Bild: dpa / Torsten Boor

Kevin Kühnert weiß jetzt auch nicht so recht. Er steht in Darmstadt auf der Straße. Häuserwahlkampf, sechs Tage vor der Hessenwahl, das war die Idee. Aber so richtig interessiert sich niemand für ihn. Denn Bijan Kaffenberger, 29, Direktkandidat der SPD im Süden Darmstadts, ist auch da.

Im Haus neben den beiden tut sich was, jemand macht ein Fenster im ersten Stock auf. Kaffenberger eilt. Plauscht mit der schon etwas älteren Frau. Die Themen wechseln rasend schnell. Kaffenberger spricht, Kühnert staunt. Groko-Krach, war da was?

Wie weggeblasen. Plötzlich kommt der Nachbar von unten links hinzu. "Ach, den kenn ich doch", ruft Kaffenberger. Kühnert sagt:

Das ist ja wie Lindenstraße hier.


Kaffenberger, Sneaker, kariertes Hemd, ist da schon auf dem Weg zur nächsten Tür. "Hallo, guten Tag, ich bin Ihr Direktkandidat", ruft er. "Und ich würde mich gerne persönlich vorstellen!"

Widerspruch: zwecklos. Kühnert, eigentlich der Stargast im Wahlkampf, steht in sicherer Distanz und schaut sich das an.

Während Bijan Kaffenberger spricht, zuckt sein Kopf immer wieder nach links und rechts. Bisweilen stockt sein Sprachfluss, dann bleibt er hängen, kurz. Die Hände fahren nach vorn, dann wieder zurück. Kaffenberger hat Tourette. 

Das klingt wichtig, doch wichtig ist nur eins: Es ist egal. 

Politiker Kaffenberger: "Hallo, guten Tag, ich bin Ihr Direktkandidat"


Viele von den Menschen, die Kaffenberger trifft, wissen von seinem Tourette, haben Artikel über ihn gelesen oder ihn in der "Hessenschau" gesehen. Es kümmert sie nicht. Kaffenberger selbst offenbar auch nicht, er bringt die Sätze stets zu Ende, freundlich, voller Selbstbewusstsein, auch wenn es mal hakt.

Wenn Kaffenberger auftritt, geht es nicht mehr um Tourette. Nach ein paar Sätzen ist er der sendungsbewusste YouTuber. Oder auch die SPD-Nachwuchshoffnung. Der Mann, der auch bei einem Start-up arbeiten könnte.

Aber er ist Politiker. Und als solcher wird er schon bald im hessischen Landtag sitzen.

Am Sonntagabend stand fest, dass Kaffenberger tatsächlich das Direktmandat gewonnen hat – abgeluchst von der CDU, deren Kandidatin und frühere Kultusministerin Karin Wolff bei den vergangenen zwei Wahlen gewonnen hatte. 


Im kommenden Jahr wird Kaffenbergers Buch erscheinen, darin setzt er sich mit der Politikverdrossenheit seiner Generation auseinander. Die These ist provokant: Nicht das Smartphone sei schuld an der Verdrossenheit, sondern dass junge Leute nur "alte Säcke" wählen könnten, die ihre Interessen nicht vertreten würden.

Kaffenberger will eine Alternative sein.

Zumindest im Süden Darmstadts scheint sich seine These zu bestätigen: Die 59-jährige CDU-Kandidatin landete am Ende nur 0,3 Prozentpunkte vor Philip Krämer, 26, von den Grünen. Mit vier Prozent Vorsprung schnappte sich Kaffenberger das Direktmandat.

Zwei Kandidaten unter 30 holen sich mehr als die Hälfte aller Stimmen, die alteingesessene Politikerin hat das Nachsehen. 

So wie es aussieht, habe ich auch Wählerstimmen von der CDU geklaut.
Bijan Kaffenberger am Montag, dem Tag nach der Wahl

"Wir sind an einem Punkt angelangt, wo auch ältere Menschen merken, dass auf die Jungen Herausforderungen zukommen – Klimawandel, Digitalisierung, Verkehr und die Wohnsituation in den Ballungsräumen. Die denken nicht mehr an sich, sondern an ihre Kinder und Enkel."

Einen Seitenhieb gegen die Groko kann er sich nicht verkneifen. "Die Menschen sind von der Politik in Berlin, gelinde gesagt, genervt."

Kaffenberger wuchs bei seinen Großeltern auf, die Mutter starb früh. Sein Großvater war Maschinenschlosser, ein typischer SPD-Haushalt. "Ich war schon immer irgendwie links der Mitte", sagt er. 

Im Bekennervideo erzählt Bijan Kaffenberger von seinem Leben:

Nach dem Masterstudium ging es ins thüringische Wirtschaftsministerium, als Referent für Breitbandausbau und Digitalisierung. Das sei schon ein super Einstieg gewesen. "Ich habe dann aber gemerkt, ich bin vom Typ vielleicht in der Politik ein bisschen besser aufgehoben."

Die Leute denken offenbar dasselbe, Kaffenberger machte Karriere in der SPD. 

Seit jeher ist er auch außerhalb politischer Veranstaltungen präsent, er hat verstanden, dass der Wahlkampf von Tür zu Tür nicht der Einzige sein kann. Also entwickelte er ein satirisches YouTube-Format, "Tourettikette", in dem er Fragen seiner Zuschauer beantwortet und Ratschläge gibt. 

Wie immer geht es zwischendurch auch um seine Krankheit – aber wie immer geht es zuerst um was anderes. Einer wollte beispielsweise mal wissen: "Ich will mich Silvester nicht vollkotzen lassen. Muss ich mir neue Freunde suchen?" Kaffenberger fand das nicht unpassend. Er antwortete einfach.

Während des Wahlkampfes kamen dann Leute auf der Straße auf ihn zu, wollten Selfies mit ihm. Wenn er auf Instagram oder Facebook Nachrichten bekommt, meldet er sich zügig zurück, was viele überrascht. 

Die Leute merken, ob sie da jemanden haben, der auf eine E-Mail mit dem Verweis auf die Bürgersprechstunde antwortet, oder ob sie um 22.37 Uhr noch eine Antwort auf ihre Facebook-Nachricht erhalten.
Bijan Kaffenberger

Es gibt Videoaufnahmen von ihm, die ihn mit besonders vielen Tics zeigen. "Man kann sehen, in welcher Wahlkampfphase das war", sagt er. Je stressiger, desto stärker sind die Tics. Kaffenberger kümmert es nicht – und weil es ihn nicht kümmert, kümmert es eben auch niemanden sonst. 

Ausgerechnet im Wahlkampf war Kaffenberger auch noch auf Wohnungssuche. Noch mehr Stress. Ob er denn in Zukunft ein sicheres Einkommen haben werde, wollten die Vermieter von ihm wissen. "Einige denken so, andere so", sagte Kaffenberger dann. 

Jetzt ist klar: Zumindest die kommenden fünf Jahre sind sicher. Und alle folgenden wohl auch. 


Haha

Hungry Rebel Girl 😬 Bei diesen Kostümen wurden die Copyright-Probleme kreativ gelöst
Die 15 besten Tweets

Die beliebtesten Kostüme zu Halloween haben meistens etwas mit dem aktuellen Zeitgeschehen zu tun: Vor allem Film- und Serienfiguren, aber auch Prominente oder Politiker sind da ganz oben auf der Liste. Blöd nur, wenn diese Charaktere urheber- oder markenrechtlich geschützt sind. 

Doch einige gewiefte Kostümhersteller haben eine Lösung gefunden: Sie nennen ihre Kostüme einen Tick anders – so dass die Ähnlichkeit zur geschützten Figur nur noch wie "zufällig" wirkt.

"Entertainment Weekly"-Redakteurin Dana Schwartz ist diesem brillianten Plan allerdings auf die Schliche gekommen. Sie wollte gerne als Cher aus dem Film "Clueless" zu Halloween gehen, fand aber nur ein Kostüm namens "Notionless". 🤔