Bild: Jordi Pizarro

13 Jahre ist es her, dass ein islamistischer Terrorangriff Spanien erschütterte. Anhänger des Terrornetzwerkes Al-Qaida hatten 2004 einen Anschlag in Madrid verübt. 

Nun ist die Gewalt zurück. Am Donnerstagabend fuhr ein Lieferwagen in eine Menschenmenge in Barcelona. Bei dem Anschlag auf der bei Touristen beliebten Flaniermeile La Rambla sind mindestens 13 Menschen getötet worden, etwa Hundert wurden verletzt. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) bekannte sich noch in der Nacht zu der Gewalttat.

(Hier findest du bei bento eine Übersicht mit den aktuellen Entwicklungen.)

Spanien hatte nach 2004 ein strenges Sicherheitskonzept gestartet. Wieso ist der islamistische Terror nun zurück?

1.

Welche Sicherheitsmaßnahmen hat Spanien ergriffen?

Am 11. März 2004 erlebte Spanien den bislang schwersten islamistischen Terroranschlag auf europäischem Boden. Anhänger des Terrornetzwerks Al-Qaida platzierten insgesamt zehn Bomben in mehreren Zügen in Madrid, zur Pendlerzeit am frühen Morgen. 191 Menschen kamen damals ums Leben, mehr als 2000 wurden verletzt. (Tagesschau)

Die Regierung schnürte daraufhin ein umfangreiches Sicherheitspaket, um das Land besser vor Terroristen zu schützen: 

  • Ein gemeinsames Terrorabwehrzentrum (das CNCA) wurde als Sofortmaßnahme eingerichtet. Es koordiniert landesweit die Extremismusbekämpfung und arbeitet nach britischem und amerikanischen Vorbild und trägt auch internationale Geheimdiensterkenntnisse zusammen. Ein ähnliches, wenn auch nicht so umfangreiches Modell existiert in Deutschland mit dem GTAZ (bento).
  • Radikalisierung soll bereits im Keim erstickt werden; das spanische Gesetz stellte ab 2004 Hassbotschaften und Diskriminierung unter harte Strafen (Human Rights Watch). 
  • Die spanischen Behörden arbeiteten proaktiv: Zwischen März 2004 und Februar 2016 wurden laut der Nachrichtenagentur AP 600 mutmaßliche Islamisten festgenommen, mehrere Terrorzellen wurden ausgehoben. 

2015 regte Spaniens Innenminister Jorge Fernández Diaz zudem eine gemeinsame Passagier-Datenbank für Europa an. Viele Menschen würden sich innerhalb der EU frei bewegen, mit besseren Kontrollen könne verhindert werden, dass sich "Dschihad-Touristen" das zunutze machen können, um sich zwischen dem Nahen Osten und Europa zu bewegen.

So entstand die IS-Miliz:
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2.

Wie hat sich der Extremismus im Land entwickelt?

Die Sicherheitsmaßnahmen haben Anschläge lange Zeit verhindert und viele Terrorzellen ausgetrocknet. Sowohl islamistische wie auch linksradikale. 

Vor allem die ETA wurde aktiv bekämpft, eine linksextreme Untergrundorganisation, die für die Unabhängigkeit des Baskenlandes in Nordspanien kämpfte. Zwischen 2004 und 2016 wurden etwa 700 ETA-Terroristen festgenommen. Zuletzt hatten ETA-Terroristen bei einem Bombenanschlag im Juli 2009 zwei Menschen auf Mallorca getötet (Die Zeit). 

Seit den 60ern sind bei Anschlägen der ETA mehr als 825 Menschen ums Leben gekommen. Mittlerweile haben die Terroristen einen Waffenstillstand mit der spanischen Regierung ausgehandelt und begonnen, ihre Waffen abzugeben (BBC).

Die islamistische Szene hat sich hingegen nach einer Ruhephase erneut gesammelt. In einem vom Verteidigungsministerium in Auftrag gegebenen Bericht aus dem Jahr 2012 heißt es, der radikale Islam sei wieder auf dem Vormarsch. Vor allem radikale Salafisten würden um Kämpfer werben. Vor allem die ökonomische Krise, die Spanien ab 2010 erschütterte und viele junge Erwachsene in die Arbeitslosigkeit führte, hätten radikale Prediger genutzt.

Was sind Salafisten?

Der Begriff kommt aus der Anfangszeit des Islam und beschreibt die ersten Anhänger des Propheten Muhammad. Heute versteht man darunter strenggläubige Muslime – und auch Radikale, die den Islam politisch durchsetzen wollen.

In Deutschland gibt es laut Verfassungsschutz etwa 8350 Salafisten. Rund 680 von ihnen sind als "Gefährder" eingestuft. Das bedeutet, dass ihnen Gewalttaten zugetraut werden (Stand Juni 2017).

Auffällig laut dem Bericht: Das einst große Terrornetzwerk Al-Qaida operiert kaum noch in Spanien, stattdessen kleinere Gruppen wie die aus Ägypten stammende Takfir wal-Hijra, und die marokkanische Bewegung Al-Adl wa-l-Ihsan. Mit dem Aufstieg des IS wurden zudem spanische Dschihadisten motiviert, sich der Miliz in Syrien anzuschließen.

Der amerikanische Think Tank Soufan Group geht davon aus, dass allein bis Ende 2015 um die 250 Islamisten aus Spanien nach Syrien und in den Irak reisten.

3.

Wieso konnte trotz der Sicherheitsvorkehrungen ein Anschlag gelingen?

Weil sich die Methode der Islamisten in den vergangenen Jahren stark gewandelt hat: 

  • Klassische Netzwerke wie Al-Qaida planten ihre Anschläge umfangreich und waren gut vernetzt. Es gab klare Befehle von oben nach unten, die Führung suchte ihre Attentäter.
  • Moderne Gruppen wie der IS funktionieren hingegen viel unabhängiger. Die Vernetzung funktioniert an vielen Stellen genau umgekehrt – der Täter plant einen Anschlag und sucht die Nähe zur IS-Führung.

Junge Muslime, die sich radikalisieren, fühlen sich durch die Propaganda des IS motiviert. In Online-Magazinen und Audiobotschaften empfiehlt die Miliz sogenannte Low-Cost-Anschläge, also Attentate, die ohne großen Aufwand durchgeführt werden können (bento). Täter sollen sich ein Messer besorgen (wie jüngst in Hamburg) oder eben ein Auto mieten. Enge Absprachen, die von Geheimdiensten abgehört werden können, braucht es nicht. 

4.

Warum suchen sich Islamisten ausgerechnet Spanien als Ziel?

Dschihadisten beanspruchen Spanien historisch für sich. Teile der Iberischen Halbinsel waren bis 1492 von Muslimen besetzt. Sie nannten das Land "Al-Andalus", daraus ging das heutige Andalusien hervor.

Islamisten wollen also "Andalus" zurückerobern, Anschläge in Spanien gelten daher als besonders verdienstvoll (Memri). Sie träumen von einem islamischen Großreich, das an die historischen Grenzen angelehnt ist. Der IS selbst verbreitet regelmäßig Karten, wie weit sein angeblicher "Staat" eines Tages reichen soll: 

Tatsächlich war die Miliz ab Sommer 2014 lediglich in Besitz mehrerer Städte in Syrien und dem Irak und kontrollierte die Wüstenfläche dazwischen. Heute sind die Dschahadisten weit zurückgedrängt.

Ein weiterer Grund: Spanien ist ein beliebtes Reiseland. Und Barcelona – speziell die Rambla – eine Touristenhochburg. Auch in Nizza, Berlin und London steuerten Islamisten ihre Fahrzeuge über Flaniermeilen, die von vielen Touristen besucht werden.

An solch öffentlichen und viel besuchten Orten multipliziert sich die Angst – so die perfide Hoffnung der Terroristen. Die IS-Anhänger richten ihren Kampf gegen eine offene, liberale Gesellschaft. 

Im Fokus stehen dabei keine Einzelnen – sondern alle Europäer. 

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