Bild: dpa/Marcus Brandt
Blankenese will kein Flüchtlingsheim.

Mathias Adler, Lederjacke und Oberlippenbärtchen, ist Hamburger, ein unaufgeregter Typ. Bedächtig geht er im Stadtteil Blankenese zu seinem Auto und sagt dabei brummig: "Wenn dieses geplante Flüchtlingsheim näher an meinem Haus stünde, fände ich das vielleicht auch doof." Dann fügt er aber sofort hinzu: "Dass so viele damit jetzt so an die Öffentlichkeit gehen, ist schon peinlich. Und die Nummer mit den Autos war ziemlich schräg."

Das, was Adler "die Nummer mit den Autos" nennt, hatte Blankenese am Dienstag bundesweit in die Schlagzeilen gebracht: Am frühen Morgen versperrten etwa 20 Wagen den Björnsonweg, wo zwischen Kleinwagen auch glänzende Limousinen und Anhänger mit Segelbooten parken. Wegen der Straßensperre konnten die für diesen Tag bestellten Baumfäller nicht zu einem Waldstück fahren, in dem eigentlich neun Pavillons für knapp 200 Asylbewerber entstehen sollen.

Es war nicht die einzige Protestaktion. Eine zur Markierung und Untersuchung der Bäume angereiste Biologin soll beleidigt und angegangen worden sein, Unbekannte markierten willkürlich Dutzende andere Bäume, und auch juristisch wehren sich Bewohner des Viertels gegen die geplanten Flüchtlingsunterkünfte – die Erfolgsaussichten sind gut.

Blankenese ist nicht Freital oder Clausnitz, aber letztendlich richtet sich auch der Protest in den grünen Villenvierteln Hamburgs gegen die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Die Vorfälle werfen die Frage auf, wie viel der Staat in der Flüchtlingsfrage dem einzelnen Bürger aufbürden und wie viel Toleranz er einfordern darf. Oder sogar muss. Und schließlich: Wie und wo lassen sich die vielen Flüchtlinge in Ballungsräumen sinnvoll unterbringen?

"Diese ganze Angelegenheit ist ein grenzenloser Ärger"

In Blankenese hat sich dieser Konflikt offenbar binnen weniger Tage zugespitzt. Für 40.000 Flüchtlinge braucht Hamburg laut Bürgermeister Olaf Scholz allein in diesem Jahr Unterkünfte, da wirkt die Ansiedlung von 192 Asylbewerbern am Björnsonweg durchaus verkraftbar. Warum gehen die Anwohner so entschlossen gegen das Bauprojekt vor?

"Es geht darum, dass die Stadt nicht machen kann, was sie will", sagt eine der Bewohnerinnen der weißen Neubauten an dem umstrittenen Waldstück. Ihren Namen will die Frau nicht sagen, ihre Meinung aber schon: "Das hier ist ein Landschaftsschutzgebiet, darauf darf nicht gebaut werden", sagt sie, spricht von "falschen Gutachten" und "fehlerhaften Umweltverträglichkeitsprüfungen". Dann sagt sie: "Es geht nicht darum, hier ein Flüchtlingsheim zu blockieren."

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Solche Äußerungen bringen Albrecht Hauter in Rage. Er sitzt auf einer Bank vor seinem gelben Reihenhaus im Björnsonweg, sein Kopf unter der olivgrünen Mütze ist hochrot. "Artenschutz?", ruft er seiner Frau zu, "Pah! Das ist doch ein Scheinargument."

"Präkriminelle" Anwohner

Bis 2008 hatten schon Asylbewerber in der Nachbarschaft gelebt, seine Söhne, so Hauter, seien mit Flüchtlingen in der Nachbarschaft aufgewachsen. Neu in der Straße seien also nicht die Flüchtlinge, sagt seine Frau – sondern die jetzt protestierenden Anwohner, die erst vor wenigen Jahren dort ihre Häuser gebaut hätten. Deren Verhalten, sagt Albrecht Hauter, sei "präkriminell" – und spalte das ganze Viertel.

Den ersten Erfolg haben die Gegner des Flüchtlingsheims bereits erstritten. Am Mittwoch stoppt das Verwaltungsgericht die geplanten Baumfällarbeiten am Björnsonweg, nachdem ein Anwohner unter Verweis auf europäisches Umweltrecht geklagt hatte. Bis zu einer Entscheidung über eine Anwohnerklage im Eilverfahren müssen nun alle Bäume stehen bleiben. Das Pikante daran: Eine Sondergenehmigung fürs Baumfällen besteht nur bis zum Wochenende, danach drohen monatelange Verzögerungen.

Das sagen Flüchtlingshelfer in Hamburg:
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Hamburg streitet um seine Flüchtlinge

Es wäre nicht die erste Niederlage für die Stadt Hamburg im Streit über geplante Flüchtlingsheime. Im ebenfalls noblen Stadtteil Harvestehude etwa sollten 220 Menschen untergebracht werden. Das Oberverwaltungsgericht urteilte im Juni, dass diese Zahl zu hoch sei für ein reines Wohngebiet. Die Flüchtlinge zogen dann im September doch noch ein, nachdem sich die Stadt mit den Anwohnern auf die Unterbringung von 190 Asylsuchenden geeinigt hatte.

Doch der Teilerfolg der Anwohner zog weitere Klagen nach sich. In diesem Jahr hat das Verwaltungsgericht bereits zwei weitere Projekte gestoppt: Unterkünfte für 700 Menschen im Stadtteil Klein Borstel sowie für rund 1000 Flüchtlinge in Lemsahl-Mellingstedt. Im Kern geht es in beiden Fällen um die Frage, ob Städte Bebauungspläne einfach aushebeln dürfen. In Klein Borstel sind eigentlich Grünanlagen oder Friedhöfe vorgesehen, in Mellingstedt Wohnungen.

Das umstrittene Asylverfahrensbeschleunigungsgesetz räumt den Städten zwar größere Spielräume beim Bau von Asylunterkünften ein. Doch im Fall Klein Borstel sahen es die Richter nicht als erwiesen an, dass die Stadt ihre Möglichkeit schon ausgeschöpft hatte. In beiden Fällen will Hamburg vor das Oberverwaltungsgericht ziehen – und argumentiert, dass die Richter das Gesetz zu eng auslegen.

Was bedeutet all das für Blankenese?

Nichts Gutes, fürchten Gisela und Axel Nauendorf, die an diesem Mittwoch durch den Björnsonweg schlendern. 192 neue Bewohner in einem Viertel seien kein großes Problem, sagen die Senioren, im Gegenteil: Mit solch kleinen Unterkünften in Wohnvierteln könne die Integration viel besser gelingen als in gettoartigen Massenunterkünften. "Wahrscheinlich geht es den Leuten hier um den Wert ihrer Immobilien", sagt der Rentner, und seine Frau pflichtet ihm bei: "Hier ist wirklich genug Platz!"

Dann berichten die beiden, dass in ihrem Stadtteil Rissen auch eine Unterkunft für Asylbewerber entstehen soll. "Mit 4000 Bewohnern", sagt die Rentnerin – und beide brechen in Gelächter aus.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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