Das Problem heißt "Orientalismus"

Eine nackte Frau steht ängstlich in einer Gruppe wilder, dunkelhäutiger Männer. Schutzlos ist sie den Blicken und Griffen ausgesetzt. Offenbar arabische Sklavenhändler bei ihrem barbarischen Handwerk.

Diese Szene können Passanten und Autofahrer derzeit am Berliner Adenauerplatz und hunderttausende weitere Menschen in den sozialen Netzwerken betrachten. Die Berliner AfD hat das Gemälde zum Europawahlkampf in Großformat plakatiert. Es sei Teil der "AfD-Serie: Aus Europas Geschichte lernen", steht darunter.

Für alle, die die offensichtliche Botschaft nicht verstanden haben, steht sie noch einmal in großen Buchstaben darüber: "Damit aus Europa kein 'Eurabien' wird".

Eurabien? Wir haben recherchiert, woher das Bild kommt – und erklären, warum sich die AfD damit einfach nur lächerlich macht.

Das Gemälde heißt "Le Marché d'esclaves" – Der Sklavenmarkt – und ist im Jahr 1866 der Fantasie des französischen Malers Jean-Léon Gérôme entsprungen. Heute ist es im Besitz des amerikanischen "Clark Art Institute".

Das stellt schon das Infoheft zum Gemälde klar (Clark Art Institute):

„Es ist unwahrscheinlich, dass der Künstler eine solche Szene beobachtet hat, denn es gibt, wenn überhaupt, wenige Zeugnisse solcher Sklavenmärkte.“

Die abgebildete Szene hat es also sehr wahrscheinlich niemals gegeben.

Das ist auch gar nicht verwunderlich. Gérôme ist einer der bekanntesten französischen Maler des "Orientalismus". So wird die klischeehaft-mystische Verklärung der arabisch-islamischen Welt bezeichnet. Im Europa des 19. Jahrhunderts war sie in der Kunstwelt ein absoluter Trend.

Eines von Gérôme Gemälden, "Der Schlangenbeschwörer", schaffte es sogar auf das Cover des Standardwerks moderner Orientalismuskritik: Edward Saids "Orientalism". (Wikipedia)

Gérôme brachte die wichtigsten Zutaten europäischer Orient-Fantasien auf die Leinwand: Sex und Barbarei.

Seine Motive zeigen aber kein arabisches Alltagsleben, sondern die Wünsche des lüsternen europäischen Publikums. Das schreibt Isra Ali, eine amerikanische Kulturwissenschaftlerin. (Springer) Die beliebtesten Orient-Motive im 19 Jahrhundert waren Harems-Darstellungen. Nackte Frauen, die sich scheinbar ihrem Schicksal ergeben haben, und gewalttätige, mächtige Männer.

„So wie Frauen dieser Gemälde durchdrängt waren von passiver Sexualität, wurde den Männern eine aktive Neigung zur Gewalt verliehen.“
Isra Ali

Und noch einen Kontrast gibt es zwischen Männern und Frauen auf den Darstellungen: die Hautfarbe.

Anders als die Männer, sind die Frauen in den Bildern Gérômes und anderer Orientmaler oftmals auffällig hell. Der Grund, laut Ali: Auch die ästhetische Darstellung fügte sich europäischen Fantasien und Schönheitsidealen.

Gérômes Faible für nackte, schutzlose Frauen in Anwesenheit mächtiger, angezogener Männer galt nicht nur für die arabisch-islamische Welt. Das Motiv zieht sich durch alle Epochen: vom alten Ägypten (Wikipedia) über das antike Griechenland (Wikipedia) bis zum römischen Reich (Wikipedia).

Dass sich Gérôme schließlich auf nackte Frauen in Nahost spezialisierte, dürfte einen einfachen Grund gehabt haben.

Das europäische Publikum verlangte danach. Heerscharen von "Orientmalern" zogen im 19. Jahrhundert aus, um den immer größer werdenden europäischen Bedarf nach Harem-, Badehaus- und Sklavenmarkt-Bildern zu befriedigen. Einer von Gérômes Zeitgenossen, der französische Impressionist Auguste Renoir, beschwerte sich während einer Algerien-Reise im Jahr 1882 darüber, dass wegen der hohen Nachfrage durch europäische Orientmaler, algerische Models kaum noch zu finden seien. (Telerama)

Andere Maler blieben gleich ganz zu Hause. Einige der bekanntesten Orient-Maler haben die arabische Welt nie mit eigenen Augen gesehen.

Und die "arabischen" Frauen auf den Bildern? Waren oft Europäerinnen.

Gérôme unternahm zwischen 1857 und 1880 mehrere ausgedehnte Reisen nach Ägypten, von denen er Skizzen und Fotografien mitbrachte. Diese sollten aber vor Allem Vorlage für Darstellung von Architektur sein. Als Vorlage für Frauenfiguren, engagierte auch er lieber europäische Models. Das bedeutet: Seine und viele andere "Orientgemälde" sind nicht nur Produkt europäischer Fantasien, sie zeigen europäische Frauen.

Warum viele dennoch glauben, die Bilder seien realistisch? Das ist ein Erfolgsfaktor orientalistischer Kunst, meint Linda Nochlin. Sie schrieb schon 1983 in "The Imaginary Orient".

„Der männliche Betrachter wurde eingeladen, sich sexuell zu identifizieren, während er sich gleichzeitig, moralisch von seinem orientalen Gegenstück distanziert.“
Linda Nochlin

Westliche Männer können also ihren Voyeurismus befriedigen – ohne schlechtes Gewissen. Der Täter auf dem Bild ist ja schließlich ein "Araber".

Und auch vieles andere auf den Bildern ist falsch.

Auf den Bildern wird der Orient rückständig und wild gezeigt. Dabei sah die Realität ganz anders aus, schreibt Nochlin. Die ersten Dampschiffe fuhren zu Gérômes Zeit auf dem neu eröffneten Suezkanal. Auf den Straßen Kairos stehen nicht Sklavenhändler und Schlangenbeschwörer, sondern Kutschen und Handlungsreisende.  Ägypter verbrachten ihre Zeit nicht in Harems, sondern in Baumwollmanufakturen und Zigarettenfabriken.

Und es war der europäische Kolonialismus, der hunderttausende Menschen in Nahost und Nordafrika das Leben kostete. Klischeebilder wie "Le Marché d'esclaves" sollten das europäische Publikum auch von diesen Konflikten ablenken, schreibt Nochlin.

Womit wir wieder beim Europawahlkampf der AfD wären.

Denn "Aus Europas Geschichte lernen", wie es die AfD auf ihr Wahlplakat schreibt, kann man auf jeden Fall.

Aber nicht über die arabisch-islamische Welt. Sondern darüber, wie unser Blick auf den "Orient" bis heute von Klischees geprägt ist. Darüber wie die Sex- und Gewaltfantasien einiger lüsterner Männer unseren Blick auf die Welt verfälschen können. Und auch darüber, wie wenig Ahnung die AfD vom Orient der damaligen Zeit hat, und wie wenig von der Geschichte der europäischen Kultur, die sie vorgibt, verteidigen zu wollen.

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Food

Ich habe versucht, zu begreifen, ob Milch gut für mich oder total ungesund ist
Was versprechen Wissenschaft und Werbung?

"Like milk, but made for humans" ("Wie Milch, aber für Menschen gemacht") steht auf den Plakaten, die aktuell deutschlandweit in U-Bahn-Stationen und auf Werbedisplays um meine Aufmerksamkeit buhlen. Sie werben für die vegane Milch-Alternative des schwedischen Konzerns Oatly. 

Der Slogan ist kontrovers: In der schwedischen Heimat wurde die Firma für den Spruch bereits 2015 mit Erfolg von der Milchindustrie verklagt. Trotzdem brachte Oatly die Werbebotschaft 2018 nach England und nun seit Anfang dieses Jahres auch nach Deutschland. In den USA sorgte das geschickte Marketing zeitweise für Lieferengpässe. Pakete der Hafer-Wasser-Salz-Mischung wurden bei eBay für wahnsinnige 200 Dollar verkauft. (chip)

Die Botschaft, die im Werbeslogan vermittelt wird: Milch sei nicht für Menschen geeignet – vielleicht sogar ungesund. 

Das klingt logisch: Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch sind für den Nachwuchs der jeweiligen Spezies gedacht, also Jungtiere, die schnell wachsen müssen – nicht für Menschen. Aber ist das schlimm?

Die Milch galt in der Öffentlichkeit für Jahrzehnte als DAS Wundermittel für kräftige Knochen und gesunde Kinder. Süße Snacks wie die Kinderschokolade werben gar mit "der Extraportion Milch". In der Grundschule gehört die "Schulmilch" für viele zum täglichen Frühstück. Und nun ist sie "nicht für uns gemacht"? 

Wir Menschen sind doch Allesfresser. Warum sollten wir keine Milch zu uns nehmen?