Bild: Nicolas Armer, dpa/AfD; Montage: bento
Wie die AfD jungen Ossis ein DDR-Märchen erzählt – und damit leider Erfolg hat.

Zwei Menschen unterhalten sich. Björn Höcke drängelt sich dazu und findet es "unerträglich", dass man im heutigen Deutschland nicht mehr alles sagen könne. Dann doziert der Thüringer AfD-Chef, wie "gleichgeschaltet" heute Politik, Medien, Künstler und Kirchen seien – und sieht Parallelen mit der ehemaligen DDR. Schließlich empfiehlt er, die AfD zu wählen: das sei "wie eine friedliche Revolution mit dem Stimmzettel".

Die Szene ist Teil eines kurzen Comics, den Höcke im Thüringer Landtagswahlkampf verbreitet: 

Im Comic erzählt ein Vater, dass sein Sohn angeblich gefeuert wurde, weil er die AfD wählt. Ein Jugendlicher wird gezeigt, der vor dem Rechner sitzt und "Zensurpolitik" erklärt bekommt. Eine Mutter ist besorgt, dass Sänger wie Grönemeyer und Campino angeblich "das Volk auf Parteilinie" bringen würden.

Mit DDR-Verklärung und Wende-Romantik buhlt die AfD so um die Stimmen derer, die die DDR nie erlebt haben – junge Ost-Millennials. 

Der Tenor dieser Masche: Die Demokratie im heutigen Deutschland sei nichts anderes als eine verkappte DDR-Diktatur. Wenn ihr jung seid und das ändern wollt, macht es wie damals eure Eltern: mit einer friedlichen Revolution gegen das "Regime" – natürlich mit der AfD. 

"Wende 2.0" nennen die Rechtspopulisten das, als ginge es um ein Update für eine Smartphone-App. In Thüringen frohlockt die AfD auf ihrer Homepage ganz großspurig:

In Sachsen und Brandenburg wurde bereits im Wahlkampf mit diesem Slogan gearbeitet. In Sachsen holte die AfD dann bei den 25- bis 34-Jährigen 26 Prozent der Stimmen, in Brandenburg schafften die Rechtspopulisten in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen sogar 30 Prozent (bento).

In drei Wochen wählt Thüringen einen neuen Landtag – und die "Wende 2.0"-Masche der AfD könnte bei den Jungwählern wieder ankommen. 

Denn die Rechtspopulisten nutzen eine Lücke, die ihnen vor allem die linken Parteien in Thüringen bieten. Von der Linken über die Grünen bis zur SPD unternimmt in Thüringen keine Parte den Versuch, dem DDR-Märchen der AfD etwas entgegenzusetzen. Schlimmer noch, sie spielen der AfD noch in die Hände. SPD-Spitzenkandidat Wolfgang Tiefensee will "die Lohnmauer einreißen" und setzt damit selbst auf Wende-Romantik. Die Linke verschleppt seit 2014 ihr Wahlversprechen, die eigene Vergangenheit in der DDR aufzuarbeiten (MDR). Immerhin CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring warnte kürzlich vor der AfD-Vereinnahmung:

Die DDR-Vergangenheit haben wir jungen Thüringerinnen und Thüringen am Küchentisch oder im Klassenzimmer verhandelt. Je nachdem, wie es unseren Eltern und Lehrerin in der DDR erging, wurden wir mit Ostalgie oder Ost-Unrecht geprägt, "Es war nicht alles schlecht" versus "Es war gar nichts recht". Wenn wir aber eines mitbekommen haben, dann das: 1989 gingen die Menschen in der DDR für ihre Freiheit auf die Straße. 

Dass die AfD den Freiheitswunsch von 1989 nun für ihren Wahlkampf ausnutzen will, macht mich wütend.

AfD-Bundeschef Jörg Meuthen sprach in einer am Tag der deutschen Einheit veröffentlichten Videobotschaft davon, dass die "junge Generation" die friedliche Revolution nur noch aus Geschichtsbüchern kenne. Stattdessen würde sie für die falsche Sache auf die Straße gehen: "Fridays for Future". "Frohgemut und fehlgeleitet in die selbstgewählte Unterdrückung" marschiere die junge Generation da mit. 

Am gleichen Tag verteilten Anhänger der Identitären – die Rechtshipster, die Höcke bereits mit Stickern und Memes als kommenden Führer feiern – in Leipzig Bananen, weil, hihi, Deutschland ja mittlerweile eine Bananenrepublik sei und den Ostdeutschen außer den Südfrüchten nichts geschenkt habe. Und Höcke nennt Deutschland in seiner jüngsten Rede einen "Gesinnungsstaat" mit "halbstaatlichem Antifa-Terror".

Ausgerechnet Höcke, geboren in NRW, aufgewachsen im Rheinland, will mir also erklären, was ich als junger Ossi so zu denken habe?

Die AfD-Führungskader im Osten haben übrigens fast alle Westhintergrund. Die Berliner AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch? Kommt aus Schleswig-Holstein. Der Brandenburger AfD-Chef Andreas Kalbitz? Aus München. Parteichef Alexander Gauland? Wurde zwar in Chemnitz geboren, ist aber noch als junger Kerl in den Westen geflohen.

In der AfD gibt es jede Menge Politikerinnen und Politiker, die die Unterdrückung und den Totalitarismus in der DDR nie erlebt haben. Und die trotzdem dreist genug sind, sich im Osten als Reinkarnation der Widerstandskämpfer von damals zu verkaufen. Ich wünsche mir, dass möglichst viele dieses falsche Spiel durchschauen..


Gerechtigkeit

Dritte Generation Gastarbeiterkind: Wann werde ich meinen Migrationshintergrund endlich los?

Jeder vierte Mensch in Deutschland hat heute einen Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt). Bei den unter 35-Jährigen sogar jeder Dritte. Ich gehöre dazu. Aber das Wort "Migrationshintergrund" beschreibt nicht nur meine Herkunft – sondern auch die meiner Großeltern und meines Vaters. Dabei könnten unsere Leben nicht unterschiedlicher sein.

Meine Großeltern kamen Anfang der Sechzigerjahre als Gastarbeiter nach Deutschland. Sie hatten kein Geld und sprachen kein Deutsch. Mein Vater war damals drei Jahre alt. Er lernte die Sprache schnell und schämte sich ein wenig für das schlechte Deutsch seiner Eltern. Seine Kindheit war hart. Die ersten Jahre lebten sie in der Garage einer deutschen Familie. Als mein Opa einmal krank wurde, fehlte das Geld für das Nötigste. Zum Essen gab es nichts außer blankem Reis.

Ich dagegen hatte eine sorgenfreie Kindheit. Ich bin in einem großen Haus mit Garten aufgewachsen. Meine Herkunft bedeutet für mich, dass ich zweimal Ostern feiere, Familienfeste zweisprachig sind und ich mehr Tsatsiki esse als meine Freunde. Im Alltag bemerke ich meinen Migrationshintergrund nicht, außer andere weisen mich darauf hin. 

Für mich bin ich Deutsche. Für das Statistische Bundesamt habe ich einen Migrationshintergrund, bereits in der dritten Generation. 

Eine einheitliche, internationale Definition davon gibt es nicht. In Österreich oder Schweden hätte ich gar keinen. Dort müssen beide Elternteile im Ausland geboren sein. In anderen Ländern gibt es den Begriff "Migrationshintergrund" überhaupt nicht.

In Deutschland reicht, nach Definition des Statistischen Bundesamtes, dass ein Elternteil ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren wurde. Nach der offiziellen deutschen Definition verliert sich der Migrationshintergrund also nach der dritten Generation. Meine Kinder hätten keinen mehr.

Aber Osterbräuche und Tsatsiki, Sprachkenntnisse und Diskriminierung verschwinden doch nicht einfach? Wir haben mit dem Sozialpsychologen Fatih Uenal, 37, darüber gesprochen.

Er ist Sozialpsychologe am Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) und forscht zu Mehrfachdiskriminierung und Migrationshintergrund.