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2 Lehren aus dem Fall um Bill Cosby.

Bill Cosby wurde dafür verurteilt, eine Frau unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht zu haben (bento). Es ist ein wichtiges Urteil.

Die Verurteilung Cosbys wird nun als Erfolg der MeToo-Debatte gefeiert – dabei ist es eher ein schockierendes Beispiel für ein sehr großes Problem. 

Das Problem ist: Eine einzelne Frau wird nicht ernstgenommen.

Oft wird sie sogar noch der Lüge und Geldgier beschuldigt. Erst, wenn sich Dutzende weitere mit ähnlichen Geschichten hinter sie stellen, denkt die Öffentlichkeit darüber nach, ihr eventuell ein wenig Glauben zu schenken. 

Und: Je berühmter der Angeklagte und je "unwichtiger" die Anklagende, desto gravierender ist dieser Effekt.

Der Fall Cosby zeigt das perfekt.

1.

Der Ablauf des Falls ist einfach nur unglaublich.

Die Klägerin, Andrea Constand, berichtete bereits 2005 der Polizei, dass Bill Cosby ihr Drogen untergejubelt und sie anschließend missbraucht habe. Sie verklagte ihn, doch es kam nicht zum Prozess – obwohl sich 13 weitere Frauen mit bereit erklärt hatten, vor Gericht als Zeugen mit ähnlichen Fällen auszusagen. 

Cosby zahlte damals außergerichtlich 3,38 Millionen US-Dollar an Constand, wie erst vor Kurzem herauskam (NPR).  Und die Frauen bekamen fast gar keine Aufmerksamkeit. Cosby war zu der Zeit einer der größten amerikanischen Idole. Unter den Frauen waren dagegen keine Prominenten.

Bill Cosby hat sich bisher nicht zum Gerichtsurteil geäußert.(Bild: Mark Makela/Pool Getty Images North America/AP/dpa)

Erst als viele Jahre später ein Mann die Geschichten ausgrub, gewann der Fall an Fahrt: 2014 sprach Comedian Hannibal Buress in einem Sketch von den sexuellen Vorwürfen gegen Cosby. Daraufhin schrieb die Künstlerin Barbara Bowman, eine der Betroffenen, in einem Artikel: "Erst als ein Mann, Hannibal Buress, Bill Cosby in einem Sketch einen Vergewaltiger genannt hat, begann der öffentliche Aufschrei wirklich." 

Der Artikel trug den Titel "Bill Cosby hat mich vergewaltigt. Warum hat es 30 Jahre gedauert, bis Menschen mir glaubten?" (Washington Post).

Und selbst das war nicht genug. Erst als sich durch die anschließende Debatte immer mehr Frauen meldeten und 35 davon auf dem Cover des "New York Magazine" waren, begannen 2015 endlich strafrechtliche Ermittlungen gegen Cosby. 

Zu diesem Zeitpunkt hatten schon mehr als 60 Frauen ihre Vorwürfe publik gemacht!

Die meisten Fälle waren bereits verjährt, der von Constand stand kurz davor. Im Dezember 2015 wurde Cosby festgenommen, gerade noch innerhalb der Frist. Der Prozess begann.

Doch jetzt kommt das wirklich Absurde.

Im vergangenen Sommer endete der Prozess ohne Ergebnis – weil sich die Jury nach sechs Tagen Beratung nicht auf ein Urteil einigen konnte. Sie glaubten den Frauen offenbar noch immer nicht.

Vor wenigen Wochen wurde der Fall neu aufgenommen und dieses Mal war sich die Jury einig: Bill Cosby ist in allen drei Anklagepunkten der schweren sexuellen Nötigung schuldig. 

Warum diese Veränderung?

Ja, es liegt auch an MeToo. Denn die Debatte hat eine neue Sensibilität in Bezug auf sexuelle Übergriffe gebracht. 

Doch es liegt vor allem an der Tatsache, dass dieses Mal fünf weitere Betroffene als Zeuginnen im Prozess aussagen durften. So beurteilen es Prozessbeobachter der "New York Times". Alle Frauen beschrieben im Gerichtssaal detailliert die gruseligen Situationen, in denen Cosby ihnen vermeintliche Kopfschmerztabletten gegeben hatte – und sie später halb-bewusstlos wahrnahmen, wie er sich gerade über ihre Körper hermachte.

Die Verteidigung hatte zuvor versucht, die Frauen nicht als Zeuginnen im Prozess zuzulassen.

Lili Bernard (l.) and Caroline Heldman (r.) – zwei der Frauen, die von Missbrauch durch Cosby berichteten – liegen sich nach der Urteilsverkündung weinend in den Armen.(Bild: Mark Makela/Pool Getty Images North America/AP/dpa)

2.

Der Umgang mit den Anklägerinnen ist beschämend.

Da schließt sich direkt der nächste Punkt an. Ja, das Urteil ist endlich gefallen. Aber der Weg dorthin war für die Beteiligten extrem hart. 

Cosbys Anwälte attackierten zum Beispiel eine der Frauen als "gescheiterte Nachwuchsstars", die mit jedem schlafe. Constand nannten sie eine "verzweifelte Trickbetrügerin" mit finanziellen Problemen, die alles dafür tun würde, Geld aus dem Fall zu pressen. 

Dass betroffene Frauen sich solche Angriffe anhören müssen, ist leider nichts Neues. Es passiert in fast jedem prominenten Fall, in dem es um Vorwürfe sexueller Übergriffe geht. Trotzdem ist es jedes Mal wieder schockierend – und muss endlich aufhören.

Immerhin nahm die Verteidigung die Frauen in Schutz und bezeichnete die Angriffe der Gegenseite als das, was sie sind: schmutzig und beschämend. Der Staatsanwalt dankte außerdem Andrea Constand dafür, dass sie sich nicht nur einmal, sondern gleich zweimal einem Gerichtsprozess ausgesetzt habe. (New York Times)

Alles nur ein Einzelfall? Nein, dieses Muster wird immer wieder deutlich. Zum Beispiel hier: 

  • Der Fall Harvey Weinstein begann mit einem Artikel in der "New York Times", in dem vom Missbrauch von mindestens acht Frauen die Rede war. Die Recherchen für die Geschichte liefen seit vielen Monaten. Um einen Hollywood-Giganten wie Weinstein zu stürzen, hätte eine Einzelgeschichte nicht gereicht. Erst Monate später kam es zu einer Anklage (bento).
  • Ende des vergangenen Jahres enthüllte die "Die Zeit" Vorwürfe der sexuellen Übergriffe gegen den deutschen Regisseur Dieter Wedel. In der Ursprungsgeschichte äußerten sich nur zwei Frauen mit ihrem echten Namen, die anderen blieben anonym. Einige Tage später schilderten vier weitere Frauen ihre Geschichten im "Zeit Magazin". (bento) Das Ergebnis: Es wurden Ermittlungen gegen Wedel eingeleitet. Doch in der öffentlichen Debatte über den Fall hörte man sehr oft: "Das ist ja alles nicht bewiesen" oder "Was ist mit der Unschuldsvermutung?"
  • Im Fall von US-Präsident Donald Trump ist das Ganze noch extremer: Mittlerweile haben sich 19 Frauen gemeldet, die ihm sexuelle Belästigung oder Nötigung vorwerfen. Bisher ohne Konsequenz – wobei immerhin ein Prozess aussteht. (CNN)
  • Und 30 Jahre lang (!) haben Sportlerinnen des US-Turnteams ihren Vertrauenspersonen von sexuellen Übergriffen durch ihren Mannschaftsarzt berichtet. Niemand glaubte ihnen – oder selbst wenn ihnen geglaubt wurde, so tat niemand etwas. Erst als sie sich als "Army of Survivors" hinter Anklägerin Rachael Denhollander zusammentaten, kam es zum Prozess – und zur Verurteilung von Larry Nassar.

Was lernen wir daraus?

MeToo hat Frauen die Kraft gegeben, im Schutz von Hunderten oder Tausenden anderer Betroffener, ihre Geschichte zu erzählen. 

Das schöne Resultat dieser Debatte: Die Öffentlichkeit nimmt Frauen, die gemeinsam ein Problem anprangern, nun ernster.

Das passiert aber leider noch immer nicht, wenn eine einzelne Frau dies tut. Und das muss der nächste Schritt sein.


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