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Seine Familie spricht von einem Justizskandal.

An einem trüben Februar-Dienstag vor einer Woche steigt Robin F. in Kiel in einen Zug und kommt einfach nicht wieder. Der 23-jährige Azubi soll vor dem Landgericht Bamberg über eine Schlägerei vor zwei Jahren aussagen. Robin war nur Zeuge, alles sollte ganz schnell gehen. "Abends wollte er zurück sein, am nächsten Tag waren wir zum Valentinstags-Essen verabredet", erzählt seine Freundin Ebba bento am Telefon.

Doch es kam anders. Vor Gericht wird Robin plötzlich vom Zeugen zum Beschuldigten. Der Staatsanwalt lässt ihn noch im Saal festnehmen - wegen des Verdachts der Falschaussage. Über eine Woche sitzt Robin in U-Haft, bevor er wieder freikommt, obwohl er immer noch verdächtigt wird. Seine Familie spricht von einem Justizskandal.

Um zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, muss man fast zwei Jahre zurückgehen: In einer Nacht im Juli 2017 geraten in der Sandstraße, der bekannten Kneipenstraße in Bambergs verwinkelter Altstadt, vier junge Männer aneinander. Es war eine warme Sommernacht, alle Beteiligten hatten getrunken – genau wie die vielen herumstehenden Menschen. Der Streit zwischen den vier jungen Männern eskaliert. Und am Ende ist einer von ihnen fast tot. Trotz der vielen Zeugen ist der Fall bis heute nicht aufgeklärt. Die Staatsanwaltschaft behauptet: wegen ihnen. 

Sie nimmt im Laufe des Prozesses Robin und vier weitere Zeugen fest und spricht von einer "einzigartigen Mauer des Schweigens". Robin wirft sie vor, bewusst falsche Angaben gemacht und sich möglicherweise mit anderen Zeugen abgesprochen zu haben. Deshalb musste er in U-Haft. Es ist die Rede von Verdunkelungsgefahr, Robin könne außerdem untertauchen. 

Seine Familie und Freunde in Kiel sagen, diese Behauptung sei unsinnig. Robin sei damals zum allerersten Mal in Bamberg gewesen, habe keinen der Beteiligten gekannt und sich später freiwillig als Zeuge gemeldet. 

Robin ist fast fertig mit seiner Ausbildung zum Koch, er macht Musik, hört gerne Rap, seit zwei Wochen besitzen er und seine Freundin Ebba, 22, einen kleinen Schrebergarten. Warum sollte so einer jetzt lügen oder abhauen?

Für Robins Umfeld ist die Geschichte deshalb ein Justizskandal. Tagelang versuchen Freunde und Familie, auf den Fall aufmerksam zu machen. Bald hatten sie sich abgesprochen:

  • Robins Mutter kümmert sich um klassische Medien, 
  • sein Bruder betreibt eine Facebookseite, 
  • Robins Freundin Ebba trommelt auf Instagram für seine Freilassung. Hashtag #freerob. 
  • Die WG des 23-Jährigen organisierte am Dienstag eine spontane Kundgebung in Kiel. 

In der Zwischenzeit hatte sich sogar Schleswig-Holsteins ehemaliger Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) in den Fall eingeschaltet. Auch er wollte Robin helfen. Genau wie die örtliche Antifa, für die er zum Symbol der angeblichen Willkür in Bayern geworden ist. 

Der vorläufige Höhepunkt ist erreicht, als Robins Anwalt in der Lokalpresse von "Deniz-Yücel-Verhältnissen" spricht. Bald berichten auch der Bayerische Rundfunk und das Sat-1-Frühstücksfernsehen. Seine Mutter vergleicht den Fall mit einer Entführung, Boulevardzeitungen schalten sich ein.

(Bild: Screenshot/Instagram)

Doch geht es hier noch um die verständliche Angst einer Familie oder ist alles schon längst eine Kampagne geworden, nur weil sich ein paar Menschen nicht vorstellen können, dass auch freundliche junge Männer möglicherweise Straftaten begehen?

Das ist tagelang kaum zu durchschauen. Wie der ganze Fall.

Robin, so erzählt seine Mutter heute, sei nur auf der Durchreise in Bamberg gewesen, eigentlich wollte er mit seinem VW-Bus zu Freunden in den Italien-Urlaub. Den gelben Bulli T3 hatte er zuvor selbst ausgebaut. Der Zwischenstopp bei der Ex-Freundin eines Kieler Kumpels lag einfach auf halber Strecke.

Robin und die junge Frau kannten sich kaum. Sie gingen zusammen aus, unterwegs trafen sie noch ein paar Freunde von ihr. Irgendwann standen sie mit anderen junge Leute auf dem kleinen gepflasterten Platz an der Sandstraße. Die Kneipen hatten schon geschlossen. Die meisten waren betrunken.

Am frühen Morgen kam es zum Streit. Plötzlich standen sich vier junge Männer gegenüber. Zwei gegen zwei. Manche Zeugen sagen, die beiden späteren Opfer hätten einige junge Frauen auf dem Platz "blöd angemacht". Es sollen Beleidigungen gefallen sein, eine Frau wurde offenbar gefragt, wie viel der Sex mit ihr koste. Ob es wirklich so war, ist unklar. Sicher ist nur, dass es irgendwann eskalierte.

(Bild: dpa)

Eines der Opfer kam mit Fausthieben davon, sein Begleiter hatte weniger Glück. 

Der 36-jährige Christian K. stürzte mit voller Wucht zu Boden und erlitt einen Schädelbasisbruch. Bilder vom Tatort zeigen ihn in einer Blutlache liegend.

Vier Wochen lang lag Christian K. im Wachkoma. Zeitweise schwebte er in Lebensgefahr, er erhielt eine künstliche Schädeldecke. Noch heute fehlt ihm der Geruchssinn, er hört nur noch auf einem Ohr, schläft schlecht und sagt, er sei nicht mehr derselbe wie vor der Tat.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, der Angriff auf ihn sei gezielt erfolgt. In der Bamberger Lokalpresse ist von einem "Bodycheck" die Rede. Der Bodycheck ist eigentlich ein Eishockey-Angriff, bei dem es darum geht, den Gegner mit hartem Körpereinsatz zu Fall zu bringen. Im Eishockey tragen alle Beteiligten Helme, Mundschutz und gepanzerte Kleidung. In Bamberg trugen die meisten T-Shirts. 

Doch dass es den Bodycheck und angebliche Tritte wirklich gab, konnte bislang kein Zeuge bestätigen. Niemand von ihnen will etwas gesehen haben, die beiden Opfer können sich nicht erinnern, die beiden Tatverdächtigen schildern das Geschehen unterschiedlich. Ein Sachverständiger sagte im Prozess, die Verletzungen von Christian K. könnten auch nur durch den Sturz erfolgt sein. Die Bilder einer Videokamera zeigen rund um den Tatort viele junge Menschen, auch Robin ist darunter. Doch die Tat selbst ist nicht zu sehen. Wer in dieser Nacht wann wo stand, wissen vor Gericht angeblich nur noch die wenigsten Zeugen. Auch Robin behauptet in seiner Vernehmung, er könne sich nicht erinnern.

Nach fast zwei Jahren sieht es so aus, als könnte die Tat im Morgengrauen vielleicht nie ganz aufgeklärt werden – es sei denn, es taucht noch ein Belastungszeuge auf, der alles eindeutig erklärt. 

Niemand behauptet, dass Robin etwas mit der Gewalt zu tun hatte, auch nicht die Staatsanwaltschaft. Die beiden mutmaßlichen Täter haben ihre Verantwortung im Grundsatz zugegeben. Doch die Ermittler glauben, der Hauptangeklagte habe den Tod von Christian K. mutwillig in Kauf genommen. In der Anklage ist von versuchtem Totschlag die Rede.

Doch dafür fehlt es bislang noch an eindeutigen Beweisen. Greift die Staatsanwaltschaft deshalb so hart durch? Oder hält eine Gruppe junger Menschen aus ungeklärten Gründen dicht?

Die Verhaftung von Zeugen direkt nach vermeintlichen Falschaussagen im Gerichtssaal ist umstritten. Staatsanwälte sagen, das harte Vorgehen sei nötig, um klarzumachen, dass Zeugen der Wahrheit verpflichtet sind. Kritiker sprechen dagegen von einer Machtdemonstration, manche halten das Konzept sogar für "pädagogische Gerichtsfolklore", schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Ungewöhnlich ist auf jeden Fall die hohe Zahl der Beteiligten im Bamberger Prozess. Neben Robin wurden auch seine Bekannte und bislang noch drei weitere Zeugen zeitweise festgenommen. Nach der Festnahme sprach Robins Anwalt von "Beugehaft" gegen seinen Mandanten – was die Staatsanwaltschaft empört zurückwies. 

Wem kann man glauben? 

Es geht um die Aufklärung eines Falles, der innerhalb weniger Sekunden das Leben vieler junger Menschen veränderte. Der Druck auf alle Beteiligten ist groß. Die Angehörigen der beiden Opfer fordern endlich Gerechtigkeit. Selbst Robins Freundin sagt am Telefon: 

„Ich würde verrückt werden, wenn meiner Familie so etwas zustößt und zwei Jahre lang nichts passiert.“
Ebba,22, Robins Freundin

Sie klingt dabei, als würde sie weinen.

Die Staatsanwaltschaft verteidigt ihr Vorgehen auch mit dem Hinweis, dass ein weiterer Zeuge bereits wegen seiner Aussage im Prozess rechtskräftigt verurteilt wurde. Er hatte falsche Beschuldigungen gemacht. Doch reicht das, um die anderen Zeugen ebenfalls zu verdächtigen? Oder war es nur ein Einzelfall?

Nachdem die Staatsanwaltschaft tagelang nicht erklärt, wie sie den Verdacht begründet, geht es am Donnerstag dieser Woche plötzlich ganz schnell. Es ist Robins achter Tag in U-Haft. Auf einmal kommen er und seine Bekannte unter strengen Auflagen doch frei. Die Zeugen dürfen nicht miteinander kommunizieren, aber sie dürfen nach Hause.

Fast zeitgleich teilen die Ermittler mit, dass ihnen Whatsapp-Protokolle vorlägen, die ihren Verdacht bestätigen würden. Mehrere Zeugen hätten sich vor dem Prozess abgesprochen, was zu sagen sei und was nicht. Ob Robin davon wusste, bleibt unklar. 

Wieder einmal wirft der Fall neue Fragen auf. War das harte Vorgehen gegen den 23-Jährigen und die anderen Zeugen wirklich notwendig, um den Fall aufzuklären? Warum durften sie nicht gleich unter Auflagen nach Hause fahren? 

Der eigentliche Fall, bei dem ein Mensch fast starb, gerät bei der ganzen Diskussion und den vielen Berichten über Robins Schicksal fast in Vergessenheit.

Anmerkung: In einer ersten Version stand in der Überschrift, dass Robin zwei Wochen in U-Haft gesessen habe. Es waren acht Tage. Wir haben den Fehler korrigiert.


Art

Warum diese Frau Nazi-Uniform trägt
Eine schwarze Sängerin steht auf Nazikram, findet das aber nicht politisch. Ist das okay?

Jadu kommt in Uniform. Natürlich. Eigentlich wollten wir sie am nachgebauten Führerbunker in Berlin treffen, ihr Management legte das Treffen aber lieber in ein Kreuzberger Café namens "Tante Emma". Sonst ist die Sängerin eigentlich nicht so zurückhaltend mit Anspielungen auf die Nazizeit: Jadu, 30, trägt in ihren Videos gern eine SS-Uniform und singt auf ihrem Debütalbum "Nachricht vom Feind" eine liebevolle Ode an Adolf Hitler - aus der Perspektive von Eva Braun. Und deswegen sollte dieser Text hier zu Ende sein. Wäre die Künstlerin nicht: schwarz.

Sofort stellen sich Fragen: Meint die das ernst oder ist das Satire? Darf die das? Wo ist der doppelte Boden? Steckt Böhmermann dahinter

Wenn Liedermacher Andreas Gabalier in seinen Liedern Nazi-Symbole verwendet, ist das zumindest problematisch (bento). Was Jadu macht, ist eindeutig einige Nummern größer. Und verwirrender.

Ihre Songs heißen "Blitzkrieg" und "Sirenen und Wagner", darin geht es um Gewalt in Beziehungen oder eben um Eva Brauns Liebe zu Adolf Hitler. Jadu hat drei Jahre gebraucht, um ihr Album rauszubringen. Mehrere Plattenfirmen lehnten ab. (Stern)