Auf dem Asphalt neben einer Berliner Kreuzung stehen vier winzige Häuschen, eher Hütte als Haus - vier "Tiny Houses". Zwischen ein paar Pfählen sind Wimpel gespannt, darunter sitzen 22 Menschen in der Abendsonne, immer in Zweierpaaren. Sie diskutieren, lachen, alle vier Minuten geht einer weiter zum nächsten. Aber bei diesem Speed-Dating geht es nicht um Liebe. Hier geht es um die Frage, die Berlin wirklich beschäftigt: 

Wo kann man noch bezahlbar wohnen?

Um das zu diskutieren, hat die "Tiny House University", ein Kunstprojekt in Schöneberg, zum "Erzähl-Speed-Dating" geladen. Mit dabei: Apo, 28, der in einem der Tiny Houses auf der Kreuzung wohnt, dieses aber gerade auf AirBnb untervermietet. Ines, um die 40, die sich selbst "Stauraumberaterin" nennt. Zana aus Syrien und ihre Familie, die zu sechst in zwei Hotelzimmern untergebracht wurden.

Apo vor einem Tiny House

Bei jedem neuen Gesprächspartner stellt Veranstalter Alex eine neue Frage. "Wo fühlst du dich so richtig wohl und zu Hause?" zum Beispiel. Oder "In den letzten sieben Jahren sind die Mieten in Berlin um 71 Prozent gestiegen. Was denkst du, kann man dagegen tun?"

Die Wohn-Lösungen, von denen man hört, werden immer ausgetüftelter: Studenten, die auf einen Campingplatz gezogen sind, sich in einer Schrebergartenlaube eingerichtet haben, Azubis, die dank Bahncard100 im ICE und bei Freunden wohnen. 

Wohnen, so klingt es, ist ein temporärer Zustand, möglich an so ziemlich jedem Ort, an dem man sich selbst plus das Nötigste unterbringen kann. Und sei es nur Zahnbürste und Wechselklamotten im DB-Gepäckfach. 

Auch Apo erzählt, das Leben im Tiny House habe ihm gezeigt, wie vieles doch verzichtbar sei. Gerade ist das natürlich doppelt wahr: Da verzichtet er sogar auf diese sechs Quadratmeter und vermietet an Airbnb-Touristen. Und das in Berlin, wo der Senat erbittert gegen Homesharing kämpft. Wohnaktivisten vermieten ihre Wohnungen über Airbnb, die, die angeblich den Markt zerstören. Er bleibt unterdessen bei Freunden.

Blick in ein klassisches Tiny House

(Bild: bento / Lisa Maucher)

Veranstalter Alex sagt, man könne in der Stadt nicht mehr umziehen. Wenn man jetzt ausziehe, bezahle man mehr Geld, um die gleiche Fläche zu bekommen. 

Lösungen müssen her, nur welche?

Wenn man Ines glaubt, ist das eine Frage der Haltung. Die Interior-Designerin und Stauraumberaterin gibt Kurse an der VHS. Jeweils zwölf bis 14 Leute lernen, wie sie in den Wohnungen, aus denen sie nun nicht mehr ausziehen können, die aber doch zu klein werden, mehr Stauraum rausholen können. Aus zwei Zimmern gefühlt drei machen, nennt Ines das. Wie das geht? Ausmisten. Loswerdberatung wäre vielleicht ein treffenderes Wort.

Aber dagegen, dass ihr Beruf aus der Not entstanden sei, dagegen verwehrt sich Ines vehement. Bei ihr klingt es eher esoterisch, sie hat etwas Sanftes, Schwebendes in der Stimme, wenn sie erzählt: Es sei nicht der Platzmangel, der die Menschen dazu bringe, ihre Freizeit mit "Stauraumfindung" und Ausmisten zu verbringen, sondern die befreiende Wirkung. Ballast loswerden. Sich bewusst werden, was man wirklich brauche.

Polemisch könnte man natürlich fragen: Könnten alle Menschen, die sich 100 Quadratmeter leisten, auch die Wohltat erleben wollen, alles auf 6 Quadratmeter zu quetschen und die restlichen 94 leer stehen zu lassen? Oder verkauft eine Generation ihre Not als Lifestyle, weil sie sich nicht eingestehen will, dass es halt einfach Not ist? Nein, Ines findet, das sei ein Kulturproblem der Deutschen. Horten, immer horten wollten die.

Den Vorwurf kann Zana und ihrer Familie kein Mensch machen. Sie sind eher zufällig in diesen Abend gestolpert, sie tragen keine Turnbeutel als Rucksäcke oder auffällige Brillen, wie so viele in der Runde, sie sind sehr viel älter und sehr viel jünger als die anderen Teilnehmer, und doch sind sie genau richtig, denn ihr Tiny House ist kein Experiment, kein politisches Signal, keine Bewegung, sondern einfach ihr Leben. Zu sechst in zwei Zimmern, ohne eigene Küche

Zana übersetzt für ihre Eltern und Brüder. Die Frage lautet: "Was würdest du dagegen tun, dass viele Menschen sich eine Wohnung in Berlins Innenstadt nicht mehr leisten können? (Kleinere Wohnungen? Wohnungsmarkt verstaatlichen? Was ganz anderes?)" 

Ein Haus wollen sie, das müsse nicht teuer sein, sagt der Vater. Das Haus in Damaskus, sagt Zana, das war schön. Da hatten sie viel Platz, Gemüse, Obst. Und Hasen. Zu sechst in zwei Hotelzimmern, das habe sie krank gemacht, sagt die Mutter. Inwiefern krank? - Traurig. - Also Traurigkeit als Krankheit? Depression? - Ja, sagt Zana.

Was sie erzählen, beantwortet die Frage nicht, und irgendwie tut es das doch. Denn unter all dem postulierten Verzichten, Entrümpeln und Entschlacken flackert Panik durch die Runde:

Was, wenn am Ende nichts hilft?

Egal wie klein, leer und touristenteilbar wir unsere Wohnungen machen? Wenn wir sogar noch den Vorschlag umsetzen, die Mittelstreifen von Hauptstraßen zu bebauen für mehr Wohnungen?

Jemand in der Runde hat nämlich mal einen Artikel gelesen, dass es wohl mit mehr Wohnungen gar nicht getan wäre, weil Finanzmarkteffekte auch noch eine Rolle spielen sollen. So richtig weiß man das aber nicht, man müsse bei Twitter nochmal nach dem Link suchen. Vielleicht meint er diese Geschichte aus dem Tagesspiegel, die erklärt, warum Investoren "geil auf steigende Mieten" würden. Oder den Text von Zeit Online, der erklärt, wie internationale Investoren "Geld in den deutschen Immobilienmarkt pumpen".

Die Verunsicherung teilen auf jeden Fall viele hier. 

Nicht, dass man bereitwillig den letzten Grünstreifen zugebaut hat, und trotz Depression, noch mehr Klimaerwärmung und dem Wissen, reiche Menschen noch reicher zu machen, weiterhin genauso hohe Mieten zahlt wie zuvor. Was dann?

Denn die Menschen heute Abend haben keinen Einfluss auf Finanzmarkteffekte, aber – bis auf Ausnahmen – doch das Bedürfnis nach ein bisschen Platz. 


Gerechtigkeit

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