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Unterwegs mit Sanders-Fans in Kalifornien.

Was haben ergraute Althippes und urbane Millennials gemeinsam? Sie hoffen auf Bernie Sanders als nächsten amerikanischen Präsidenten. Der parteilose Senator aus dem kleinen US-Bundesstaat Vermont konkurriert mit der ehemaligen Außenministerin und Ex-First-Lady Hillary Clinton um die Nominierung der demokratischen Partei. Am Samstagabend standen sich beide in der zweiten von insgesamt sechs Wahlkampfdebatten gegenüber. (Mit dabei außerdem: Martin O'Malley aus Maryland. Doch mit aktuellen Umfragewerten deutlich unter fünf Prozent kann man ihn bestenfalls als Außenseiter betrachten.)

(Bild: Reuters / Jim Young)

Millionen saßen landesweit vor dem Fernseher. Die Debatten sind TV-Spektakel, die live übertragen werden. Eine Art politischer Superbowl, der mit Partys in Wohnzimmern überall in den USA gefeiert wird. Und so hat sich bei dem Demokraten James Little im kalifornischen Brentwood eine bunte und für den Ort eher untypische Gruppe eingefunden. "Petite Chateau" nennen die Aktivisten das Haus im Nobelvorort von Los Angeles. Sie sind keine Millionäre, Immobilien-Mogule oder große Geschäftsleute, sondern Studenten, alleinerziehende Mütter, Umweltschützer, Lehrer, linke Intellektuelle.

Wenn Bernie Sanders darüber spricht, wie er landesweit den Mindestlohn auf 15 Dollar anheben will, die Mittelklasse steuerlich entlasten, Universitäten wieder erschwinglich machen und so den immer größer werden Unterschied zwischen Arm und Reich in Amerika beheben will, dann strahlen Fernando Ramirez' Augen.

Fernando Ramirez (31) ist einer von zahlreichen Freiwilligen, die in Los Angeles die Kampagne von Bernie Sanders unterstützen(Bild: Nicole Spohn Almeida)

"Der Einfluss der reichsten ein Prozent, die übermächtigen Banken, darauf hat Occupy Wall Street aufmerksam gemacht”, sagt der 31-Jährige. Jetzt übernimmt "Bernie", wie ihn seine Unterstützter liebevoll nennen. Die Ideen der Aktivisten hat er aufgegriffen und sie – wenn auch in einer etwas weniger radikalen Version – zum Teil seiner politischen Agenda gemacht. Der 74-jährige Sanders verzichtet auf Spenden von mächtigen Geldgebern, wird auch nicht von einem Super-Pac unterstützt, den intransparenten Geldsammel-Organisationen, mit denen sich Millionäre in die Politik einkaufen.

Fernando Ramirez ist Latino und damit Teil einer immer größer werdenden Bevölkerungsgruppe, ohne die man in den USA keine Wahlen mehr gewinnen kann. Vor zwölf Jahren ist er aus Kolumbien nach Los Angeles gezogen, um Film zu studieren. Heute betreibt er hier gemeinsam mit einem Freund eine kleine Produktionsfirma. Er ist mittlerweile amerikanischer Staatsbürger und darf am 8. November 2016 zum ersten Mal wählen.

Die Bezeichnung “demokratischer Sozialist”, von der Bernie Sanders nicht abweicht, obwohl ihm Experten immer wieder bestätigten, dass das seine Erfolgschancen verringert, stört Fernando Ramirez nicht:

Wenn Sozialismus heißt, dass nicht nur die Superreichen eine Chance haben sollen, dann ist das sehr wohl der amerikanische Traum
Fernando Ramirez

Ein sozial gerechtere USA, eine besser informierte und friedlichere Welt – Bernie Sanders politische Ideen haben sich über die Jahre kaum verändert. In den Sechziger ist er als Student an der Uni in Chicago in der Bürgerrechtsbewegung aktiv. Er ist beim Marsch auf Washington dabei, als Martin Luther King Jr. seine berühmte “I Have a Dream”-Rede hält. 1981 übernimmt er in seiner Wahlheimat Vermont sein erstes politisches Amt: Acht Jahre lang ist er Bürgermeister, danach Abgeordneter im US-Repräsentantenhaus. Seit 2007 sitzt er im US-Senat. Dort macht er vor fünf Jahren durch eine fast neun Stunden lange Filibusterrede auf sich aufmerksam. Das Thema: Steuergeschenke an die Reichen. Damals hört auch Fernando zum ersten Mal von dem Senator.

(Bild: Nicole Spohn Almeida)
Samstag, 6.30 Uhr, Venice Beach

Für Bernie Sanders Aktivisten beginnt der Tag des TV-Duells früh. Die Sonne ist gerade erst aufgegangen, da trifft sich Fernando bereits mit anderen freiwilligen Wahlhelfern in Venice Beach. Gemeinsam mit der 34-jährigen Ella Tabasky hat er die Facebook-Gruppe Westside Berners ins Leben gerufen. An diesem Morgen treffen sich die “Berners”, um den berühmten Boardwalk mit Wahlkampfparolen zu bemalen. Für Hillary, lachen die beiden, wären sie nie im Leben so früh aufgestanden. Aber Bernie Sanders sei kein Kompromisskandidat wie man ihn in den USA bei den Wahlen sonst habe. “Ich stimme mit seinen Ideen fast hundert Prozent überein”, sagt Ella. Auf diese und natürlich die bevorstehenden Wahlen wollen sie mit ihrer Aktion aufmerksam machen.

(Bild: Nicole Spohn Almeida)

Fernando hat sich bereits für die Wahl registriert. Das ist in den USA Voraussetzung. Es gibt keine Einwohnermeldeämter, die automatisch Wahlunterlagen verschicken. Wer keine Registrierung hat, darf am Wahltag seine Stimme nicht abgeben. Das System ist kompliziert und umstritten, da es manipuliert werden kann.

Dass Bernie Sanders als unabhängiger Kandidat ins Rennen geht, nennt Fernando ein “definitives Plus”. Es mache ihn nicht nur sympathisch, sondern erlaube ihm, tatsächlich etwas zu verändern. Das gegenwärtige politische System in den USA, da sind sich alle Berners einig, funktioniere nicht. Wie viele Millennials sind sie von den traditionellen Parteien und der Blockadepolitik in Washington enttäuscht.

Tatsächlich will Bernie Sanders nicht so recht ins Bild der heilen amerikanischen Welt passen, das “First Families” gerne vermitteln. Er ist der Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen, die vor Hitler nach Amerika geflohen sind. Er selbst hat bereits eine Scheidung hinter sich, ist aber erneut verheiratet. Diesmal mit einer Katholikin. Der Nachwuchs stammt aus einer außerehelichen Beziehung. Außerdem hat er drei Stiefkinder. Eine buchstäbliche Patchworkfamilie. “Sehr authentisch”, findet Fernando, der momentan mit seiner Schwester in Westwood wohnt, während er darauf wartet, das seine Frau in Kolumbien ihre Aufenthaltsgenehmigung für die USA bekommt.

Bernie Sanders am 10. November auf einer Demonstration für höhere Löhne in Washington, DC(Bild: Getty Images / Chip Somodevilla)
Samstag, 10 Uhr, Beverly Hills

Die Sanders-Aktivisten treffen sich mit Vertretern des Wahlkampfteams in Beverly Hills, um sich abzustimmen. Kaum einer ist älter als 35. Bernie Sanders ist schon lange nicht mehr nur noch Hillary Clintons Herausforderer. Er ist nicht einfach ein Kandidat im Rennen um den amerikanischen Präsidenten. Bernie Sanders ist ein kulturelles Phänomen und in den USA im Moment einfach überall.

Während die Clintons und die Bushs sich nur mühsam durch den irrsinnig langen Wahlkampf kämpfen, scheint dem 74-jährigen Sanders alles andere als die Luft auszugehen. Für seinen Auftritt in Los Angeles musste sein Team ein Footballstadium anmieten. 27.000 sind gekommen, um dem sozialistischen Senator aus Vermont zuzuhören. #FeeltheBern ist eines der beliebtesten politischen Twitter-Hashtags. Die Instagram- und Facebook-Kampagne 1millionberniesigns ist ein Erfolg. Die Aktivisten haben Bernie Sanders sogar seine eigene App gebastelt. “Grassrootscampaigning” nennt es Fernando. “Hillary kann davon nur träumen”.

#173 an #instagram share! #edc2015 #electricdaisycarnival #orlando #bernietothefuture #feelthebern #plur #1millionberniesignsSend us your Bernie display pictures and give us a like to spread the word!

Posted by Post 1,000,000 Bernie Sanders signs on Sunday, November 8, 2015

Samstag, 18 Uhr, Brentwood

Bernie! Bernie! Bernie! Die Stimmung im Raum könnte kaum besser sein. Noch vor ein paar Monaten betonten Experten, Bernie Sanders sei nicht wählbar. “Zu weiß, zu alt, zu stur”, fasst Fernando die Kritik zusammen. Doch dann legte der parteilose Senator in Umfragen plötzlich zu. Vergangene Woche schließlich die Meldung: Bernie Sanders gewinnt die Testwahl der Western Illinois University. Die Uni hat bei den schulinternen Wahlen die letzten beiden Präsidenten richtig vorausgesagt. Diesmal prophezeien die Studierenden einen Erdrutschsieg für Bernie Sanders.

Bis zu den richtigen Wahlen ist es noch fast ein ganzes Jahr. Doch schon jetzt hat Bernie Sanders mehr erreicht, als man ihm jemals zugetraut hätte. Der Oldtimer hat den als vollkommen apolitisch verschrienen Millennials die Politik wieder schmackhaft gemacht. Überall in den USA gehen Freiwillige für ihn auf die Straße. Zusammen haben sie den Sozialismus in die politische Mitte gerückt und damit Amerika schon jetzt zu einem besseren, vereinteren, gerechteren Land gemacht. Go, Bernie, go!


Das folgende Vine funktioniert nur mit Ton: That moment you realize Bernie Sanders has your vote