Bild: dpa / Kerstin Joensson
Sie sei auch nicht Mitglied des NSU gewesen.

Beate Zschäpe hat sich heute, am 249. Verhandlungstag, zum ersten Mal im NSU Prozess geäußert. Ihr Verteidiger Mathias Grasel hat ihre Aussage verlesen, sie umfasst 53 Seiten.

Die 40-jährige Zschäpe soll als Teil des Neonazi-Terrornetzwerks Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) beteiligt gewesen sein. Die Bundesanwaltschaft klagt sie unter anderem wegen zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 Raubüberfällen als Mittäterin an. Bei den Anschlägen starben vor allem türkischstämmige Unternehmer in ganz Deutschland. Zu dem Trio gehörten zudem Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt.

Als sie den Saal betrat, lächelte Zschäpe mehrfach. Heute setzte sie sich nicht mit dem Rücken zu den Kameras – so hatte sie es bisher immer getan.

Verteidiger Grasel liest vor
  • Kindheit: Zschäpe berichtet davon, wie sie in der DDR, in Jena, aufgewachsen ist. Sie habe Alkoholprobleme gehabt und sich oft mit ihrer Mutter gestritten. Weil sie von ihrer Mutter wenig Geld bekommen habe, habe sie sich an kleineren Diebstählen beteiligen müssen.
  • Liebe: Zschäpe habe sich zuerst in Mundlos verliebt. Dann habe sie an ihrem 19. Geburtstag Böhnhardt kennengelernt. Sie habe sich in ihn verliebt, obwohl sie noch mit Mundlos zusammen war. Kurz nach Mundlos' Wehrdienst habe das Paar sich getrennt. Anschließend sei Zschäpe mit Böhnhardt zusammengekommen. Dadurch habe sie auch mehr Kontakt zu Böhnhardts Freunden gehabt, die seien nationalistischer eingestellt gewesen als Mundlos’ Freunde. Zschäpe lässt aussagen, sie habe viel aus Liebe zu Böhnhardt getan.
  • Erstes Geständnis: Sie habe vom ersten Raubüberfall auf einen Supermarkt in Chemnitz gewusst. Sie sei aber weder an der Vorbereitung noch an der Durchführung beteiligt gewesen.
  • Banküberfall: Ende 1998 sind Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos untergetaucht. Sie hätten in ständiger Angst gelebt, entdeckt zu werden. Als ihnen das Geld ausging, habe Böhnhardt vorgeschlagen, einen Bankraub in Chemnitz zu begehen. Zschäpe habe zu viel Angst gehabt, sich daran zu beteiligen. "Sie wollten mich ganz bewusst nicht dabei haben."
  • Erster Mord: Zschäpe bestreitet die Beteiligung am ersten Mord des NSU. Sie habe erst drei Monate danach davon erfahren, verliest Grasel, sie kenne auch das Motiv nicht. Sie habe Mundlos und Böhnhardt erklärt, dass sie sich der Polizei stellen wolle. Die beiden hätten darauf mit Selbstmord gedroht.
  • Kölner Bombenanschlag: Auch an dem Attentat auf ein Lebensmittelgeschäft im Januar 2001 sei Zschäpe nicht beteiligt gewesen. Bei dem Bombenanschlag wurde die 19-jährige Tochter des Inhabers schwer verletzt. Böhnhardt habe in dem Geschäft einen Korb mit dem Sprengsatz deponiert, Mundlos habe vor dem Geschäft gewartet. Zschäpe habe auch nicht mitbekommen, wie Böhnhardt die Bombe gebaut hat. Danach habe Zschäpe resigniert und keine Chance mehr gesehen, ins bürgerliche Leben zurückzukehren: "Die beiden brauchten mich nicht. Ich brauchte sie."
  • Mordserie: Zschäpe bestreitet, an den zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen beteiligt gewesen zu sein, die die Bundesanwaltschaft der Terrorgruppe NSU vorwirft. "Ich war weder an den Vorbereitungshandlungen noch an der Tatausführung beteiligt." Von Böhnhardts und Mundlos’ Taten habe sie erst später erfahren. "Die Kraft, mich zu trennen und mich der Justiz zu stellen, hatte ich jedoch nicht."
  • Polizistenmord: Böhnhardt und Mundlos hätten die Polizistin Michèle Kiesewetter getötet, um an deren Waffe zu kommen. Das Motiv für den Polizistenmord von Heilbronn galt bislang als unklar.
  • Zweites Geständnis: Zschäpe gibt zu, die letzte Fluchtwohnung des NSU in Zwickau in Brand gesteckt zu haben. Sie habe im November 2011 erfahren, dass ein Wohnmobil mit zwei Leichen entdeckt worden war. Sie habe sofort gewusst, dass es sich um Böhnhardt und Mundlos handele. Vor der Brandstiftung habe sie sichergestellt, dass sich niemand mehr im Haus befinde.
  • NSU: Zschäpe lässt aussagen, sie habe sich nie als Mitglied des Nationalsozialistischen Untergrunds gesehen. Uwe Mundlos habe den Namen NSU erfunden.
  • Ende der Erklärung: "Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer." Die NSU-Morde seien "von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangene Straftaten". Sie selbst fühle sich moralisch schuldig.

Der Verteidiger Mathias Grasel trug die 53 Seiten in "Ich"-Form, die anderen Verteidiger von Zschäpe Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm lasen mit. Sie guckten zwischendurch zum Teil recht fassungslos, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporterin Wiebke Ramm aus dem Gerichtssaal.

Nach einer Pause wird Zschäpe befragt. Sie kündigte bereits vorab an, schriftlich zu antworten.

Quellen
Hintergrund

Die Mord- und Anschlagsserie des NSU ist der größte Skandal, den sich die deutschen Sicherheitsbehörden in den vergangenen Jahren geleistet haben. Jahrelang konnte das Trio von den Behörden unentdeckt Menschen töten, die Verfassungsschutzbehörden verschiedener Bundesländer leisteten sich unzählige Pannen.

Sie tappten jahrelang im Dunkeln, obwohl sie immer wieder im NSU-Umfeld ermittelten und dort mehrere V-Leute installierten, quasi verdeckte Ermittler, die aber nicht dauerhaft für die Behörde arbeiten.

Warum sagt Zschäpe jetzt aus?

Die Angeklagte hat schon länger angedeutet, dass sie nicht den gesamten Prozess lang schweigen will. Auf Anraten ihrer bisherigen Anwälte hatte Zschäpe aber bis jetzt nicht ausgesagt, darunter nach Aussagen ihres Psychiaters aber zunehmend gelitten. Nachdem sie beantragt hatte, dass ihre Anwälte entlassen werden und nun zusätzlich von dem Anwalt Mathias Grasel vertreten wird, ändert dieser nun offenbar die Verteidigungsstrategie.

Bislang musste sich Zschäpe belastende Aussagen anhören, ohne widersprechen zu können. Neben dem psychischen Stress, den das bei ihr verursachte, hofft sie wohl auch darauf, mit einer leichteren Strafe davonzukommen.

Zschäpe ist wohl die einzige lebende Person, die noch präzise Informationen zu möglichen weiteren Helfern und Kontakten des NSU zu den deutschen Sicherheitsbehörden geben kann. Wenn sie bei der Aufklärung der Verbrechen kooperiert, vermeidet sie womöglich, für den Rest ihres Lebens im Gefängnis sitzen zu müssen.