Bild: Jannike Stelling
Ein Gespräch mit Gründerin Melisa Karakuş über Kaffeehäuser und Parallelwelten.

Ein Schloss unterhalb des linken Handgelenks, ein Schlüssel unterhalb des rechten: Es sind nur zwei von einigen Tattoos, die Melisa trägt, aber sie fallen auf, wenn sie einem die Hand zur Begrüßung entgegenstreckt. Zugänge schaffen ist ein Lebensthema von Melisa Karakuş, 30.    

Melisa ist Designerin und empfängt in ihrem Büro namens "Farbe." im Berliner Wedding. Hier ist auch der Redaktionssitz von "renk.", ihrem deutsch-türkischen Gesellschafts- und Kulturmagazin, das sie 2013 gegründet hat. "renk." bedeutet "Farbe" auf Türkisch.

Melisa ist warm und direkt, sie lacht viel und redet schnell. Jede freie Minute, die ihr neben ihrem Designbüro und ihrer Familie bleibt, stecke sie in "renk.", erzählt sie. Auch, wenn all das zusammen manchmal bedeute, "auf dem Zahnfleisch" zu gehen. Melisa ist in Herten bei Dortmund geboren und dort aufgewachsen. Ihre Eltern stammen gebürtig aus Edirne, vier Busstunden westlich von Istanbul. Bis Melisa "renk." gründete, war sie lange auf der Suche nach ihrer kulturellen Identität – auch, weil sie keine Angebote fand, die sie repräsentierten.    

bento: Muss man radikal sein, um Klischees und Vorurteile zu überwinden?

Melisa Karakuş: Ich finde das Wort radikal im Zusammenhang mit "renk." schwierig, ich spreche lieber von engagiert.

Radikal jung

Klimawandel, Generationengerechtigkeit, Migration: Es gibt große Themen, an denen sich entscheidet, wie unsere Gesellschaft aussehen wird. Und es gibt junge Menschen, die sich engagieren, in der Politik, im Ehrenamt, als Aktivisten. Wir fragen sie, was sie antreibt, was sie anders machen als ihre Vorgänger – und was an ihnen radikal ist. 

bento: Wie kam es zu "renk."?

Melisa: Ich habe mir damals eine ältere Ausgabe des "Dummy"-Magazins angeschaut. Darin wurde das Thema "Türken" behandelt. Es wurden Straßenfotos gezeigt, nach dem Motto: So sehen also Türken aus. Es gab Bilder von Frauen, die unter ihren Kopftüchern möglichst crazy Frisuren trugen. Eine Ausgabe voller Klischees. Magazine, die das Türkisch-Sein in Deutschland mit einem anderen Blick behandelten, gab es damals nicht. Das wollte ich anders machen.

bento: Bekommst du diese Vorurteile und Klischees auch selbst zu spüren?
Melisa: Ja, ich bin schon immer damit in Kontakt gekommen. Als Kind habe ich es nur noch nicht verstanden. Ich habe es als Kompliment aufgefasst, wenn mir jemand gesagt hat: "Melisa, du siehst ja gar nicht so türkisch aus." Erst in der Uni habe ich angefangen, all das zu hinterfragen.

bento: Was haben diese Erfahrungen mit dir gemacht?

Melisa: Ich wollte diese Vorurteile, die ich selbst erlebt habe, aufbrechen. Daher auch der Name "renk." (Türkisch für Farbe), also Vielfalt. Da war viel Idealismus dabei. Für meine Bachelorarbeit habe ich dann ein Konzept und einen ersten Internetauftritt für "renk." entwickelt. Schon daraufhin haben sich viele Leute gemeldet, die mitmachen wollten.

bento: Was ist "renk." heute, etwa sechs Jahre später?

Melisa: Wir stellen Menschen vor, die durch ihr kulturelles und künstlerisches Schaffen Identitätsprobleme in etwas Positives gewandelt haben. 

Wir wollen mit Klischees brechen. Wir erzählen vom Outing eines jungen Mannes gegenüber seinem Vater. Beschreiben, wie sich interkulturelle Beziehungen anfühlen, zeigen eine Deutsch-Polin, die türkische Volkslieder auf einer Saz spielt oder berichten über Afro-Türken. Genauso erklären wir Dinge: die Geschichte des Çay und des Salep – oder suchen den besten Döner Berlins.

bento: Geht es dir dabei um den kulturellen Austausch - oder darum, die eigene deutsch-türkische Identität zu repräsentieren?

Melisa: Es ist eine Mischung aus beidem. Wir haben gerade eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben gerufen, unsere Kahvehane. Kahvehanes sind türkische Kaffeehäuser, wo im typischen Denken Männer mit ihrer Gebetskette sitzen, Çay trinken, Backgammon und Okey zocken – und Frauen nicht reindürfen. Bei unserer eigenen Kahvehane ist jeder willkommen und darf Backgammon spielen und Çay trinken. Wir machen aus Altem was Neues. Vor allem wollen wir Kunst und Kultur auf einfache und coole Art und Weise für Jede und Jeden erlebbar machen.

bento: Welche Menschen kommen zu solchen Veranstaltungen?

Melisa: Das ist sehr unterschiedlich. Da sitzen Künstler und Aktivistinnen, die aus der Community kommen, die oft gefrustet waren und die auch mit uns wieder in den Schaffensprozess gefunden haben. Aber auch Neugierige aus der Mehrheitsgesellschaft, die sagen: Hey, ich hab kaum Kontaktpunkte zur deutsch-türkischen Kultur und finde es cool, dass ich mich in einem künstlerischen und kulturellen Umfeld dafür sensibilisieren kann.

bento: Ist es für dich traurig, dass es einen Kulturvermittler wie "renk." scheinbar noch immer braucht? Die ersten türkischen Gastarbeiter kamen in den 1960er-Jahren nach Deutschland. 
Melisa: Schon traurig, sehr sogar. Es ist krass, wie viel bei der der Integration der letzten Jahrzehnte schiefgegangen ist. Allein, wenn ich an so etwas wie Ausländerklassen in den 70er-Jahren denke. Natürlich fördert so etwas auch Parallelwelten. Ich habe aber schon den Eindruck, dass es besser wird und mehr Begegnung stattfindet. 

bento: Aber ist "renk." nicht quasi auch eine Parallelwelt in der Medienlandschaft?

Melisa: Ich denke, "renk." ist so etwas wie der Lichtkegel für Dinge, die im Schatten verborgen bleiben, aber im normalen Leben stattfinden. Von der Medienlandschaft werden diese Dinge aber kaum oder nur schlecht behandelt

bento: "renk." erscheint dreisprachig: auf Deutsch, Türkisch und Englisch. Wer liest euch?

Melisa: Nicht der typische AfD-Anhänger. Hier wollen wir vor allem eine starke Gegenstimme sein, das motoviert zusätzlich. Ansonsten die erste bis fünfte Generation Deutsch-Türken, die sich noch immer ausgegrenzt fühlt und auf der Suche nach Vorbildern ist. Dann gibt es natürlich noch die, die sich einfach für das Thema interessieren, durch einen Erasmus-Aufenthalt in der Türkei zum Beispiel.

bento: Wie geht es weiter bei "renk."?

Melisa: Wir wollen uns in den nächsten zwei Jahren auch für weitere "People of Color", die in Deutschland leben, öffnen. Die Diskriminierungsgeschichten von Menschen, die in erster, zweiter oder dritter Generation hier sind, sind oft die gleichen. Es ist noch ein weiter Weg, aber wir wollen und werden "renk." noch ein bisschen bunter machen – und darauf freuen wir uns. 


Streaming

Tatsächlich... Sexismus? Warum es peinlich ist, wie Männer in dem Weihnachtsklassiker dargestellt sind
Außer Kitsch gibt es vor allem Machtgefälle, Misogynie und einen Stalker.

Es gibt einen Test, den man Filmen unterziehen kann, um die stereotypische Darstellung von Frauen zu untersuchen: Den Bechdel-Test. Wenn zwei namentlich bekannte, weibliche Figuren miteinander reden, und dabei nicht über einen Mann sprechen, gilt er als bestanden. Keine allzu hohe Hürde, könnte man meinen. 

In "Tatsächlich... Liebe", einem der wohl kitschigsten und populärsten Filme der Weihnachtszeit, gibt es genau eine solche Szene. 15 Sekunden lang unterhält sich Karen, Schwester des Premierministers und Ehefrau des untreuen Harry, mit ihrer Tochter über deren Auftritt als Hummer beim Krippenspiel. Davor und danach: Keine einzige Unterhaltung zwischen zwei Frauen in über zwei Stunden, in der es nicht um einen Mann geht.

Gäbe es einen solchen Test für die stereotype Darstellung von Männern, würde "Tatsächlich... Liebe" nicht besser abschneiden. 

Im Grunde tun die männlichen Charaktere all das, was im Zuge der MeToo-Debatte endlich als sexistisches und inakzeptables Verhalten benannt wurde: Nein heißt nicht nein, Männer zeigen keine Gefühle und Machtgefälle werden schamlos ausgenutzt. 

In insgesamt neun Handlungssträngen erzählt der Film die Geschichten von Paaren. Solchen, die es noch werden, von Dreieckskonstellationen und einer Männerfreundschaft. In acht von neun Geschichten liegt der Fokus auf der Perspektive des Mannes. 

Da wäre Harry, der seine Ehefrau Karen mit seiner Sekretärin Mia hintergeht. Oder Witwer Daniel, der mit seinem elfjährigen Stiefsohn Sam den Plan schmiedet, er solle ein Musikinstrument erlernen und in der Schulband mitspielen, in der Joanna singt, das Mädchen, in das Sam verliebt ist. Denn: Alle Frauen lieben Musiker! Sogar Ringo Starr von den Beatles habe schließlich ein Bond-Girl abbekommen. Und der alternde Sänger Billy Mack ist einfach nur ein zynisches Arschloch, sich dessen aber immerhin voll bewusst.  

Doch diese drei Männer und ihre Beziehungen zu Frauen sind bei weitem unübertroffen: 

Colin