Bild: Stefan Hipp
Wir haben die Klimarebellen gefragt, was ihr nerviger Protest bringen soll.

Montagmorgen, kurz vor Beginn des Berufsverkehrs in Berlin: Am Großen Stern, einem der Verkehrsknotenpunkte der Hauptstadt, geht nichts. Kein Auto fährt, kein Bus kreuzt. Stattdessen sitzen, nach Angaben der Berliner Polizei, rund 1000 Menschen rund um den Platz. 

Die Aktivistinnen und Aktivisten gehören zu "Extinction Rebellion", einer Klimaschutzbewegung aus Großbritannien. Wie "Fridays for Future" warnen sie vor dem Klimawandel und fordern die Politik zum Handeln auf. Im Vergleich zu den Schülerinnen und Schülern gehen sie dabei einen Schritt weiter: Sie wollen mit zivilem Ungehorsam stören. Und zwar so lange, bis Klimaziele endlich umgesetzt werden.

In Berlin sollen nun eine Woche lang Straßen und Zufahrtswege blockiert werden – "Extinction Rebellion" plant, die Hauptstadt lahmzulegen.

Die Aktion soll friedlich ablaufen, Gewalt lehnt die Gruppe ab. Sie behauptet, hinter ihrem Protest stünde die stille Mehrheit der Gesellschaft. Überhaupt: Der Protest richte sich nicht gegen den Einzelnen, sondern gegen das bestehende "System". (Extinction Rebellion)

Doch kann Klimaschutz so gelingen? Oder verschreckt man durch Blockaden am Ende nur jene, die sich sonst gern engagiert hätten?

Das fragen wir Annemarie Botzki. Die 32-Jährige arbeitet im Bereich Solarinnovationen und engagiert sich seit längerem bei "Extinction Rebellion". In Berlin gehört sie zu den Aktivisten, die den Großen Stern abgeriegelt haben.

bento: Annemarie, was passiert da gerade in Berlin?

Annemarie Botzki: Wir haben den Großen Stern blockiert, alle fünf Zufahrtswege sind dicht. Die ersten haben etwa 3.30 Uhr in der Nacht angefangen, jetzt am Vormittag sind wir schon mehr als 1200 Menschen und sitzen hier in der Sonne. Die Anhänger von "Extinction Rebellion" kommen von überall her. Ich habe 70-Jährige gesehen, die sich angekettet haben – aber natürlich auch sehr viele junge Menschen.

Wie reagieren die Autofahrerinnen und Autofahrer?

Die kommen gar nicht bis zu uns. Die Polizei hat alle Zufahrtswege bis zur Siegessäule abgesperrt und leitet den Verkehr um.

Dann bringt die Aktion ja überhaupt nichts.

Doch, denn es geht nicht um die Aktion an sich, sondern um das große Ganze. Wir unterschreiben seit Jahrzehnten Tausende Petitionen, gehen demonstrieren, Wissenschaftlerinnen warnen – und das hat alles nichts gebracht und nichts bewirkt. Also müssen wir die Regierung stärker unter Druck setzen. Das machen wir jetzt mit zivilem Ungehorsam. 

Und was soll das bewirken?

„Wir müssen eine Katastrophe abwenden und die Regierung überzeugen, endlich zu handeln.“

Müsstet Ihr dann nicht eher das Kanzleramt oder den Bundestag blockieren?

Wir hatten uns im Sommer schon ans Kanzleramt gekettet. Aber es darf nicht nur bei Symbolen bleiben. Deshalb wollen wir jetzt die Hauptstadt richtig lahmlegen. 

Aktivistinnen und Aktivisten von "Extinction Rebellion" an der Siegessäule in Berlin.

(Bild: Stefan Hipp)

Eine Mehrheit der Deutschen ist für mehr Klimaschutz und hält die bisherige Arbeit der Regierung für zu lasch. Verspielt Ihr nicht diese Mehrheit, wenn Ihr ihnen das Leben schwer macht?

Nein, unsere Aktionen sind nie gegen den einzelnen Autofahrer gerichtet. Wir entschuldigen uns bei allen, die von Umleitungen betroffen sind, und verteilen Kekse. Wenn wir eine Strecke blockieren, kündigen wir das vorher an, damit sie sich Alternativen suchen können. Wir versuchen da so deeskalierend wie möglich zu sein.

Noch mal: Wie werden Kindererzieher oder Ingenieurin zu besseren Klimaschützern, wenn Ihr sie am Weg zur Arbeit hindert?

Wir hindern sie ja nicht. Mit unseren Blockaden richten wir uns gegen ein toxisches System, nicht gegen die Einzelne oder den Einzelnen.

Und trotzdem ist es dann die Einzelne, die im Auto sitzt und genervt ist.

Ja, aber die Klimakatastrophe wird so viele Schmerzen verursachen. Und es sind schon jetzt so viele Menschen, die der Erderhitzung zum Opfer fallen.

„Wir richtet mit unserem bequemen Alltag den Schaden am Klima mit an.“

Aber das keine Verantwortlichkeit des Einzelnen, sondern ein System, das so nicht mehr weiter funktionieren darf. 

Unser Planet wird unbewohnbar und es sind führende Wissenschaftler, die seit Jahren genau das sagen. Das sind Dimensionen, die viele Leute noch nicht begriffen haben. Es ist ein emotionales Thema – also tun wir, was wir können. 

Aber gerade weil es ein emotionales Thema ist: Bringt Ihr nicht die, die für Klimaschutz sind, mit Blockaden gegen Euch auf?

Unsere bisherigen Aktionen beweisen das Gegenteil. "Extinction Rebellion" wurde in England groß und wächst dort von Aktion zu Aktion. Auf unserem Newsletter haben sich schon mehr als 20.000 Interessierte eingetragen, die Aktivisten von "Extinction Rebellion" in Großbritannien zählen schon mehr als 100.000. Viele spüren eine Ohnmacht, wissen nicht mehr, wie man die Politik noch zum Einlenken bewegen kann. Mit dem, was wir tun, sprechen wir also Vielen aus dem Herzen.

Das behauptest Du jetzt.

Das erlebe ich auch. In Köln hatten wir im Juli die Deutzer Brücke blockiert und mit allen Fahrerinnen und Fahrern gesprochen. Wir haben ihnen erklärt, warum wir tun, was wir tun. Die meisten fanden es gut und hatten Verständnis für unsere Aktion.

Was muss nun passieren, damit die Regierung irgendwann handelt? Wie viel Radikalität traut Ihr euch zu?

Wir haben in den vergangenen Jahren eines begriffen:

„Nett bitten reicht nicht für radikalen Wandel.“

Aber wir sind gewaltfrei und werden auch weiterhin friedlich bleiben. Wir werden trotzdem immer wiederkommen und die Regierung weiterhin mit solchen Aktionen unter Druck setzen. Und wir werden immer mehr. 

Aber nochmal: Wie viel Radikalität traut Ihr euch zu? 

Wir bleiben gewaltfrei. Aber Leute sind bereit, für unsere Aktionen ins Gefängnis zu gehen. 


Future

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