Bild: dpa

Es ist schön und traurig zugleich: Ein Mädchen, gekleidet in ein weißes Nachthemd, hält sich die Hände vor ihr Gesicht. Der helle Stoff ist von Blut überströmt. Sie steht in einer riesigen Blutlache und hält sich die Augen zu. Vielleicht will sie den Mann nicht sehen, der nur mit Unterwäsche bekleidet an einem Baum steht – durchlöchert von Pfeilen. Ist er tot, lebt er noch?

So sieht die grausame Szene aus, die der spanische Graffiti-Künstler Borondo an die 42 Meter hohe Fassade eines Wohnhauses im Berliner Stadtteil Tegel gemalt hat – was vielen Anwohnern gar nicht gefällt.

Mehr als 30 Beschwerden erhielt die Initiative "I love Tegel" innerhalb eines Tages. Sprecher Felix Schönebeck sagt: "Eltern haben mir erzählt, dass sie von ihren Kindern angesprochen wurden, warum das Mädchen auf dem Gemälde so stark blutet. Die Kinder hätten verstört gewirkt."

Auch aus anderen Gründen sei das Gemälde an diesem Ort unpassend: Vom Nachbarhochhaus haben sich bereits Menschen in den Tod gestürzt und bald entsteht im Viertel eine Unterkunft für Geflüchtete. "Dort werden auch Menschen leben, die solch schrecklichen Szenen in der Realität erlebt haben", sagt Schönebeck.

In der Slideshow: So sehen die Werke von Borondo aus
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Dabei war das Kunstwerk gut gemeint.

Es entstand im Auftrag der Wohnungsbaugesellschaft "Gewobag", die in Tegel-Süd sieben Hochhäuser mit Kunstwerken schmückt und triste Fassaden verschönert. "Art Park" heißt das Projekt, das zusammen mit dem Streetart-Netzwerk "Urban Nation" entsteht.

Die anderen Motive, die bereits entstanden sind, wirken jedoch viel freundlicher: ein blauer Star, der in den Himmel schaut oder Comic-Figuren, die mit Computern spielen.

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Bei der Motivauswahl seien die Künstler frei gewesen, sagt "Gewobag"-Sprecher Volker Hartig zu bento. Grundsätze wie kein Rassismus, kein Sexismus, keine Gewaltverherrlichung hätten natürlich eingehalten werden müssen.

Nach der Kritik der Anwohner sieht die Wohnungsbaugesellschaft aber keinen Bedarf, noch einmal über das Motiv nachzudenken. "Wenn der Art Park fertig gestellt ist, werden wir das Gesamtprojekt in einer öffentlichen Veranstaltung vorstellen. Es wird also einen Dialog mit den Bewohnern geben. Wir überlegen derzeit nicht, das Gemälde zu überstreichen", sagt Hartig.

Borondo, der schon europaweit Kunstwerke an Fassaden gemalt hat, äußerte sich nicht zu seinem Bild in Tegel. Häufig thematisiert er gesellschaftliche Probleme und will zum Nachdenken anregen – zum Beispiel skizzierte er bereits eine Familie die nicht miteinander redet oder abgemagerte Gestalten um einen See. Es bleibt vieles abstrakt und mit viel Raum für Interpretation.

Im Gegensatz zu vielen Betrachtern sieht die "Gewobag" in dem Bild auch ein Zeichen der Hoffnung: "Denn das Kind sieht einen Menschen, der – obwohl von Pfeilen getroffen – aufrecht steht und stark ist."

Es sei offensichtlich, dass das Bild das Flüchtlingsthema widerspiegelt.
(Bild: Privat)

Neben den Kritikern gebe es auch Befürworter, die für die Kunstfreiheit einstehen, sagt Schönebeck. Klar müsse man auf die Missstände in der Welt hinweisen. "Ich finde es aber an diesem Ort unpassend. Dieses Bild wird gegebenenfalls Jahrzehnte dort bleiben." Man hätte die Bewohner mit einbeziehen müssen.

Der Künstler hat es geschafft, dass die Nachbarn über das Schicksal der Geflüchteten diskutieren. Jetzt wäre es schön, wenn sie sich mit genauso viel Engagement auch um die Integration der zukünftigen Anwohner bemühen.

Noch mehr Graffiti


Gerechtigkeit

Frauen werden in Deutschland viel schlechter bezahlt als Männer
Und daran liegt es.

Frauen verdienen weniger als Männer. Das ist ein Fakt – und in Deutschland wird er besonders deutlich sichtbar. Frauen bekommen hier im Schnitt 21 Prozent weniger Lohn als Männer. Das geht aus einer am Mittwoch vorgestellten Studie des Hamburger Welt-Wirtschaftsinstituts (HWWI) hervor. Die Wissenschafter haben im Auftrag der Europäischen Kommission die Gehälter der verschiedenen europäischen Staaten verglichen.

Der Ergebnis: Deutschland landet in Sachen Lohngerechtigkeit abgeschlagen auf dem viertletzten Platz. Nur in Estland, Österreich und Tschechien klafft eine noch größere Lücke zwischen den Gehältern von Männern und Frauen. "21 Prozent sind viel", sagt Christina Boll, Forschungsdirektorin beim HWWI zu bento. "Deutschland hat auf jeden Fall noch Hausaufgaben zu machen."