Unsere Autoren sind beide beschnitten – und unterschiedlicher Meinung, ob sie ihre Söhne auch beschneiden lassen würden.

Das Thema Penis-Beschneidung wird oft hitzig diskutiert. Von juden- und islamfeindlicher Diskriminierung über Hygiene bis hin zu Vorwürfen der Verstümmelung wird bei solchen Debatten alles in die Waagschale geworfen. Diese Diskussionen wirken oft radikal und weit weg von der Lebensrealität der Betroffenen. 

Noch dazu bekommt man den Eindruck, als sei es ein Streit zwischen nicht-Beschnittenen und Beschnittenen, bei dem jeder einfach auf der Perspektive beharrt, den er aus seinem Elternhaus mitgenommen hat. Dabei ist das natürlich Quatsch. Wir, beide beschnitten, sind uns zum Beispiel nicht einig. Ein Streitgespräch.

Kanackische Welle

Im Podcast "Kanackische Welle" sprechen die beiden deutschen Journalisten Marcel Nadim Aburakia (l.) und Malcolm Ohanwe über Probleme und Eigenheiten von kanakischen Communitys in Deutschland. Von Popkultur, Rassismus, religiösen Spannungen über Gender und dem Dasein als Männer of Color. Das alles gibt es mit einem Lächeln und hochkarätigen Gästen wie zum Beispiel der Berliner Staatssekretärin Sawsan Chebli oder dem "4 Blocks"-Schauspieler Hassan Akkouch. 

Marcel: "Ich würde meinen Sohn beschneiden lassen. Ich komme aus einer bikulturellen Familie: Meine Mama ist weiß, deutsch und katholisch, aber nicht religiös. Mein Baba ist zwar muslimischer Palästinenser, aber auch er ist nicht sehr fromm. Zuhause haben wir Deutsch und Arabisch gesprochen, und Weihnachten und Ramadan zelebriert. Das Motto: Das Beste aus beiden Kulturen. 

Meinem Baba war es wichtig, dass ich tief verbunden bin mit meiner palästinensischen Kultur. Dazu gehört auch die Beschneidung. Auch das ist ein Aspekt meiner kulturellen Identität. Bei uns gibt’s einfach keine Männer mit Vorhaut! Bei dir doch ähnlich, oder?"

Malcolm: "Das stimmt. Meine Mama ist deutsch und hat zwei palästinensische Eltern, mein Vater ist aus Nigeria. Auch er ist beschnitten, ebenso die männlichen Verwandten meiner Mutter. Wir sind aber Christen. 

Malcolm als Kind: "Religionsfreiheit sollte nicht über der körperlichen Unversehrtheit des Menschen stehen."

Und viele jüdische und muslimische Menschen beschneiden ihre Söhne auch nicht aus tiefer religiöser Hingebung, sondern, weil sie es kulturell, genau wie meine Eltern und auch dein Baba, einfach gewohnt sind.

Im Koran gibt es keine Sure, die es Männern vorschreibt, ihre Vorhaut abschneiden zu lassen. Dennoch: Sehr viele Muslime bestehen aber aufgrund der Sunna, also der Tatsache, dass der Prophet Mohammad selbst beschnitten war, auf die Praxis und befinden sie für unabdingbar für ihren Glauben und im Judentum gilt die Beschneidung als Eintritt in den Bund mit Gott, ist ebenso spirituell sehr wichtig.

Aber Religionsfreiheit sollte nicht über der körperlichen Unversehrtheit des Menschen stehen. In einer aufgeklärten Welt sollte niemand ohne medizinischen Grund Kindern die Penis-Vorhaut abschneiden, egal welcher Kultur oder Religion."

Marcel: "Deswegen haben 2012 Richter beschlossen, dass die Entfernung der männlichen Vorhaut aus religiösen Motiven Körperverletzung sei. Dieser Beschluss wurde aber wieder gekippt, denn es gibt eben unsere Religionsfreiheit. So sind seit 2012 Ḫitān (Arabisch für die Beschneidung männlicher Muslime) und Brit Mila (Hebräisch für die Beschneidung männlicher Juden) gesetzlich geschützt. Und Eltern, wie mein Baba und deine Eltern können frei über die Beschneidung ihrer Söhne entscheiden. Ob streng religiös oder nicht."

Malcolm: "Genau das sollen sie aber nicht. Meine Eltern sollen über meinen Kopf hinweg keine irreversiblen Entscheidungen über meinen Körper treffen. Eine Beschneidung ist ein Eingriff, birgt Risiken: Bei einer misslungenen Operation, kann es hässliche Narben, sehr große Schmerzen und nachhallende Traumata geben. Wer sein Kind aus kulturreligiösen Gründen beschneidet, stellt sein Baby medizinisch grundlos unter Narkose, was auch nicht ungefährlch ist. Außerdem kann es vorkommen, dass die Penise ihre Sensibilität verlieren, sich entzünden und dass die Betroffenen nach einer OP beim Sex und beim Masturbieren immer Schmerzen oder gar nichts spüren werden."

Marcel: "Klar, wenn Beschneidung, dann unter strenger Aufsicht eines Ärzteteams. Das würde Komplikationen sowohl während, als auch danach sehr unwahrscheinlich machen. Die gibt’s aber mit Vorhaut genug: Viele Frauen sagen mir, dass unbeschnittene Penisse unbekömmlich röchen. Noch dazu kann sich der Bereich unter der Vorhaut sehr leicht entzünden. Wie eine richtige Reinigung geht, erklärt euch die Urologin Özge Ataman-Grehn in unserem Podcast." 

Malcolm: "Habibi, dass du nicht willst, dass dein Kind stinkt, sehe ich ein. Aber es ist echt sehr easy, dem Nachwuchs einfach mal zu zeigen, wie es den Penis zu waschen hat, dann lernt es schon mal einen guten Umgang mit Genital-Hygiene. Und es ist nicht fair, Dinge die ganz natürlich sind, einfach als eklig zu betiteln. Das gehört nunmal dazu." 

Marcel: "Geruch ist noch das kleinere Übel. Die Weltgesundheitsorganisation sieht Beschneidung auch als Präventionsmaßnahme gegen sexuell übertragbare Krankheiten, wie HP-Viren, Tripper, HIV und Peniskrebs. 

Marcel als Kind: "Wenn Beschneidung, dann unter strenger Aufsicht eines Ärzteteams."

Die Beschneidung senkt das Risiko von unnötigen Krankheiten schon früh bei Kindern und natürlich bei ihren potentiellen Sexpartnern und Partnerinnen, die auch davon profitieren. Ich kenne Männer, die aufgrund ihrer Vorhaut in der Pubertät schlechte Erfahrungen beim Dating gemacht haben. Ich dagegen ausschließlich positive, denn alle meine Partnerinnen mochten meinen Penis. Das Fachmagazin 'Sexual Medicine' sagt, Frauen würden den beschnittenen Penis bevorzugen. Das muss natürlich für niemanden ausschlaggebend sein, aber für mich ist es schön, mit meinem Körper zu gefallen."

Malcolm: "Aber das kann man doch beim besten Willen nicht auf junge Kinder projizieren. Was die Geschlechtskrankheiten betrifft, gibt es ja Kondome oder Prep, das ist viel sicherer als eine Beschneidung. Zudem kann man so früh nicht wissen, welche Gender-Identität und sexuellen Gelüste der zukünftige erwachsene Mensch mit Penis haben wird. Da könnten ganz andere Präferenzen herrschen, als du sie beschreibst. 

Und selbst wenn die Mehrheit der Menschen nachweislich beschnittene Penisse sexier fände, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass man "trotz" Vorhaut nicht genauso viel Glück beim Sex verspüren kann. Im Gegenteil: Viele Menschen mit Penis spielen gerne mit der Vorhaut. Sie ist Teil einer erogenen Zone. In einer Welt mit Zugang zu Wasser und Seife braucht es keine Beschneidung. Und manche kulturellen Praxen, so lieb gemeint sie sind, kann man doch einfach loslassen. 

Ich finde meinen beschnittenen Penis auch ansehnlich, aber hätte mich dafür ja auch selbst als erwachsener Mann entscheiden können."

Hört euch die komplette Diskussion mit vielfältigen Stimmen betroffener Personen sowie Experten-Meinungen von Theologen & Urologen in der Folge an. Ihr seid anderer Meinung diskutiert mit uns auf Social Media.


Fühlen

Asexualität kann revolutionieren, wie wir über Liebe und Sex reden
Manche Menschen empfinden keine oder nur wenig sexuelle Anziehung zu anderen Personen, sie bezeichnen sich als asexuell. Was für mehr Sichtbarkeit in der Gesellschaft getan werden kann.

Kim identifiziert sich als asexuell. Sex ist für ihn uninteressant, er hat keine Lust darauf. Mit 17 Jahren stieß er im Internet auf Erfahrungsberichte anderer asexueller Personen, und merkte, dass er sich darin wiederfand. Er sagt: "Es ist nicht immer negativ, etwas nicht zu haben. Mir persönlich selbst fehlt nichts. Ich finde es manchmal komisch, wie hypersexualisiert die Gesellschaft ist."

Das asexuelle Spektrum besteht aus vielen unterschiedlichen Formen. Verkürzt lässt sich aber sagen: Asexuelle Menschen haben gemeinsam, dass sie keine oder nur wenig sexuelle Anziehung zu anderen Personen empfinden. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie keine Liebesbeziehungen oder keinen Sex haben. "Manche fühlen sich von Sex abgestoßen und stehen eher auf andere Arten von Intimitäten. Einige masturbieren, andere haben gar keine sexuellen Bedürfnisse. Wieder andere haben regelmäßig Sex, etwa weil es ihren Partnern oder Partnerinnen gefällt," erzählt Kim. 

Viele asexuelle Personen sind dennoch Teil der sex-positiven Bewegung. Diese fordert, dass alle Menschen die Freiheit haben sollten, so viel Sex haben zu können, wie sie möchten, solange es einvernehmlich ist. Dazu gehört auch die Variante: Kein Sex - oder eben nur manchmal, unter bestimmten Bedingungen.