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Nein, es war nicht "Fremdenfeindlichkeit", was am Neujahrstag in Bottrop passiert ist (bento). Doch noch wichtiger als die Debatte über richtige Begriffe ist, dass wir grundsätzlich über Rechtsterrorismus reden.

Der Täter hat niemanden nach dem Pass gefragt. Er wusste gar nicht, ob er Bottropper oder Berlinerinnen oder eher Menschen aus Belgien erwischt. Und es war ihm auch egal: er wollte "Schwarzfüße" treffen. Das soll er im Verhör gesagt haben (Kölner Stadtanzeiger). Also Menschen, die nicht weiß sind.

Das Wort dafür heißt Rassismus.

NRW-Innenminister Herbert Reul und Medien wie der MDR haben stattdessen das Wort Fremdenfeindlichkeit benutzt – und sich heftige Kritik eingefangen. Zu Recht!

Denn: Die Zielscheibe der sogenannten "Fremdenfeindlichkeit" könnten genausogut Deutsche sein, die seit Jahren oder schon immer hier leben. Schwarze Deutsche, muslimische Deutsche, oder griechische Deutsche, wie beim NSU. Sprache prägt die Realität – gerade wenn sie von zehntausenden Menschen gelesen, gesehen oder gehört wird. Deshalb ist es wichtig, welches Vokabular wir verwenden.

Aber: Herbert Reul hat nicht das falsche Wort benutzt. Wenn der Innenminister von NRW von Fremdenfeindlichkeit redet, meint er das wohl genau so. Die Opfer sind für ihn wohl wirklich irgendwie fremd. Menschen, die nicht nach fünf Generationen deutscher Biografie aussehen, sind fremd. Nicht nur für Reul. 

Und da liegt das Problem - nicht am Vokabular.

In einem Interview legte Reul später sogar noch einen drauf: Der Täter habe "aus persönlicher Betroffenheit und Unmut heraus Hass auf Fremde entwickelt". Das ist natürlich ziemlich bescheuert. Menschen, die nicht weiß sind, sind nicht am Rechtsterror Schuld. Genausowenig wie Morde an Ehefrauen "Beziehungstaten" sind. Dem Opfer die Schuld zuzuschieben heißt Victimblaming – und hilft niemandem, der die Gründe verstehen will.

Denn mit "persönlicher Betroffenheit" hat Rassismus wenig zu tun, das zeigen Analysen, wie sie die FAZ vor einiger Zeit gemacht hat. Oder die Geschichten aus sächsischen Dörfern, in denen zwar ein Drittel der Menschen die AfD gut finden, obwohl fast niemand einen Menschen aus der Gruppe der drei Prozent Ausländer im Ort kennt.

Was Reul sagt ist also falsch. Doch es ist nicht sein erster Fehltritt. Der Minister hat auch schon gefordert, Kinder vom Verfassungsschutz registrieren zu lassen oder Islamisten gemäß dem "Rechtsempfinden der Bevölkerung" zu bestrafen (Spiegel Online).

Viel wichtiger als die Thesen eines weißen alten Mannes ist die Frage, wie wir über Rechtsterrorismus diskutieren. Und das sollten wir. Denn spätestens seit den Urteilen im NSU-Prozess ist es wieder auffällig still geworden um das Thema.

Das ist ein Problem. Eine Studie hat vor einigen Monaten herausgefunden, dass Terrorattacken von Muslimen 375 Prozent öfter in die US-Schlagzeilen kommen als die von Nichtmuslimen (Guardian). 

Konkret hieß das: Über Terrorangriffe von Muslimen in US-Medien wurden im Schnitt 105 Artikel geschrieben – über die von Nichtmuslimen 15. 

Reden wir also über das Thema, das offensichtlich so viele Menschen umtreibt – aber nicht mit Debatten über Begriffe, sondern mit Antworten auf die Frage: Was muss sich tun? Zum Beispiel gegen die erschreckenden, rechten Netzwerke, die es in der Bundeswehr gibt (taz). Oder gegen Alltagsrassismus. Oder strukturellen Rassismus. Und vor allem: gegen rassistischen Terrorismus.

Denn es wird Zeit, dass wir offener und ehrlicher über Rassismus sprechen. Auch, wenn das Wort selbst durchaus problematisch ist und vielleicht eines Tages durch ein anderes, besseres ersetzt wird. Das weiß jeder, der schonmal erklären wollte, warum es zwar Rassismus gibt, aber eben keine Menschenrassen.

In den USA wird seit dem Nazi-Anschlag von Charlottesville vom "Terrorismus von Weißen" gesprochen. Vielleicht sollten wir auch in Deutschland anfangen, darüber zu sprechen, dass es dieses Problem längst auch mitten in unserer Gesellschaft gibt. Nicht nur in Bottrop.


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