Es ist Dienstag, der 28. Mai 2019 und Katrin Wegele, 26, muss entscheiden, ob ein Mann ins Gefängnis kommt – oder nicht. Es ist alles gesagt: Die Zeugen sind vernommen, die Plädoyers gehalten. Jetzt ist es still. Minutenlang sitzt Wegele da, überlegt, wägt ab, notiert. Schließlich steht sie auf und verkündet ihr Urteil.

Katrin Wegele ist Richterin am Amtsgericht der bayerischen Kleinstadt Nördlingen. 

Seit vergangenen August bearbeitet sie Strafsachen und Ordnungswidrigkeiten. Ihre Kollegin, Richterin Patricia Fink, ist zuständig für Zivilsachen – und sogar noch jünger. Als sie 2018 ihr Amt antrat, war sie erst 24.

Katrin Wegele (links) und Patricia Fink

Wegele und Fink sind ein ungewöhnliches Duo.

Richter stellt man sich anders vor: männlich und älter. Während der Frauenanteil im Richteramt gar nicht so niedrig ist –  44 Prozent – ist der Beruf tatsächlich massiv überaltert. Bis zum Jahr 2030 gehen 40 Prozent der über 28.000 Richter in Rente. Der Deutsche Richterbund warnte sogar schon davor, dass die Pensionswelle die Stabilität des Rechtsstaats gefähre. Denn der Nachwuchs ist knapp. (Deutscher Richterbund)

Das dürfte auch an der Besoldung liegen: 4.210 Euro Bruttogehalt bekommen die Beamtinnen Fink und Wegele. In der freien Wirtschaft könnten sie als Juristinnen ein Vielfaches verdienen. Warum die beiden trotzdem Richterinnen sind, merkt man, wenn sie von ihrem Alltag erzählen.

Fink sagt, der Job mache "unheimlich viel Spaß". 

"Das Richteramt ist überhaupt nicht trocken oder verstaubt!
Patricia Fink

Die Zivilrichterin redet viel und lächelt noch öfter. Wenn Fink von einem Nachbarschaftsstreit erzählt, wirkt der auf einmal wie ein Krimi. Wegele spricht leiser, wirkt ruhiger. Aber auch sie wird leidenschaftlich, wenn es um den Job geht. Die beiden haben ihre Berufung gefunden.

Fink und Wegele gehörten schon immer zu den Schnellen. Beide wurden mit fünf eingeschult, beide zogen das Jura-Studium in sieben Jahren durch. Vom Hörsaal wechselten sie direkt in den Gerichtssaal. Oder eher: in die Zimmer 211 und 257. Die Büros von Fink und Wegele sind schlichte, funktionale Räume. Filzteppich, weiße Möbel, kahle Wände.

Auf den Schreibtischen stapeln sich die Akten. Nur zwei Tage pro Woche verbringen sie im Gerichtssaal. Die übrige Zeit ist Büroarbeit zu tun. 

Sie verfassen Urteile, unterzeichnen Strafbefehle und bereiten die Sitzungen vor. Die größte Aufgabe einer Richterin sei die "Tatsachenermittlung", sagt Fink. Also: Einen Fall überhaupt erst verhandlungstauglich zu machen.

Wie sie dabei vorgehen, bestimmen die beiden selbst. Sie sind weisungsunabhängig. Wegele sagt: "Wir alleine entscheiden, wie wir an einen Fall herangehen, wann wir kommen und gehen". An diese Verantwortung mussten sich die beiden erst gewöhnen. Bevor Wegele zum ersten Mal auf dem Richterstuhl Platz nahm, habe sie gedacht: "Oh mein Gott, da oben werde ich sitzen!" Ein paar Monate später sei sie routiniert und die Aufregung verflogen: "Naja, jetzt sitze ich halt da oben."

Dieter Hubel, dem Direktor des Nördlinger Amtsgerichts, sind andere Qualitäten wichtiger als Alter und Erfahrung. "Einen Großteil der Fähigkeiten muss ein Richter bereits mitbringen", sagt er: logisches Denken, Eloquenz, Empathie, Authentizität. Fink und Wegele hätten all das, sagt er.

Und trotzdem sind Anfänger nun einmal Anfänger.

Das verstecken Fink und Wegele nicht. "Wenn ich mich mit den Umständen eines Sachverhalts noch nicht ausreichend auskenne, spreche ich das vor Sitzungsbeginn offen an", sagt Fink. "Überspielen kann man das vor erfahrenen Anwälten ohnehin nicht." Wegele erzählt, dass sie einmal eine Sitzung unterbrach, als sie nicht weiter wusste. Dann sei sie hochgehuscht zu den Kolleginnen und Kollegen und habe sich Rat geholt.

Wirkliche Probleme wegen des Alters hatten beide im Gerichtssaal noch nicht. Die Kolleginnen und Kollegen hätten sie mit offenen Armen empfangen. Fink weiß aber, dass es auch anders geht. Ein junger Richter habe ihr erzählt, dass er sich Anspielungen anhören muss. "Da war ich ganz überrascht", sagt Fink.

Um kurz vor 13.00 Uhr nimmt Fink ihre Robe vom Haken und streift sie über.

Jetzt ist sie: "Frau Vorsitzende".

Fink verhandelt einen Nachbarschaftsstreit, wie er im Buche steht. Nachbar A hat ein Problem mit Nachbar B, weil ihm dessen Hecke zu hoch ist. Außerdem fallen B.s Kirschen in A.s Garten, und noch dazu das Laub des Kirschlorbeerbaums in die Regenrinne. Grund genug für eine Klage. Oder zumindest für den Versuch.

A, der Kläger, hat sich keinen Anwalt genommen, er vertritt sich und seine Frau selbst. Seine Klageschrift weist einige Formfehler auf und auch sonst scheint der Amateurjurist überfordert. Fink, die als Richterin einer Aufklärungspflicht unterliegt, ist deshalb größtenteils damit beschäftigt, Nachbar A das Einmaleins der Juristerei zu vermitteln. Am gegenüberliegenden Tisch macht der Beklagte B über seine Anwältin klar, dass eine gütliche Einigung ausgeschlossen sei. Darauf hatte Fink eigentlich gehofft.

Die Situation ist festgefahren.

Letztlich bestimmt Fink einen neuen Sitzungstermin, an dem über eine mögliche Abweisung der Klage entschieden wird. Nach der Sitzung sagt Fink, manchmal frage sie sich "Jo mei, warum streitet’s ihr euch?" Aber das seien nun einmal die Sorgen der Menschen.

In den Strafverhandlungen von Richterin Wegele herrscht ein anderer Ton.

Körperverletzung, Diebstahl, Raub: Für bis zu vier Jahre kann Wegele Angeklagte ins Gefängnis schicken. Unruhige Nächte habe sie deshalb aber nicht. Sie urteile nach bestem Wissen und Gewissen.

Und wenn sie sich unsicher ist, erzählt Wegele, dann ruft sie sich manchmal die Eingangsformel der deutschen Rechtsprechung ins Gedächtnis: im Namen des Volkes. "Wenn ich jemandem auf der Straße mein Urteil erkläre, dann muss der sagen können: Ja, das passt. Das ist angemessen."

Die letzte Sitzung des Tages: Gefängnis oder nicht?

Ein Mann soll unter Alkohol- und Drogeneinfluss zwei Polizeibeamte beleidigt und bedroht haben. Danach habe er sich der Festnahme widersetzt. Der Angeklagte ist mehrfach vorbestraft und bestreitet den Vorwurf nicht. In der Hauptverhandlung geht es deshalb vor allem um ein geeignetes Strafmaß.

Wegele strahlt Ruhe aus. Sie schaltet sich ein, wo es nötig ist, ansonsten folgt sie den Ausführungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung. Zum Abschluss der Beweisführung überlässt sie dem Angeklagten das Wort. Der entschuldigt sich bei den Geschädigten.

Dann muss Richterin Kathrin Wegele entscheiden, ob ein Mann seine Freiheit behält oder nicht. Wegele fasst sich, steht auf und verkündet ihr Urteil:

"Vier Monate auf Bewährung."


Queer

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