Bild: Maas

Am Tag nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche ist es ruhig in Berlin. Immer wieder senken sich Köpfe über Handys, Gespräche über die neusten Informationen entspinnen sich in Restaurants: Gibt es Neuigkeiten? Weiß man inzwischen mehr?

Aber auch der Alltag geht weiter: Die Bahnen fahren schon lange wieder normal, ohnehin war auch in der Nacht nur eine einzige Haltestelle gesperrt. Auf dem Ku'damm besorgen Berliner und Touristen die letzten Weihnachtsgeschenke.

Wie war die Stimmung an diesem Tag in Berlin? Wie haben sich die Menschen gefühlt?

Wir haben uns in der Stadt umgesehen, an der Gedächtniskirche, wo die Menschen zusammenkamen, am Brandenburger Tor, das für einige Anlaufstelle war an diesem Tag nach dem Schock. In Friedrichshain, wo die Menschen zusammensaßen und über die Ereignisse diskutierten. Und am einzigen Weihnachtsmarkt, der an diesem Dienstag in Berlin nicht geschlossen hatte.

Der Unglücksort an der Gedächtniskirche
(Bild: Maas)

Am Tag nach dem hier ein Unbekannter mit einem Lkw auf den Weihnachtsmarkt raste, wirkt das Gelände wie eine Kulisse. Absperrungen, vereinsamte Weihnachtsmarktbuden, Sichtschutzwände – um kurz nach 11 Uhr erinnern vor allem die vielen Blumen, Kuscheltiere und Schilder an die Katastrophe, die am Montagabend die deutsche Hauptstadt erschütterte. Zwölf Menschen wurden getötet, fast 50 verletzt, einige von ihnen sehr schwer.

"Auch in Berlin bekommt ihr nicht unseren Hass", steht auf einem Zettel. "Warum?" auf vielen anderen.

| #Breitscheidplatz via Berliner Morgenpost Notes of Berlin

Posted by Notes of Berlin on Tuesday, December 20, 2016
Ihr bekommt nicht unseren Hass.

Es scheint nach diesem Anschlag das Motto Berlins zu sein, einer Stadt, die sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. An einem Tag, an dem deutlich mehr Polizisten als sonst unterwegs sind. An dem die ganze Welt über die Katastrophe in Deutschland spricht. Einem Tag, an dem jeder Verständnis haben würde, wenn sie in Panik verfallen würde.

Tut sie aber nicht.

Um 12 Uhr beginnt in der Gedächtniskirche ein Gebet, es wird den Opfern und ihren Angehörigen gedacht. Es soll aber auch ein Zeichen sein. Zusammenkommen an diesem Ort, der nun für die Gewalt steht, die diese Stadt am Abend des 19. Dezembers erlebt hat.

Hunderte sind gekommen, drängen in und um die Kirche. Trauernde, Journalisten, Schaulustige, Touristen. Für die Öffentlichkeit ist die Kirche gesperrt, die Trauernden versammeln sich deshalb an der Infotafel davor.

(Bild: Maas)

Da ist der kleine Junge mit der Rose in der Hand, die er für die Opfer niederlegen möchte. Menschen, die jetzt auch Antworten suchen, jetzt, wo man kaum etwas weiß über die Hintergründe. Menschen wie Ali, der in Deutschland geboren ist und sagt: "Es macht mich einfach nur traurig, was hier passiert ist. Natürlich gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Aber es muss doch möglich sein, besser zu kontrollieren, wer hier ein- und ausreisen darf.

Vor der Kirche, dort, wo sonst die Gottesdienste angekündigt werden, hat jemand eine Papierwand aufgeklebt, auf der die Menschen kondolieren können. "Es gibt keinen Gott", steht hier. Aber auch: "Make Love not war". Blumen, Kerzen, Karten liegen auf dem Boden.

Später am Nachmittag wird sich auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen mit anderen Politikern den Tatort zeigen lassen:

(Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa )
"Ich war vielleicht zwanzig Meter entfernt."
"Weil ich Ärztin bin, dachte ich, dass ich helfen kann und bin hingelaufen."
"Ich habe mich nur darauf konzentriert, wie ich helfen kann und bei einer Frau sofort mit der Wiederbelebung begonnen."
"Ich dachte zuerst, es wäre ein Unfall. Aber bis auf den Lkw habe ich kein anderes Auto gesehen."
"Wir haben heute Abend mit Kollegen Weihnachten gefeiert."
"Danach wollten wir eigentlich über den Weihnachtsmarkt schlendern. Gott sei Dank waren wir gut 20 Minuten zu spät dran."
"Auf der Straße kamen uns Menschen entgegen – aber Panik ist nicht ausgebrochen."
"Alle waren sehr, sehr ruhig."
"Ich wohne in der Nähe und habe sofort Bescheid bekommen. Eine halbe Stunde nach dem Unfall war ich hier."
"Es bot sich ein Bild der Zerstörtheit und Verletztheit."
"Ein Weihnachtsmarkt ist ein Ort der Besinnlichkeit. Ich hoffe, wir können uns trotzdem einen Geist der Offenheit erhalten."
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Der Kurfürstendamm

Nur wenige Gehminuten weiter liegt Berlins bekannteste Einkaufsstraße, der Ku'damm. Gegen Mittag ist hier kaum ein Unterschied zu anderen Wochentagen zu bemerken. Menschen schieben sich durch die Geschäfte, auf der Suche nach Souvenirs und letzten Weihnachtsgeschenken. "Da vorne war dieser Anschlag", zeigt ein Mann, Mitte 20, seiner Freundin. Und lotst sie dann in eine Schmuck-Boutique.

Es ist vielleicht ein bisschen leiser als sonst, weil einige Geschäfte aus Respekt die Musik leiser gedreht oder ausgestellt haben.

Das Brandenburger Tor
(Bild: Maas)

Am beliebtesten Fotomotiv Berlins: vor allem Touristengruppen, wie immer. Mit Handys, GoPros und Selfiesticks posieren sie hier für ihr neues Facebook-Profilbild.

Auch zwei Touristen aus England wollen den Berlin-Trip weiter genießen. "Na klar, man schaut vielleicht ein wenig mehr auf seine Umgebung, aber wir sind ja hergekommen, um die Stadt zu sehen. Nicht, um drinnen zu hocken", sagen sie.

"Wichtig ist es heute, Schönes zu machen, Gutes zu tun", sagt Radek. Er arbeitet oft hier am Pariser Platz und glaubt nicht, dass weniger Touristen da sind als an anderen Tagen. Aber er macht sich Sorgen um die Gesellschaft: "Ausländerfeindlichkeit ist für mich genauso außerirdisch, wie mit einem Laster in eine Menschenmenge zu fahren. Wir müssen im Alltag mehr aufeinander aufpassen und helfen. Das hört sich ausgelutscht an, aber ohne Empathie wird es nicht besser."

Wir müssen im Alltag mehr aufeinander aufpassen und helfen.
Radek

Bei Einbruch der Dunkelheit leuchtet das Brandenburger Tor später Schwarz-Rot-Gold. Man wolle den Opfern gedenken, hatte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller gesagt. Schon oft hat das Wahrzeichen der Stadt in den Farben der Länder gestrahlt, die Opfer eines Anschlags wurden. "Dieses Mal wird das Brandenburger Tor in unseren eigenen Farben angestrahlt werden", sagt Müller.

Der Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt
(Bild: Leister)

Der Weihnachtsmarkt auf dem Gendarmenmarkt ist seit 13 Uhr geschlossen. Ein Schild am Gitter am Eingang weist darauf hin, "aus Solidarität mit den Opfern des Breitscheidplatzes". Ein bärtiger Security am Eingang weist Interessierte im Fünf-Minuten-Takt ab, die einen Glühwein oder etwas zu essen kaufen wollten. "Heute ist zu." Der Weihnachtsmarkt richtet sich nach der Empfehlung des Innensenators. (bento)

Luise, 34, und ihre Familie kommen als einige der letzten vom Gelände. Die Dänen sind auf Berlin-Urlaub. Sie waren gestern auch auf dem Weihnachtsmarkt am Ku'damm, nur wenige Meter von dem Anschlag entfernt. Warum sie heute gleich wieder auf einen Weihnachtsmarkt wollten? "Wir denken an die Opfer", sagt Luise. "Wir haben darüber nachgedacht und beschlossen: Wir können die Attentäter nicht siegen lassen."

Was denken die Menschen jetzt über einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt? Wir haben gefragt:
Die U-Bahn

An der U-Bahnhaltestelle Französische Straße sitzt Walid am frühen Nachmittag in seinem Kiosk und schaut die aktuellen Nachrichten, gerade läuft eine Liveschalte aus dem Schloss Bellevue, der Sprecher klingt über die Gleise. "Meine Verbindung zur Außenwelt", sagt der 36-Jährige und tippt auf sein Tablet. Seit gestern sei er "unfassbar traurig". "Wir teilen diese Erde, wir sollten in Frieden leben."

"Ich habe Angst, dass sie uns alle in den selben Topf werfen."
Walid

Im Jahr 2000 ist der Kurde aus dem Nordirak selbst als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Damals sei die Stimmung in dem kleinen Dorf bei Stuttgart hervorragend gewesen: Kuchenessen mit der Dorfgemeinschaft, mit Alten einkaufen und Bäume schneiden. "Wir waren willkommen." Jetzt fürchte er sich vor Rechtspopulisten. "Ich habe Angst, dass sie uns alle in denselben Topf werfen."

Auch in vielen U-Bahnen geht es zu wie immer. In den Zügen drängen sich die Menschen, auf dem Weg zur Arbeit, zum Mittagessen, zum Arzt. Sie lesen, telefonieren. Angst scheint hier niemand zu haben, die Gespräche gehen trotzdem immer wieder zu den Ereignissen der Nacht zurück. "Der Typ von gestern? Ein Idiot", sagt ein Herr mit Schirmmütze nüchtern.

(Bild: Leister)
Das Reichstagsgebäude

Als um 15 Uhr eine Schweigeminute für die Opfer des Anschlags eingelegt wird, ist kaum jemand auf dem riesigen Platz vor dem Reichstag. Vielleicht liegt es daran, dass hier zuvor einige Straßen gesperrt waren und die Busse nicht wie geplant herfahren konnten. Vielleicht liegt es an den Ereignissen der Nacht, vielleicht ist es aber auch einfach nur zu kalt. Aber wo sich sonst oft die Massen drängen, stehen heute nur ein paar einsame Touristen. Von Terror spricht hier niemand.

Der Party-Kiez in Friedrichshain

In der Habanna-Bar am Boxhagener Platz drehen sich die meisten Gespräche um den Anschlag. An einem Tisch diskutieren drei Türken über die Infos und die vielen, vielen Gerüchte: Kann man – wie der festgenommene Verdächtige – in zehn Minuten vom Ku'damm zur Siegessäule laufen? Welche Nationalität hatte der Täter? Was hatte der Beifahrer damit zu tun? Auch von der polnischen Mafia ist die Rede.

Die meisten sind schockiert, aber die Überraschung hält sich in Grenzen. Man hatte irgendwie damit gerechnet.
Jennifer, Kellnerin in Friedrichshain

"Es ist erschreckend", sagt Jennifer, die Kellnerin. "Die meisten sind schockiert, aber die Überraschung hält sich in Grenzen. Man hatte irgendwie damit gerechnet." Sie selbst werde große Menschenmengen jetzt meiden. Sie habe eine kleine Tochter. "Da habe ich einfach zu viel Angst."

Der letzte geöffnete Weihnachtsmarkt

Der Weihnachtsmarkt in der Kulturbrauerei ist der einzige, der am Dienstag geöffnet hat. Um 16 Uhr ist es nicht besonders voll. In Paaren und kleinen Gruppen schlendern Besucher von Stand zu Stand. Es sind viele Familien darunter. Es läuft keine Musik, aus Solidarität, verkündet ein Schild am Eingang.

Aber lange nicht jeder findet es gut, dass der Markt geöffnet hat. "Ich finde es richtig scheiße", sagt die Mitarbeiterin eines Klamotten-Stands. Ihr Chef habe sie aufgefordert, zu kommen. Sie habe zwar keine besonders große Angst. "Aber es geht mir um die Solidarität. Persönlich würde ich hier heute nie hingehen."

Am Glühweinstand gegenüber steht Joann, der 30-Jährige kommt aus Nizza, wo es vor einem halben Jahr einen ähnlichen Anschlag gab. Er sagt: "Was passiert, passiert. Es hilft nicht, wenn ich mir Sorgen mache."


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