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In vielen Regionen Deutschlands finden trans Menschen keine Behandlungsmöglichkeiten oder medizinisches Personal, das Erfahrung mit trans Personen hat.

Die Zeit vor und während seiner Transition, also seiner Geschlechtsangleichung, ist Julian, 26, noch genau in Erinnerung. Er ist trans und lebt in Schweinfurt, einer Stadt bei Unterfranken in Bayern. Zwar liegt die Transition bereits knapp neun Jahre zurück, aber die Zeit war besonders belastend – neben Coming-Out und Job war er jede Woche in ganz Deutschland unterwegs. In Schweinfurt gibt es nämlich keine medizinische Einrichtung, die ihn währenddessen begleiten oder in der er geschlechtsangleichende Operationen durchführen lassen konnte.  

"Ich war während meiner Transition für ein zehnminütiges Vorgespräch fünf Stunden unterwegs", erzählt Julian. Das Vorgespräch war für eine geschlechtsangleichende Operation, der Arzt hatte seinen Sitz in München: "Er nahm sich nur kurz Zeit und seine Operationsmethode überzeugte mich nicht", sagt Julian. Das konnte er vorher nicht ahnen, 200 Euro und viel Zeit kostete ihn der kurze Termin dennoch. Die Krankenkasse übernimmt zwar die geschlechtsangleichenden Behandlungen, Zugtickets für die Vorgespräche dagegen nicht.

"Ich war während meiner Transition für ein zehnminütiges Vorgespräch fünf Stunden unterwegs", erzählt Julian.

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Das ist nicht untypisch. Abseits deutscher Metropolen wie Hamburg, Berlin, Köln oder München suchen trans Menschen oft lange nach Ärztinnen, die Erfahrung mit der Behandlung anderer trans Personen haben. Spezialkliniken gibt es auf dem Land nicht, weshalb viele vor der Transition oft weite Wege auf sich nehmen müssen, um eine Psychotherapie zu machen, eine Hormontherapie zu beginnen oder geschlechtsangleichende Maßnahmen durchführen zu lassen. Fehlen ihnen hierzu die finanziellen Mittel, kann das erhebliche psychische Folgen mit sich bringen.

"Medizin ist ein Spiegelbild der Gesellschaft, weshalb auch unter Ärzten und Ärztinnen unreflektierte Annahmen über Geschlecht und Transgeschlechtlichkeit exitieren", sagt Timo Nieder. Er ist Leiter der Spezialambulanz für sexuelle Gesundheit und Transgender-Versorgung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen initiierte er eine telemedizinische Studie, die die Behandlungen für trans Menschen vor ihrer Transition in Norddeutschland gewährleisten soll. Dabei sollen trans Menschen mit räumlicher Distanz in einer Online-Sprechstunde behandelt werden. "Es gibt immer noch viele Ärztinnen und Ärzte, die sich unwohl fühlen, wenn eine Patientin oder ein Patient trans ist."

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In Deutschland ist es seit 2011 möglich, Namen und Personenstand ohne körperliche Anpassungen zu ändern. Davor war es laut Gesetz nur dann möglich, die Geschlechtszugehörigkeit rechtlich ändern zu lassen, wenn trans Personen dauerhaft fortpflanzungsunfähig waren, sich einer operativen Angleichung unterzogen hatten und nicht verheiratet waren. Das Gesetz wird seit Inkrafttreten immer wieder als menschenverachtend kritisiert, 2008 und 2011 wurden diese Vorgaben dann mit Entscheidungen des Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärt. Was sich noch nicht geändert hat: Trans Menschen müssen vor geschlechtsangleichenden Maßnahmen ein ärztliches Gutachten und vor einer Hormontherapie eine psychiatrische Begutachtung nachweisen. Die Krankenkasse zahlt nur, wenn eine Therapie besucht wurde, die zu dem Ergebnis kommt, dass eine Operation unumgänglich ist.

Die Studie des UKE ist eine Reaktion auf die oftmals unzureichende Gesundheitsversorgung von trans Menschen und untersucht, ob telemedizinische Behandlungen einen positiven Effekt haben. Teilnehmende Personen werden nach einem persönlichen Erstgespräch über eine Videoplattform von Spezialist*innen begleitet und behandelt, beispielsweise in Form einer Psychotherapie. Voraussetzung ist, dass die teilnehmende Person nicht bereits anderorts an transitionsunterstützenden Maßnahmen teilgenommen hat und mindestens 50 Kilometer außerhalb von Hamburg lebt. Etwas mehr als 200 Menschen müssen bis 2021 behandelt werden, damit ein möglicher Effekt der Behandlung statistisch nachweisbar ist – aktuell sind 40 Personen Teil der Studie. Der Innovationsfond der Bundesregierung fördert das Projekt, sollte es erfolgreich sein, könnte es auch auf andere Regionen Deutschlands ausgeweitet werden.

"Nach wie vor gibt es in Norddeutschland Ärztinnen und Ärzte, die trans Menschen nicht behandeln wollen und sie an uns verweisen", sagt Timo Nieder. Die Spezialambulanz für Sexuelle Gesundheit und Transgender-Versorgung des UKE habe deshalb mittlerweile sogar eine lange Warteliste. "Menschen bekommen erst bis zu einem Jahr später einen Termin für das Erstgespräch ihrer Transitionsbegleitung", sagt er. Beim neuen Studienprojekt wurde zusätzliches medizinisches Personal eingestellt – es gibt deshalb kaum Wartezeiten: "Es kann eine große psychische Belastung sein, lange auf eine Transitionsbegleitung warten zu müssen."

„Ich war oft den halben Tag unterwegs, besonders wenn ein Zug ausfiel oder sich verspätete.“
Julian

Julian kennt das: "Es ist allgemein schon schwer, eine passende Psychotherapie zu finden, insbesondere Therapeuten, die Erfahrung mit trans Menschen haben." Letztendlich bekam er einen Platz in einer Praxis in Würzburg – der Weg kostete ihn wöchentlich jeweils eine Stunde hin und zurück. Die Praxis, in der er seine Hormonbehandlung begann, war in Erlangen. Er musste also pendeln und war oftmals drei Stunden für ein kurzes Gespräch unterwegs. "Selbst wenn ich nur eine Frage zu Hormonblockern hatte, musste ich zur Sprechstunde", erzählt Julian. "Ich war oft den halben Tag unterwegs, besonders wenn ein Zug ausfiel oder sich verspätete."

Gerd Jansen ist niedergelassener Gynäkologe und Sexualmediziner in Olching, einer kleinen Stadt in Oberbayern, und ist Mitbegründer von HomeDoc, einem verschlüsselten Programm für Video-Sprechstunden. Jansen behandelt schon lange trans Personen und sieht in der Telemedizin eine ideale Ergänzung der medizinischen Behandlungen dieser Zielgruppe: "Viele meiner Patientinnen und Patienten haben eine weite Anreise, weil es in ihrer nächsten Nähe keine Praxis gibt, die ihnen weiterhelfen kann."

Erstgespräche, Befund- und Nachbesprechungen seien laut Jansen ohne Probleme über Videocall möglich: "Während der Hormonbehandlung kann ich dabei sogar die Laborbefunde im Screenshare-Modus besprechen." So entlasten Videosprechstunden laut Jansen nicht nur Patient*innen, sondern sorgen auch für leerere Wartezimmer. Seit der Coronakrise dürfen Ärztinnen und Ärzte in den meisten Bundesländern auch neue Patientinnen telemedizinisch behandeln, vorher war dies nur nach einem persönlichen Erstgespräch möglich. Online-Sprechstunden können mittlerweile auch uneingeschränkt abgerechnet werden, vorher durften Ärztinnen lediglich 20 Prozent ihrer Patienten online beraten. Patientenschützer befürchten, dass Ärztinnen und Ärzte aufgrund der technischen Möglichkeiten vermehrt auf Hausbesuche verzichten und der persönliche Kontakt dadurch verloren gehen könnte (Tagesschau).

(Bild: picture alliance/Fabian Strauch/dpa)

"Das Problem ist, dass viele Ärztinnen und Ärzte und ihr Praxispersonal verunsichert sind, wenn eine trans Person zur Behandlung kommt", sagt Gerd Jansen. Die Unsicherheit drücke sich in Blicken und Zurückhaltung aus, das Personal wisse außerdem nicht, wie es die Personen ansprechen soll. In seiner Praxis läuft das anders ab. Hier werden trans Personen von seinen Mitarbeiterinnen immer gefragt, wie sie angesprochen werden möchten – und zwar unabhängig vom Personenstand. „Wenn die Namensänderung noch nicht durch ist, vermerken wir uns den richtigen Namen des Patienten oder der Patientin."

"Ich gehe wirklich nur dann in eine Praxis, wenn es gar nicht mehr anders geht", erzählt Julian. Bei jedem einzelnen Termin stelle der Hausarzt oder die -ärztin unangenehme Fragen, die nichts mit der Behandlung zu tun haben, manche wollen ihn erst gar nicht behandeln. Videosprechstunden könnten für trans Menschen also auch bei kleineren Probleme und kurzen medizinischen Besprechungen nützlich sein. Julian sieht aber vor allem in den Vorgesprächen geschlechtsangleichender Operationen großes Potential und eine Entlastung für trans Menschen: "Es ist nicht notwendig, sich persönlich gegenüber zu sitzen, wenn lediglich Operationsmethoden erklärt werden", sagt er. "Wenn es während meiner Transition telemedizinische Angebote gegeben hätte, wäre eine große Last von mir gefallen."


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