Bild: Arno Burgi / dpa

Der Winter ist für Menschen ohne Dach über dem Kopf eine gefährliche Zeit. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ließen deshalb in der kalten Jahreszeit immer mindestens zwei Bahnhöfe durchgehend geöffnet, damit Obdachlose dort Schutz finden können. Doch damit soll nun womöglich Schluss sein. Ob die Bahnhöfe tatsächlich im Winter dichtgemacht werden, diskutiert die BVG gerade gemeinsam mit dem Senat. (bento)

Die Menschen reagierten auf diese Nachricht empört, über die BVG brach ein mittelgroßer Shitstorm herein. 

Zu Unrecht.

Das Ende der sogenannten "Kältebahnhöfe" in Berlin steht noch zur Debatte. Als Begründung für die Überlegung nennt die BVG unter anderem die drastisch gestiegene Zahl der Obdachlosen in den vergangenen Jahren. Außerdem seien viele der Wohnungslosen stark alkoholisiert, was die Starkstrom-Schienen in den Bahnhöfen zu einem lebensgefährlichen Risiko mache. Das sind verständliche Gründe. 

Viele Menschen sind allerdings jetzt schon sauer auf die BVG. 

Soziale Kälte wird ihnen unterstellt, der BVG-Slogan "Weil wir dich lieben" wird häufig ironisch mit der Nachricht verknüpft. Politiker wie Thomas Seerig von der Berliner FDP finden die Entscheidung und ihre Begründungen "nicht nachvollziehbar".

Aber Moment: Was haben die Betreiber von Bahnhöfen mit Obdachlosen zu tun? 

Dass die BVG sich, aus welchen Gründen auch immer, gegen Kältebahnhöfe entscheiden möchte, ist erst einmal traurig. Sich darüber aufzuregen ist hingegen scheinheilig. 

Denn in welcher Welt sind Bahnhöfe geeignete und menschenwürdige Orte zum Übernachten? Wieso geht die Kritik nicht direkt an die Politik, die das Problem offensichtlich an die BVG abgewälzt hat? Denn wer in der größten Not in einem Bahnhof schlafen muss, für den war womöglich nirgendwo anders Platz. 

In Berlin leben etwa 4.000 bis 10.000 auf der Straße. Die Zahlen gehen je nach Jahreszeit und Schätzung auseinander. (BZ)

Die Kältehilfe für die Betroffenen wurde zwar aufgestockt: Im Berliner Koalitionsvertrag ist festgehalten, dass Einrichtungen für Obdachlose "bedarfsgerecht ausgebaut" werden sollen. Doch die Zahl der Wohnungslosen hat sich allein seit 2014 vervierfacht. Es sind Familien darunter, Menschen mit Arbeit, Geflüchtete und Osteuropäer, die durch das System gerutscht sind.

Wenn Schlafplätze für Obdachlose fehlen, ist das auch ein staatliches Problem.

Nicht für die Menschen, die morgens auf dem Weg zur Arbeit starr aus dem Fenster schauen, wenn jemand in der Bahn um einen Euro für eine warme Mahlzeit bittet. Sondern vor allem für den Menschen, der hungert und friert. 

Statt die BVG zu kritisieren, könnten wir uns auch fragen:

  • Ob nicht mehr Geld für Kältebusse, menschenwürdige Unterkünfte und Beratungsangebote für Drogenabhängige und Alkoholiker ausgegeben werden sollte?
  • Ob wir uns selbst in der Obdachlosenhilfe engagieren sollten, indem wir Decken, Geld oder Zeit spenden? 
  • Wie wir gegen die steigenden Mieten vorgehen könnten, die Menschen mit geringem Einkommen aus ihren Wohnungen auf die Straße treiben.
  • Warum es manchen Bevölkerungsgruppen so schwer gemacht wird, in unserer Gesellschaft Halt zu finden.

Kein Gratisbett und erst recht kein geöffneter U-Bahnhof kann die Ursachen der Obdachlosigkeit ändern. Deshalb sollten wir uns vor allem fragen, wie wir den Menschen von der Straße helfen können, die oftmals nirgendwo anders gewünscht sind. Und wie wir es hinbekommen, für sie ein menschenwürdiges Leben als Teil der Gesellschaft zu gewährleisten.

Stattdessen regen sich manche im Internet über die BVG auf, die seit 15 Jahren frierenden Menschen mit Kältebahnhöfen hilft, während wir uns abends gemütlich die Heizung hochdrehen.

Du möchtest helfen? Hier sind ein paar Ideen:

Wie man Obdachlosen helfen kann

Nicht immer ist Geld die beste Lösung, wenn man Obdachlosen helfen möchte. Im Zweifel gilt immer: Freundlich nachfragen, ob die Person etwas braucht und wie es ihr geht. Ein Gespräch und eine menschliche Verbindung sind viel wert. 

Wer doch etwas spenden möchte, kann Dinge geben, die schnell verbraucht oder auf der Straße nicht zu finden sind: Neue Socken und Unterwäsche, Hygieneartikel wie Seife und Zahnbürste, Erste-Hilfe-Artikel, Bücher, Bustickets oder Futter für tierische Begleiter. 

Genauso gut sind Lebensmittelspenden wie Konserven an örtliche Suppenküchen und Kältemobile. Organisationen wie die Caritas, das Rote Kreuz oder der Arbeiter Samariter Bund können in deiner Stadt einschätzen, was benötigt wird – und freuen sich auch über ehrenamtliche Helfer. 

Nicht nur Kälte ist ein Problem für wohnungslose Menschen:


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