Bild: Inken Dworak / bento

Ich scrolle durch meine Facebook-Timeline und bleibe an einem Strandbild meiner Kommilitonin hängen. Delia* hat einen griechischen Migrationshintergrund und besucht ihre Familie in Griechenland – während der Prüfungsphase. Ich muss schmunzeln und ertappe mich bei dem Gedanken, dass ich gern ihre griechische Gelassenheit hätte – dort ticken die Uhren einfach anders.

Ich würde mich selbst als linksliberale Feministin beschreiben. Herkunft, Religion, und Sexualität anderer sind mir: ziemlich egal. 

Das war jedenfalls meine Selbstwahrnehmung, bis ich vor einigen Wochen einen Tweet mit dem Zitat der österreichischen Ex-Politikerin Sigi Maurer las: "Ich bin Rassistin. Ich bin Sexistin. Weil ich in einer Gesellschaft aufgewachsen bin, die so ist. Und es ist unsere Verantwortung, bei uns selbst anzufangen und zu reflektieren." Und ich begann darüber nachzudenken, ob auch ich eine Rassistin bin. Ob es rassistisch ist, wenn ich Gedanken habe wie der über Delia – und ob mein Bild von mir selbst falsch ist. 

Um das herauszufinden, rufe ich Mark Terkessidis an. Der 52-Jährige ist Migrationsforscher und hat sich viel mit dem Thema Rassismus auseinandergesetzt. Er sagt mir: "Niemand ist frei von rassistischen Denkmustern."

Er erklärt mir: In der Psychologie werde häufig der Begriff der Stereotypisierung verwendet, wir stereotypisierten die ganze Zeit. Das bedeutet: Ich sehe eine Person oder eine Personengruppe und ordne ihr automatisch etwas zu. Zum Beispiel, dass Jungs Fußball mögen, Italiener modeverrückt sind oder Deutsche immer pünktlich. Dem Experten zufolge passiert das quasi automatisch, weil unser Gehirn so funktioniert, um effektiver arbeiten und schneller Entscheidungen treffen zu können. 

Ich kann also nicht verhindern, dass ich stereotypisiere.

Das sei erst einmal nicht tragisch, so Terkessidis. Entscheidend sei: Hat es Auswirkungen auf die Personengruppe, bei der ich das tue? Wenn sich die Stereotypisierung auf Gruppen beziehe, die diskriminiert würden, dann sei das rassistisch. 

Bei Rassismus finde eine Trennung von "Wir" und "Ihr" statt. Wir bilden ständig Gruppen: die Ausländer, die Muslime, die Russen, die Griechen, die Bayern. Und wir treffen Aussagen über diese Gruppen. Gehe damit eine Ausgrenzungspraxis einher ­­– ist die Gruppe zum Beispiel auf dem Arbeits- oder Wohnungsmarkt benachteiligt – sei das eben rassistisch.

Mir fällt eine weitere Situation ein: Letztens eilte ich am Jungfernstieg zu meinem Bus und sah aus dem Augenwinkel eine asiatische Touristengruppe, die sich mit Selfie-Sticks bewaffnet, vor der Alster positionierte. Ich erinnere mich, wie ich innerlich die Augen verdrehte und dachte: "Immer diese Japaner".

Ich frage den Experten: War das rassistisch? War es schlimm, dass ich das gedacht habe?

"Es hat keinerlei Auswirkungen auf die Japaner, dass du so denkst", sagt Terkessidis. Sie würden vermutlich mit erheblichen finanziellen Mitteln durch Europa reisen und den gleichen Blick auf uns werfen. Bei einer Gruppe wie "den Muslimen" sei das allerdings anders: "Sie sind aktuell von Ausgrenzung betroffen." Es habe also Auswirkungen, was ich über sie denke. 

Dabei sei egal, ob es sich um ein positives oder ein negatives Klischee handle, denn: "Jedes positive Klischee kann sich in einer anderen Situation in ein negatives Klischee umwandeln", sagt der Experte. Das vermeintlich positive Klischee, dass in Griechenland die Uhren anders ticken und die Griechen in der Hängematte liegen und das Leben genießen, dreht sich während der Finanzkrise um. "Dann liegt der faule Grieche in der Hängematte und will unser Geld", sagt Terkessidis.

Die Auswirkungen rassistischer Denkmuster seien dann besonders groß, wenn die Person in ihrer Position zum Beispiel als Ärztin, Chefin oder Lehrer Macht über andere Menschen hat. Die Sensibilität für Rassismus sei gestiegen, aber so lange es Diskriminierung gebe, werde es auch rassistische Denkmuster geben. 

Ich kann mich der Stereotypisierung nicht entziehen – aber dem Rassismus. Aber wie?

„Es ist nicht nützlich, zu sagen: Oh Gott, ich bin Rassistin. Es ist nützlicher zu sehen, dass man in einer Gesellschaft lebt, die Ungleichheiten hervorbringt und dass man daran Teil hat. Dann muss man überlegen, was kann ich dagegen machen? Was kann ich verändern?“
Mark Terkessidis

Ich solle mir klarmachen, aus welcher Schicht ich komme und in welchem Umfeld ich groß geworden sei. Denn das präge mein Denken, so Terkessidis. 

Ich weiß jetzt: Dass ich Menschen Gruppen zuordne, ist erst einmal nichts Schlimmes. Aber ich muss mir bewusst machen, dass ich dadurch rassistische Wissensstrukturen habe – und sie aufbrechen muss. Ich will den Rat des Experten befolgen und in Zukunft Menschen mehr nach ihren Erlebnissen fragen und mein Wissen damit ergänzen. Ein erster Schritt: Ich werde Delia fragen, wie es in Griechenland war. 

*Delia heißt in Wirklichkeit anders. 


Fühlen

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