Gareth Fuller/PA Wire/dpa, Montage: bento
Bild: Gareth Fuller/PA Wire/dpa, Montage: bento
Ich habe einen Philosophen gefragt – und er findet, ich stelle die falschen Fragen.

Im Sommer fliege ich nach Italien. Ich werde Pizza essen, Frizzante trinken und am Strand liegen. In dem Meer, an dem ich liegen werde, sollen mehr als 27.000 Menschen auf der Flucht ertrunken sein. (Guardian)

Das klingt makaber und hat nichts miteinander zu tun. Oder?

Meine Wahlentscheidungen, mein Lebensstil, meine politischen Repräsentanten, all das könnte, direkt oder indirekt, dazu beigetragen haben, dass sich Menschen auf die Flucht begeben – oder beim Versuch gescheitert sind. Andererseits sind die Strukturen um mich herum jahrzehntelang gewachsen.

Internationale Abkommen, Warenketten, die sich um den ganzen Globus spannen, Kriegseinsätze – nichts davon habe ich mir ausgedacht.

Was macht das mit mir – und meiner Generation? Trage ich Verantwortung für die Entscheidungen von Politikern, die lange vor mir an die Macht kamen? Können wir das jemals wiedergutmachen? Und wie wird das unser Verhältnis zur selben Generation im globalen Süden prägen?

Wir haben den Philosophen Anh Quan Nguyen gefragt. Er ist 29 und lebt in Schottland. Dort lehrt er an der Universität St. Andrews und forscht am Institut zum Verhältnis von Moral und Zeit.

bento: Quan, im Mittelmeer sind in diesem Jahr bis letzte Woche schon 289 Menschen ertrunken. Ist das meine Schuld?

Das ist eine grundsätzliche Ethikfrage: Wenn ich jemanden sterben lasse, ist das moralisch verwerflicher als wenn ich jemanden umbringe?

Und, ist es?

Kommt drauf an.

Wenn jemand neben mir in den Pool fällt, und ich nicht helfe, ist das strafbar.

Es gibt da in der Philosophie ein ziemlich berühmtes Gedankenexperiment. Ein Kind fällt in einen Teich. Wenn du nicht reinspringst und es rausziehst, stirbt es. Hast du eine moralische Pflicht, das zu tun?

Klar!

Der Philosoph Peter Singer sagt dazu: Nur, weil manche Teiche auf der Welt weiter weg sind, heißt das nicht, dass wir weniger Verantwortung haben. So lange wir nichts Relevantes dafür opfern, müssen wir also in den Teich springen, auch, wenn die Schuhe nass und das neue Kleid schmutzig werden und wir deshalb nicht auf das Date gehen können, das wir geplant hatten. All das ist nämlich nicht gegen ein Leben aufzuwiegen.

Die 289 Toten sind also meine Verantwortung.

Genau. Wenn jemand ertrinkt, ist es egal, ob du ihn reingeschubst oder einfach nicht gerettet hast. Ein ertrunkener Mensch ist ein ertrunkener Mensch.

Ich hab 2015 ein Erasmussemester in Athen gemacht. Eine halbe Stunde Bahnfahrt entfernt, am Hafen, sind Geflüchtete angekommen. Ich saß aber am Strand und habe Ouzo getrunken. Habe ich da meine Verantwortung vernachlässigt?

Die Distanz macht keinen Unterschied. Ich war zur selben Zeit in München, eine halbe Stunde vom Hauptbahnhof und konnte dort helfen. Heute gibt es so viele Informationsquellen und Möglichkeiten, sich einzubringen. Schon während des spanischen Bürgerkriegs gab es in ganz Europa ein Bewusstsein dafür, dass alle eine gemeinsame Verantwortung dafür haben. Das war noch vor den Möglichkeiten, Geld zu transferieren oder sich global zu vernetzen. Viele sind hingefahren. Hättest du in Athen allerdings ein Boot gehabt, wäre das anders. Wer mehr Mittel hat, zu helfen, hat mehr Verantwortung.

Ich will ein guter Mensch sein. Dann muss ich also alle meine Zeit und all mein Geld aufwenden, um Menschen zu retten?

Theoretisch, ja. Das führt aber dazu, dass du mit Verantwortung überladen wirst. Und du kannst als Individuum wahrscheinlich alles aufwenden was du hast - und wirst trotzdem nicht das Sterben im Mittelmeer beenden können.

Außerdem habe ich kein Boot auf dem Mittelmeer. Die EU schon.

Deswegen würden viele Philosophen sagen: Das ist staatliche Verantwortung. Aber selbst die EU versucht, sich moralisch rauszureden.

Wie das?

Sie nutzt dieselbe Logik. Als die Mission zur Seenotrettung, Mare Nostrum, damals eingestellt wurde, hat David Cameron genau so argumentiert (bento): Es sind nicht wir, die die Leute auf Schiffe stecken, oder dazu bringen die Heimat zu verlassen. Sie entscheiden sich dafür. Wir bringen sie nicht um – wir retten sie nur nicht.

Wenn wir die EU als politische Struktur gewählt haben, sind wir also alle gemeinsam verantwortlich?

Ja, aber 500 Millionen Menschen in Europa haben über einen langen Zeitraum hinweg an der politischen Struktur der EU mitgewirkt. Du bist nicht mal 30.

Ich habe schon ein paarmal gewählt. Auch zur Europawahl. Wer da im Parlament sitzt – das habe ich mitbestimmt.

Und wie viel kann Deutschland in der EU verändern? Und wenn der Rest der EU sich quer stellt: Wie viel Verantwortung hast du dann noch? Der Faktor Zeit kommt dann dazu: Warum haben die Älteren das nicht schon lange gelöst? Ich finde, du solltest dir keine Schuld zuschreiben. Denn das lenkt dich von der eigentlichen Frage ab.

Was ist denn die eigentliche Frage?

Wie können wir verändern, dass Menschen im Mittelmeer sterben? Deine Verantwortung ist es, darüber nachzudenken, was du verändern kannst. Es spielt gar keine so große Rolle, wer was falsch gemacht  hat – so lange wir etwas dazu beitragen, das zu ändern.

Aber das löst ja nicht die Frage, wie viel ich tun muss:  muss ich meine Semesterferien auf dem Mittelmeer verbringen und mein Bafög an die Seenotrettung spenden – also das Maximum tun?

Peter Singer würde sagen: ja. So lange du dein Leben normal Leben kannst und nicht leidest, bis zu diesem Punkt musst du alles tun um das Leiden auf dem Mittelmeer zu beenden. Das kannst du aber auch tun, indem du spendest, durch Aktivismus oder politische Einflussnahme. All das ist deine moralische Verantwortung. Das ist aber, ehrlich gesagt, eine Minderheitenmeinung in der westlichen Philosophie. Die Mehrheitsmeinung ist: Du hast vor allem die Pflicht, selbst keinen Schaden anzurichten – jemandem in Not zu helfen ist zweitrangig. Das hat zum Beispiel Immanuel Kant vertreten.

Die Generation der Millenials aus dem globalen Süden haben Freunde und Familie auf der Flucht verloren. Die werden - zu Recht - wütend auf uns sein.

Ja, wer heute in Somalia oder Eritrea aufwächst, wird nie dieselben Möglichkeiten erreichen wie hier. Du kannst dich besser bilden, Vermögen anhäufen und dein Leben gestalten als jemand im Süden.

Und viele Menschen machen sich genau deshalb auf den gefährlichen Weg nach Europa. Werden wir das irgendwann aufarbeiten müssen?

Wenn es die Ungerechtigkeiten, die daraus entstanden sind, noch immer gibt: Ja.

Auch, wenn wir in Zukunft herausfinden wollen, was passiert ist, muss es aber um die Frage gehen: Wie viel Leid existiert jetzt gerade – und wie können wir das beheben?

Meinst du, wir müssten dann vielleicht für die Fehler unserer Elterngeneration Reparationen bezahlen?

Wenn ich dir vor 20 Jahren Spielzeug geklaut habe, bin ich dann heute noch verantwortlich? Ich bin ein ganz anderer Mensch, meine Zellen haben sich alle einmal ausgetauscht. Bin ich noch dieselbe Person? Bei Staaten ist es ähnlich. Wir werden nicht dieselben sein.

Trotzdem gibt es Unrecht, das nicht verjährt. Wir haben auch nach dem Holocaust Reparationen gezahlt – und pflegen eine Erinnerungskultur.

Aber es geht nicht darum, wie viel Schuld wir haben – sondern welche Schuldkultur. Erinnerungskultur ist ein Mittel zum Zweck. Wir sagen: Das ist passiert, es kann wieder passieren und deswegen müssen wir alles tun um das zu verhindern. Die wichtigen Fragen sind: Muss die deutsche Regierung heute mehr Verantwortung übernehmen? Müssen die Menschen in Deutschland jetzt mehr tun?

Wie erklären wir irgendwann unseren Kindern und Enkeln, dass wir den Menschen auf der Flucht nach Europa nicht genug geholfen haben?

Angenommen, du schaust die nächsten 30 Jahre zu, wie die Grenzen dicht gemacht und militarisiert werden und die Festung Europa wächst. Und dann fragt deine Enkelin: Wie konnte es dazu kommen? Dann ist die Erklärung: Wir haben keine Verantwortung übernommen. Ich hoffe aber, du kannst ihr was anderes antworten.

Wie meinst du das?

Ich fürchte, die Flüchtlingskrise wird noch viel schlimmer. Sobald der Klimawandel richtig trifft, werden Millionen Menschen ihr Zuhause verlieren und nach Europa kommen. Du hast also noch reichlich Gelegenheit, Verantwortung zu übernehmen.

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Grün

Richtig gehört: Spotify und iTunes schaden dem Klima

Unser Musik-Konsum hat sich von der CD in die Cloud verflüchtigt. Nur ein paar Nostalgikerinnen und Liebhaber brauchen dafür noch Plastik: Platten, CDs oder Kassetten. Für alle anderen sind die Songs dieser Welt per Streaming-App nur ein paar Wischs entfernt.

Das wirkt sich auf die Umweltbilanz unseres Musikkonsums aus – aber anders, als man annehmen würde.

Das haben Forscher der Universitäten Glasgow und Oslo jetzt herausgefunden. Sie haben die Ökobilanz des US-Musikmarktes untersucht. Die erste Erkenntnis der Studie ist naheliegend: Weil weniger Tonträger verkauft werden, produziert die Musikindustrie weniger Plastikmüll. Im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt der CD-Produktion, wurden 61.000 Tonnen Plastik benötigt. 2016 waren es nur noch 8000 Tonnen.

Ist heute also alles besser?

Die Forscher haben auch untersucht, wie viele klimaschädliche Gase beim Musikhören anfallen könnten. Ihre Schätzung: 2016 wurden durch Musikstreaming und Downloads allein in den USA zwischen 200.000 und 350.000 Tonnen Treibhausgase freigesetzt – und damit deutlich mehr, als etwa im Jahr 2000 durch die CD-Produktion anfielen (157.000 Tonnen). Die ausführliche Studie wird im Oktober 2019 in einem Buch veröffentlicht.

Zum Vergleich: In ganz Deutschland wurden im selben Jahr 909,4 Millionen Tonnen Treibhausgase freigesetzt. (Umweltbundesamt)

Wie setzt Musikstreaming Treibhausgase frei?