Für klassische Politik interessieren wir uns kaum noch. Trotzdem muss sich keiner Sorgen um die Zukunft machen, zeigt unsere große Umfrage.

Die erste Demo, bei der ich mitgelaufen bin, war ein Protestmarsch am Oldenburger Pferdemarkt gegen den Irakkrieg von George W. Bush. Meine Schulfreunde hielten Transparente hoch, wir brüllten den Sprechchören nach, in meinem Bauch kribbelte es. 

Es kam mir vor wie eine gewaltige Bewegung, die immer mehr Menschen zu uns treiben würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Politiker danach einfach weitermachen würden. Ich war naiv. 

Damals war ich 18 Jahre alt, seitdem bin ich nur noch selten gegen politische Entscheidungen auf die Straße gegangen. Dort blieb es in den vergangenen Jahren generell seltsam still. Finanzkrise? Vorratsdatenspeicherung? NSA? Diskutieren am Küchentisch in der WG: klar. Transparente rausholen: eher nicht. Sind ich und meine Altersgenossen deshalb unpolitisch? 

Bildungsministerin Johanna Wanka hatte das vor einiger Zeit beklagt - und auf den ersten Blick könnte sie recht haben. Tatsächlich interessieren sich viele Millennials nicht für die klassische Politik. Wir haben eine repräsentative Umfrage unter 18- bis 30-Jährigen durchgeführt. Ein großer Teil, 41 Prozent, sagt, er sei “nicht politisch”, jeder Fünfte sogar “gar nicht politisch”. Das Label “sehr politisch” gaben sich nur 6 Prozent der Befragten.

Das passt ins Bild: Im Studierendensurvey der Uni Konstanz (PDF-Datei) vor zwei Jahren gaben 29 Prozent der Befragten an, Politik sei ihnen nicht wichtig. “Sehr wichtig” fanden nur 24 Prozent das politische Geschehen, zwei Jahrzehnte zuvor waren es noch 31 Prozent gewesen. 

Aber was heißt politisch überhaupt?

Als meine Mutter studierte, gegen Ende der sechziger Jahre, waren alle politisiert. Ständig wurde demonstriert und debattiert. Umweltschutz, Krieg, Emanzipation, um solche Themen ging es. Aber manchmal auch einfach nur um das Essen in der Mensa. Wenn die Leute ein Problem hatten, gingen sie auf die Straße. Dieses idealisierte Bild habe nicht nur ich. Oft wird unsere Generation in Diskussionen an den 68ern gemessen - und steht im direkten Vergleich merkwürdig desinteressiert da.  

Demonstranten versuchen, am 13.4.1968 in Frankfurter die Auslieferung der "Bild"-Zeitung zu verhindern.(Bild: dpa / Roland Witschel)

Natürlich gibt es sie heute auch noch, die Sitzstreiks und Sprechchöre, aber ein Großteil der Jungen tickt anders. Nur jeder zweite von uns würde für ein Thema demonstrieren, das ihm wichtig ist. Aktiv in einer Partei mitarbeiten ist für viele erst recht kein Thema: gerade jeder Fünfte kann sich das vorstellen. 

Trotzdem ist die Generation Y kein lethargischer, egozentrischer Haufen. Im Gegenteil. Wir Millennials protestieren - nur anders. Wenn wir etwas ändern wollen, verlassen wir uns nicht auf Parteien, sondern erledigen das gleich selbst. 70 Prozent der 18- bis 30-Jährigen würde aus politischen, ethischen oder ökologischen Gründen bestimmte Waren nicht mehr kaufen. Nur "eine Unterschriftenliste unterschreiben" hat noch mehr Zustimmung (80 Prozent).

Unsere Generation ist im Kapitalismus angekommen, statt sich dagegen aufzulehnen. Was bedeutet, dass wir Millennials uns unserer Macht als Konsumenten bewusst sind. Fair produzierte Produkte werden gerne gekauft, der Rest bleibt so oft es geht im Regal liegen. Nun kann man einwenden, dass die Schwelle für diesen politischen Konsum vergleichsweise niedrig ist. Es zeigt aber auch, dass der Generation Y viele Dinge eben nicht egal sind. 

Der Protest richtet sich nicht mehr gegen politische Systeme, sondern gegen Gentechnik-Riesen wie Monsanto, Kinderarbeit in Bangladesch für H&M, Rohstoffunternehmen wie Glencore, Lebensmittelkonzerne wie Nestlé - oder zum Beispiel Barilla. Firmen-Chef Guido Barilla hatte vor zwei Jahren in einem Interview gesagt, er wolle nicht mit homosexuellen Paaren werben und lehne auch ein Adoptionsrecht für sie ab. Weltweite Boykottaufrufe waren die Folge; der Nudel-Tycoon knickte schließlich ein und entschuldigte sich.

Genauso wie ich gehen viele meiner Freunde lieber zum Wochenmarkt als zum Discounter, eher zum Secondhand-Shop als zu Primark und eher auf den Flohmarkt als zu Ikea. Aber auch das hat Grenzen: Ich trage zum Beispiel den ganzen Tag ein iPhone mit mir herum - obwohl ich weiß, dass die Arbeitsbedingungen bei Apples Zuliefer-Unternehmen teils katastrophal sind. Damit bin ich nicht allein, aber das macht es auch nicht besser. 

Noch etwas unterscheidet uns von den Vorgängergenerationen: Wir hätten heute eine neue, ganzheitliche Auffassung von Politik, schreibt der Forscher Klaus Hurrelmann in seinem Buch “Die heimlichen Revolutionäre”. Politik ist demzufolge überall da, wo Menschen miteinander umgehen. Und diese Lebenswelt ist für uns das Netz. Kein Wunder, dass wir eher spontan bei einer Aktion im Internet mitmachen würden, als uns auf der Straße zu versammeln. 

Dabei geht es nicht nur darum, bei Facebook Likes zu verteilen. Bei Plattformen wie Change.org können Petitionen unterzeichnet werden, mehr als 56 Millionen Leute sind dort aktiv geworden, via Campact protestieren nach eigenen Angaben mehr als 1,6 Millionen. Dabei geht es um hochpolitische Themen wie die Ehe für alle, Netzneutralität und TTIP. Als einen der bisher größten Erfolge von Campact gilt der Widerstand gegen die genetisch veränderte Maissorte MON 810 des Herstellers Monsanto. Der Anbau dieser Sorte wurde 2009 in Deutschland verboten - auch aufgrund des öffentlichen Drucks. 

Es gibt aber auch Beispiele, wo der Protest nicht durch eine Plattform organisiert wird, sondern im Netz aus eigener Kraft groß wird: Die #Aufschrei-Debatte begann auf Twitter und brachte das Thema Alltagssexismus in den Mainstream. Ein anderes Beispiel: In der Türkei protestierten junge Frauen im Netz gegen den Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. 

Auf Twitter posteten sie unter dem Hashtag #SirtimiziDönüyoruz, übersetzt "Wir drehen dir unseren Rücken zu". Häufig zeigten sie dazu das Victory-Zeichen.

Ist das etwa nicht politisch?

Warum Klicken besser als sein Ruf ist, erfährst du hier.

Die bento-Umfrage

An unserer Studie haben 1000 in Deutschland lebende Menschen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren teilgenommen. Die Schwankungsbreite beträgt für die gesamte Stichprobe 1,9 Prozent. Die Online-Befragung wurde von dem Institut für Markt- und Trendforschung EARSandEYES im Auftrag von bento im Mai 2015 durchgeführt.