress. Da war am meisten los, viele Touristen, viel Verkehr. Wir konnten unseren Slogan vielleicht zehn Minuten zeigen, bevor die Polizei kam und uns bat, aufzuhören. Daran haben wir uns auch gehalten, immerhin wollten wir nur einen friedlichen Protest."

Eine der Projektionen am Nationalkongress von Brasilien, dem Parlament.

(Bild: All Out Brasil)

Glaubst du, das Busting hat einen Effekt? Wie werden LGBT-Rechte in der Öffentlichkeit diskutiert?

"Naja, LGBT-Rechte sind nicht wirklich das am meisten diskutierteste Thema in der Politik. Aber immer, wenn es um LGBT geht, werden die Gespräche schnell emotional und aufgewühlt. Brasilien ist ein extrem homophobes und transfeindliches Land. 

Für Menschen der LGBT-Szene ist es hier wahnsinnig gefährlich. Und das zeigt sich überall: von Trollen, die im Netz hetzen bis zu Paaren, die angefeindet werden, wenn sie Hand in Hand die Straße entlanglaufen. Es gipfelt sogar in Morden, die durch LGBT-Phobien motiviert sind."

Welche Rolle spielt Bolsonaro, der neue Präsident?

"Ich kann nicht für die gesamte LGBT-Community sprechen, aber ich denke, viele teilen meine Gefühle. Und ich bin echt besorgt. 

Es ist gruselig, dass so eine Person nun so viel Macht hat.

Einen Mann wie Bolsonaro als Präsidenten eines so vielfältigen Landes wie Brasilien zu haben, wird sehr verzwickte Konsequenzen mit sich bringen. Alles fühlt sich unsicher an. Jeden Moment könnten wir Rechte verlieren, die wir uns lange erarbeitet haben – und es wird unmöglich, für die Rechte zu kämpfen, die wir noch nicht haben.

Bolsonaro sagte, er will lieber einen toten Sohn als einen schwulen und dass er eine Abgeordnete nur deshalb nicht vergewaltigen würde, weil sie "zu hässlich ist und es nicht verdient". Es ist gruselig, dass so eine Person nun so viel Macht hat. Es wird Menschen, die seine Haltung gegenüber der LGBT-Szene teilen, zu Gewalttaten ermutigen.

Der LGBT-Slogan hinter der berühmten Kathedrale von Brasilia.

(Bild: All Out Brasil)

Das hört sich alles sehr düster an.

"Ja, die Menschen sind verängstigt und beunruhigt. Aber es entsteht auch gerade ein unterschwelliges Gefühl von Hoffnung und Widerstand. Viele neue Bewegungen, Initiativen und Partnerschaften entstehen gerade. In der gleichen Wahl, in der Bolsonaro gewählt wurde, wurden auch drei Transfrauen in die Staatsversammlung gewählt. Das ist bahnbrechend und wahnsinnig wichtig."

Es gibt jetzt ein unterschwelliges Gefühl von Hoffnung und Widerstand.

Wie wollt ihr weitermachen?

"Es wird viele weitere Aktionen geben, aber nicht unbedingt Projektionen. Wir wollen nicht nur auf die Politik reagieren – sondern selbst aktiv werden. Wir wollen ein Bewusstsein für die LGBT-Szene schaffen und die Mitglieder stärken. Eine erste große Kampagne wird es schon Mitte Februar geben. Dann soll am Obersten Gerichtshof darüber entschieden werden, ob Diskriminierung von LGBT künftig unter Strafe gestellt wird. Die Entscheidung wurde schon zwei Mal vertagt, nun wollen wir ein Ergebnis sehen."


Fühlen

Warum seid ihr Deutschen so übervorsichtig?
Wir lieben es einfach, unsere Ängste mit Regeln, Plänen und Versicherungen zu erdrücken. Aber wozu?

Ramana Shareef ist eine lebensfrohe Frau, die sich nicht unterkriegen lässt. Wenn die 36-Jährige begeistert ist, hebt sie die Stimme, wenn sie Sorgen hat, drängt sie sich nicht auf – lieber arbeitet sie an der Lösung.

Sie hat in ihrem Leben schon viele Wendungen erlebt und ist dabei immer auf beiden Füßen gelandet: Als erste Journalistin besuchte sie in ihrer Heimat Ghana ein Dorf, in dem angeblich Hexen lebten – und stellte fest, dass die meisten von ihnen demenzkranke alte Frauen waren. Als Chefredakteurin baute sie mit schwedischen Entwicklungshelfern in nur drei Monaten eine Radiostation samt Newsroom auf. Neun Monate nachdem sie nach Deutschland gekommen war, wurde ihr Sohn geboren – wenig später trennte sie sich von ihrem Ex-Mann und musste komplett neu anfangen.