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Das geht aus einem neuen Bericht des Bundeskriminalamts hervor.

Immer wieder werden in Deutschland Flüchtlinge und ihre Unterstützer angegriffen. Es vergeht kaum eine Woche, in der es keine Meldungen über neue Attacken gibt. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat jetzt nachgezählt, wie viele Übergriffe es seit Anfang des Jahres gegeben hat – und das Ergebnis ist erschreckend.

Die Polizei hat in diesem Jahr bereits mehr als 450 Angriffe auf Politiker und Flüchtlingshelfer registriert. Dabei richteten sich 317 Straftaten gegen Politiker und 144 gegen ehrenamtliche Helfer oder Organisationen.

Das berichtet Zeit Online unter Berufung auf das aktuelle Lagebild des BKA zu Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte.

Eine Unterkunft in Weissach im Tal, in der Asylbewerber unterkommen sollten.(Bild: dpa / Sdmg Friebe)
Was steht in dem Bericht?

Die Mehrheit der Angriffe auf Politiker war rechtsextrem motiviert. Demnach gingen von den Übergriffen

  • 212 auf das Konto von Rechten,
  • 9 auf das von Linken,
  • 93 waren nicht zuzuordnen.

Ähnlich sieht es bei den Attacken auf Flüchtlingshelfer aus:

  • 127 Straftaten von Rechten
  • 1 Brandstiftung von Linken
  • 16 blieben ungeklärt.
Der Bericht untersucht auch die Zahl der Attacken auf Asylunterkünfte:

Seit Jahresbeginn gehen die Fallzahlen zwar zurück, von 19 im Januar auf zwei im September. Aber, schreibt Zeit Online: "In der Summe dürfte die Zahl rechter Straftaten auf Flüchtlingsunterkünfte auch in diesem Jahr nicht wesentlich niedriger ausfallen als im Rekordjahr 2015."

Außerdem nennt das BKA zwei weitere besorgniserregende Entwicklungen:
  1. Laut Zeit Online gibt es weniger Brandanschläge – dafür jedoch mehr Fälle von versuchter Tötung und Körperverletzung gegenüber Flüchtlingen. Bis Oktober hat die Polizei demzufolge bereits sechs versuchte Tötungen und 61 Körperverletzungen dokumentiert. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 waren es noch 4 versuchte Tötungen und 60 Körperverletzungen. Dabei werden die Straftäter laut BKA immer gleichgültiger: Den meisten sei es mittlerweile egal, ob eine "attackierte Flüchtlingsunterkunft bewohnt ist oder nicht". Die Behörde rechnet damit, dass es bald Tote durch Angriffe von rechts geben könnte.
  2. Das BKA befürchtet außerdem, dass sich in Deutschland terroristische Gruppen bilden. Es sei eine "hohe Straftatendichte in einzelnen Regionen" zu beobachten, zitiert "Zeit Online" aus dem Bericht.
Im April 2016 wurden im sächsischen Freital fünf mutmaßliche Rechtsterroristen festgenommen, vergangene Woche wurden sie als terroristische Vereinigung angeklagt. Hier erfährst du mehr zur sogenannten Gruppe Freital:

Wie kommt das BKA zu seinem Ergebnis?

Das BKA sammelt und analysiert bundesweit alle Angriffe auf Asylunterkünfte. Seit vergangenem Jahr analysiert das BKA zudem, was Menschen passiert, die sich als Politiker oder Ehrenamtler für Flüchtlinge engagieren. Alle drei Monate wird dann ein Zwischenstand ausgewertet, das sogenannte Lagebild.

Wie geht es Ehrenamtlichen, die Flüchtlingen am Hamburger Hauptbahnhof geholfen haben? Hier berichten sie, wie sie die Zeit erlebt und wie die Erfahrungen sie verändert haben:
"Ich habe noch nie so viel geheult wie am Hamburger Hauptbahnhof.
Mit den Flüchtlingen habe ich unter der Treppe gepennt, Flüchtlingsgegner haben mir ins Gesicht gespuckt.
Die Zeit hat mich emotional gefickt. Es war wie im Rausch.
Im Dezember waren auf einmal mehr Helfer als Flüchtlinge da. Seitdem stehen wir nicht mehr am Hauptbahnhof.
Erst dann wurde mir bewusst, dass mich die Flüchtlingshilfe fast meine Existenz gekostet hätte.
Ich habe einen eigenen Friseursalon, wenn der Chef ständig weg ist, gibt es natürlich Probleme.
Kämen wieder viele Flüchtlinge an, würde ich sofort erneut zum Hauptbahnhof gehen."
"Ich bin seit zwei Jahren in Deutschland, die Monate am Hauptbahnhof waren die bisher beste Zeit für mich.
Ich war einer der ersten Helfer, habe nur drei oder vier Stunden pro Nacht geschlafen.
Ich stehe noch immer in Kontakt zu anderen Helfern, jeden Freitag treffen wir uns in einer Shisha-Bar.
Am Hauptbahnhof habe ich Freunde gefunden, die mir auch heute noch wichtig sind.
Ich beginne bald ein FSJ im Krankenhaus. Ohne meine Erfahrung am Hauptbahnhof hätte ich den Platz bestimmt nicht bekommen.
Ich werde in der Notaufnahme arbeiten, einen Probetag hatte ich schon. Die Ärzte haben mich gefragt, ob ich Blut sehen kann.
Was sie nicht wissen: Ich komme aus Syrien, habe aber mit meinen Eltern lange in Libyen gelebt, als dort der Bürgerkrieg schon ausgebrochen war.
Dort sah ich Menschen ohne Kopf auf der Straße liegen, habe Verwundete versorgt.
Was genau ich in Libyen erlebt habe, erzähle ich selbst Freunden nicht. Mit Blut habe ich jedenfalls kein Problem."
"Am Hauptbahnhof habe ich gemerkt, wie einfach es ist zu helfen. Wer sich nur Weltfrieden herbeiwünscht, wird nichts verändern.
Am Hauptbahnhof habe ich auch meinen Freund getroffen. Seit neun Monaten sind Ibrahim und ich nun ein Paar.
Wenn ich mit ihm zusammen bin, lerne ich viel über seine Kultur und er über meine. Er hat mir viele Fotos von seinem Leben in Syrien gezeigt.
Vor rund einem Jahr, mitten in der schlimmsten Phase der Flüchtlingskrise, war ich mit meiner Oma und Freunden von ihr in Sachsen wandern.
Einer dieser Freunde, ein älterer Herr, hat sich Sorgen gemacht, weil seine Nichte mit einem Syrer zusammen ist. So wie ich.
In diesem Moment habe ich gemerkt, dass diese Menschen ein ganz komisches Bild von Ausländern haben.
Ich hoffe und glaube, dass meine Generation anders tickt. In meiner Grundschulklasse hatte die Hälfte der Schüler türkische Wurzeln.
Für mich ist es normal, dass hier Frauen mit Kopftuch und Menschen mit schwarzer Hautfarbe herumlaufen.
Wir sind alle Menschen. Wir sind alle unterschiedlich – und doch gleich."
"Für mich hat die Zeit am Hauptbahnhof alles verändert. Ich habe dort unglaublich schnell Deutsch gelernt, weil ich einfach gelabert habe.
An den Gleisen habe ich auch Mina getroffen, jetzt sind wir seit neun Monaten ein Paar.
Ich habe eine Wohnung, einen Job bei H&M – all das wäre ohne die Monate am Hauptbahnhof nicht möglich gewesen.
Vor ein paar Wochen kam ein Syrer zu mir und sprach mich an: 'Ey, du bist doch derjenige, der mir am Hauptbahnhof geholfen hat!'
Ich hatte für ihn übersetzt und ihn zu seiner Unterkunft außerhalb der Stadt gebracht.
Jetzt wohnt er direkt neben mir, die Begegnung war wunderschön. Ich bin richtig glücklich, dass er sich noch an mich erinnert.
Vor einem Jahr kamen diese Menschen hier an und hatten nichts. Jetzt leben sie in einer Wohnung – so wie ich. Das macht mich stolz."
"Meine Heimfahrt werde ich nie vergessen. Ich saß im Zug von Hamburg nach Aarhus, Dänemark.
Gegenüber von mir saß ein Syrer mit seiner zehn Monate alten Tochter. Dem kleinen Mädchen gaben wir eine Banane und eine Flasche Milch.
Zwei deutsche Frauen hatten noch ein paar Kekse. Das Baby trank alles aus und aß auch fast die ganze Banane, so hungrig war es.
Dann fragten die Deutschen den Syrer, wo die Mutter sei. Sie war gestorben, eine Bombe hatte sie getötet.
In diesen Moment fingen wir an zu weinen. Alle gemeinsam: der Syrer, die deutschen Frauen und ich.
Stumm, um das Baby nicht zu beunruhigen. Das war der vielleicht traurigste Moment meines Lebens.
In den vergangenen Monaten habe ich mich besser kennengelernt. Ich weiß nun, wie hart ich arbeiten und was ich erreichen kann.
Meine Abschlussarbeit in Psychologie schaffte ich in der Hälfte der vorgesehenen Zeit. Jetzt arbeite ich für den dänischen Staat – als Flüchtlingshelferin.
Auf Deutschland werde ich mein Leben lang stolz sein. Angela Merkel sagt: Wir schaffen das – Dänemark hingegen hat die Grenze dichtgemacht.
Aber Merkel hat Recht: Die Flüchtlinge brauchen Hilfe, sie haben alles verloren. Und wir werden es schaffen."
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