Bild: privat
Die Proteste gegen die Berliner Mohrenstraße und Hagenbecks Tierpark in Hamburg zeigen Wirkung

Die Nachricht kam für Yasmina Lehmkuhl überraschend: Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben vergangene Woche beschlossen, den U-Bahnhof "Mohrenstraße" umzubenennen, "Aus Verständnis und Respekt für die teils kontroverse Debatte um den Straßennamen", wie es in der Pressemitteilung dazu heißt. (Tagesspiegel)  

Eigentlich ist das eine gute Nachricht für Yasmina. Die 27-Jährige ist Aktivistin bei "Berlin Postkolonial". Der Verein setzt sich seit Jahren für die Umbenennung der "M*Straße" ein, wie die Aktivistinnen und Aktivisten die Straße in Berlin-Mitte nennen. 

Yasmina freut sich trotzdem nicht. "Es ist ein wichtiger Schritt, der aber auf falsche Art und Weise passiert ist," sagt sie. Sie stört, dass die BVG diejenigen, die seit Jahren für die Umbenennung kämpften, nicht in die Entscheidung einbezogen habe. "Wir haben schon vor Jahren gefordert, dass die BVG die Station umbenennt. Damals haben sie noch argumentiert, dass sie das nicht könnten, solange die Stadt nicht die Straße umbenenne", sagt Yasmina. Sie fürchtet, die BVG wolle die durch die Black-Lives-Matter-Bewegung generierte Aufmerksamkeit nutzen, um positive Schlagzeilen zu erreichen.

Der Kampf gegen problematische Denkmäler

Denn die Massenproteste gegen Rassismus haben die Debatte um problematische Denkmäler und Straßennamen neu angefacht:

  • In den USA wurden nach anhaltenden Protesten mehrere Denkmäler von Südstaaten-Vertretern aus der Bürgerkriegszeit abgebaut. (Tagesschau)
  • In Bristol rissen Protestierende die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston vom Sockel und warfen sie ins Hafenbecken. (SPIEGEL

Und auch in Deutschland protestieren mittlerweile viele junge Menschen. Unter anderem in Hamburg – gegen eines der bekanntesten Wahrzeichen der Stadt, Hagenbecks Tierpark. Was vermutlich nur wenige Menschen wissen: Carl Hagenbeck veranstaltete im Hamburger Zoo auch sogenannte Völkerschauen und zeigte sie auf Touren durch ganz Europa. Menschen aus allen Winkeln der Erde wurden zwischen 1874 und 1932 dort "ausgestellt". (SPIEGEL)

"Er hat Menschenzoos populär gemacht"

Modou Touray will die Proteste nutzen, um auf dieses rassistische Kapitel in der Geschichte seiner Heimatstadt aufmerksam zu machen.

"Mein Vater hat mir davon erzählt, als ich noch ein Kind war", sagt Modou, 19. "Danach wollte ich nicht mehr in den Zoo gehen." Als er kürzlich eine Doku über die Völkerschauen sah, habe er beschlossen, etwas zu unternehmen, erzählt er. Sein Freund Henri, 18, sagt, er sei schockiert gewesen, als Modou darüber sprach - er habe zuvor noch nie von Völkerschauen gehört. So gehe es den meisten Freundinnen und Freunden, denen sie davon erzählten, sagen die beiden.

Um daran etwas zu ändern, haben Modou und Henri eine Plakataktion gestartet. An Info-Aufstellern im Eingangsbereich des Zoos brachten sie Flyer an, die Werbeplakate der Völkerschauen zeigen. "50 wilde Kongoweiber" und "Die letzten Kannibalen der Südsee" wurden damals beworben. Henri und Modou fordern: "Erinnert euch an die Grausamkeiten, die an diesem Ort stattfanden und versteht deren Einfluss auf die heutigen gesellschaftlichen Strukturen."

Die beiden stehen auch in Kontakt zu Johanna Brinckman. Die Fotografin hat eine Petition gestartet, in der gefordert wird, die Carl-Hagenbeck-Statue am Zooeingang zu entfernen. Stattdessen solle ein Denkmal an die Opfer der Völkerschauen erinnern. Gemeinsam wollen alle drei den Zoo zu mehr Transparenz im Umgang mit seiner Vergangenheit bewegen. "Wir wollen nicht, dass alle denken, Carl Hagenbeck habe nur tolle Sachen geleistet. Er hat die Menschenzoos populär gemacht", sagt Henri.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung habe sie dazu motiviert, aktiv zu werden, sagt Modou: "Man kriegt gerade Platz dafür, über Rassismus zu sprechen, die Leute hören zu. Das wollten wir nutzen."

Ihr Einsatz scheint Wirkung zu zeigen. Auf Brinckmans Petition angesprochen, sagte der Hagenbeck-Geschäftsführer Dirk Albrecht gegenüber der "Hamburger Morgenpost" im Juni noch knapp: "Der Tierpark ist stolz auf seinen Gründer und das bleibt auch so". (Mopo) Jetzt sagt er bento, dass der Zoo "aufgrund des aktuellen Interesses an dem Thema Völkerschauen" die zur Verfügung stehenden Informationen zu dem Thema derzeit aktualisiere. Außerdem plane man Anfang August "eine Pressekonferenz mit wissenschaftlicher Begleitung", zu der Modou, Henri und Johanna Brinckman eingeladen werden sollen. 

Auch Berlin trägt Spuren von Hagenbeck

Yasmina Lehmkuhl von Berlin Postkolonial hofft ebenfalls, dass sich ein kleines Zeitfenster aufgetan hat, in dem sie und andere Ativistinnen ihren Zielen näher kommen können. "Es ist schlimm, dass erst George Floyd auf so brutale Art und Weise sterben musste, damit Menschen zuhören."

Yasmina studiert in Berlin. Sie setzt sich mit der Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte auseinander, seit sie vor drei Jahren einen ausführlichen Zeitungsartikel über Raubkunst in deutschen Museen gelesen hat. "Ich habe im Abi Geschichte gehabt und Ethnologie studiert und wusste trotzdem fast nichts über deutschen Kolonialismus." Das habe sie so erschrocken, dass sie sich dem Verein "Berlin Postkolonial" angeschlossen habe. 

Der Verein bietet unter anderem Stadtrundgänge an, bei denen die kolonialen Spuren im Stadtbild gezeigt werden, zum Beispiel durchs Afrikanische Viertel in Wedding. Hier gibt es die Togo-, die Sansibar- und die Kongostraße. (bento

Denn auch hier plante Carl Hagenbeck, Menschen und Tiere aus den damaligen deutschen Kolonien in einem Park zu zeigen. Der erste Weltkrieg verhinderte das, die Straßen in der Gegend hatten aber bereits Namen mit Afrika-Bezug erhalten und heißen bis heute so.

Umbenennungen beschlossen, aber nicht umgesetzt

Doch einen neuen Namen zu finden, der allen Kriterien entspricht, ist nicht immer leicht. 

Der erste Name, den die BVG anstelle der Mohrenstraße gewählt hatte, war beispielsweise sofort umstritten. "Glinkastraße" sollte die Station heißen, dabei wird dem russischen Komponisten Michail Glinka Antisemitismus vorgeworfen. Aktivistinnen und Aktivisten wollten außerdem, dass die Straße und die Station nach Anton Wilhelm Amo benannt werden, der zum ersten bekannten Philosoph und Rechtswissenschaftler afrikanischer Herkunft in Deutschland wurde. 

Die BVG kündigte an, offen für Diskussionen zu sein, man müsse sich aber an den Straßennamen vor Ort orientieren und könne sich keine ausdenken. (SPIEGEL)

Und auch Straßen im Afrikanischen Viertel, die deutschen Kolonialherren gewidmet sind und deren Umbennung 2018 beschlossen wurde, tragen noch ihre alten Namen. (Tagesspiegel) "Eine Initiative von Anwohnern kämpft gegen die Umbenennung, weil sie zu teuer und unnötig sei," sagt Yasmina.

Sie hofft auch deshalb, dass die Aufmerksamkeit bleibt, dass sich wirklich etwas ändert. "Ich wünsche mir, dass Stadt und BVG einlenken und die "M*Straße" in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt wird. Ich wünsche mir, dass auch die Straßen im afrikanischen Viertel endlich neue Namen bekommen." Denn die heutigen Namen seien "ein Schlag ins Gesicht" aller von Rassismus betroffenen Menschen. "Wenn Widerstand dagegen einfach so abgetan wird, zeigt das einem, dass man nicht dazugehören soll." 


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