Bild: Greg Doherty/Getty Images
Die Geschichte über Aziz Ansari wirft die Frage auf, auf welche Weisen man "Nein" sagen kann

Aziz Ansari ist vielen Menschen bekannt als lustiger Typ, zum Beispiel aus seinen Comedy-Programmen und der Netflix-Serie "Master of None". Darin spielt er einen Schauspieler auf der Suche nach Erfolg und Liebe in New York. Für die zweite Staffel gewann Ansari kürzlich einen Golden Globe. Auf der Verleihung trug er einen "Time's up"-Anstecker an seinem Sakko, als Zeichen dafür, dass er den Kampf gegen sexuelle Belästigung von Frauen unterstützt. 

Man kennt ihn außerdem als Romantiker und Dating-Pro, als jemanden, der sich Gedanken über die Liebe macht: In seinem Buch "Modern Romance" berichtet er von eigenen Dating-Misserfolgen und befragte tausende Menschen, auf welchem Weg sie die Liebe fürs Leben finden. (bento)

Neuerdings wird ihm aber eine ganz andere Rolle zugeschrieben: die des belästigenden Mannes.

Was ist passiert?

Ein Online-Magazin für Frauen, "Babe", veröffentlichte am Wochenende einen Text, in dem eine anonyme Frau – Grace genannt – von einem Date mit dem Schauspieler erzählt. Sie sei, 23, Fotografin, und habe ihn 2017 bei der After-Party der Emmy-Verleihung angesprochen. Sie hätten beide die gleiche Kamera dabei gehabt, seien ins Gespräch gekommen und hätten Nummern ausgetauscht.

Einige Zeit später hätten sie sich getroffen. Nach dem Essen sei sie mit zu ihm nach Hause gegangen. Dann sei alles ganz schnell gegangen. Plötzlich, schreibt sie, habe er sie geküsst, sie ausgezogen, sich ausgezogen. Minuten nach ihrem ersten Kuss habe er ein Kondom holen wollen. Sie schreibt, sie habe so etwas wie: "Hey, lass uns das langsam angehen, lass uns kurz entspannen", gesagt.

Er habe sie weiter geküsst, es sei zum beiderseitigen Oralsex gekommen.

Der Rest der Geschichte ist ein stetes Hin- und Her: Zwischen Ansari, der sie immer wieder geküsst und gedrängt haben soll – und ihr, die versucht haben soll, ihm zu zeigen, dass sie das eigentlich gerade nicht will. Sie schreibt:

"Mein Unbehagen habe ich hauptsächlich ausgedrückt, indem ich zurückwich oder etwas murmelte. Ich weiß, dass ich meine Hand irgendwann einfach nicht mehr bewegte."
Mehr bento-Beiträge über #Metoo:
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Ob Ansari ihre Hinweise einfach ignoriert habe oder wirklich nicht wahrgenommen habe, könne sie selbst nicht sagen.
  • Er soll gefragt haben, ob sie Sex mit ihm haben wolle, ihre Antwort sei "nächstes Mal" gewesen. Er soll geantwortet haben "Wenn ich dir ein zweites Glas Wein einschenke, zählt das als ein zweites Date?"
  • Sie habe gesagt "Ich will mich nicht gezwungen fühlen, weil ich dich dann hassen werde und ich will dich nicht hassen", er habe geantwortet: "Natürlich. Es ist nur Spaß, wenn wir beide Spaß haben. Lass uns auf dem Sofa chillen." Dann habe er auf seinen Schoß gedeutet und ihr mit Gesten zu verstehen gegeben, dass sie ihm einen blasen soll.
  • Irgendwann habe sie ihm erneut zu verstehen gegeben: "Ich bin nicht bereit dafür" und er habe geantwortet: "Lass uns rumhängen, diesmal mit Klamotten an." Sie hätten sich auf das Sofa gesetzt, er habe den Fernseher angeschaltet. Dann habe er wieder begonnen, sie zu küssen und seine Finger in Mund und Hose zu schieben. 

Auf dem Weg nach Hause sei Grace in Tränen ausgebrochen. Am nächsten Tag habe Ansari ihr eine Nachricht geschrieben: "Es hat Spaß gemacht, dich gestern Abend zu treffen". Sie habe geantwortet: 

"Du hattest vielleicht Spaß gestern Abend, aber ich nicht. Als wir zurück in deine Wohnung kamen, hast du deutliche non-verbalen Hinweise von mir ignoriert und weiter Annäherungsversuche gemacht. Du musst gemerkt haben, dass mir das unangenehm war. Ich möchte diesen Moment nur nutzen, um dir zu sagen, wie unwohl ich mich durch dein Verhalten gefühlt habe. Denk ganz genau zurück. Du hast vielleicht gesagt "Es ist okay, es macht nur Spaß, wenn wir beide Spaß haben, lass uns chillen", aber im nächsten Moment waren deine Finger in meinem Hals. Du hast meine Hand kontinuierlich auf deinen Schwanz gelegt. Sogar als ich sagte, dass ich es langsam angehen wolle, hat sich nichts geändert. Es hat vielleicht okay gewirkt. Aber ich habe mich überhaupt nicht gut dabei gefühlt. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht und gemerkt, wie sehr mich das alles getroffen hat."

Ansari habe selbst auf ihre Nachricht geantwortet: "Offensichtlich habe ich die Situation falsch interpretiert. Das tut mir sehr leid." Gegenüber "babe" bestätigte er den Kontakt zu Grace und sagte: "Wir gingen gemeinsam Essen und später hatten wir sexuellen Kontakt, der nach allen Indikatoren vollkommen einvernehmlich war." Er habe sich die Worte aus Grace' Nachricht aber zu Herzen genommen.

Auf den ersten Blick passt die Geschichte zum Strom der Anschuldigungen aus Hollywood und dem Rest der Welt: Unter dem Hashtag #Metoo berichten Frauen von ihren Erfahrungen mit Sexismus und sexuellen Übergriffen. Ausgelöst wurde die Debatte von einer Recherche der New York Times, die berichtet hatte, dass der Filmproduzent Harvey Weinstein jahrzehntelang Frauen belästigt haben soll. 

Seit die Geschichte über Grace und Aziz Ansari online ging, streiten sich Nutzer in den sozialen Medien allerdings darüber, ob sie überhaupt in die Kategorie "Belästigung" gehöre, oder ob es sich um Voyeurismus und Rufmord handele – und damit genau das sei, was die #Metoo-Debatte nicht brauche: das Skandalisieren ganz normaler Verhaltensweisen zwischen zwei Menschen, die aneinander interessiert sind.

Andere finden, die Geschichte sei ein guter Indikator dafür, ob jemand sexuelle Belästigung lediglich als juristisches Problem verstehe, oder ob er die allgemeine Kultur von Sex und Dating verbessern wolle: 

Und genau deswegen liegt in dieser Geschichte, so sie denn wahr ist, die ganze Komplexität von #Metoo. Weil sie die schwierigste aller Fragen aufwirft: Wann ist Sex erkennbar einvernehmlich – und wann nicht?

Denn Grace ist nach eigenen Angaben freiwillig in Ansaris Wohnung gegangen, hat ihm einen geblasen und ist  zunächst nicht gegangen – trotz mehrfacher Versuche, sie zum Sex zu überreden. Trotzdem habe sie sich im Nachhinein schlecht gefühlt, schreibt sie. Hätte Ansari ihre Ablehnung, die sie beschreibt, erkennen können und müssen? Oder hätte sie deutlicher sein müssen?

In der vergangenen Woche forderten hunderte Französinnen in einem offenen Brief mehr Eigenverantwortung von Frauen. Sie forderten Frauen auf, deutlicher "Nein" zu sagen, statt sich selbst zu Opfern zu stilisieren:

In Schweden etwa hat sich die gegenläufige Meinung durchgesetzt: Ein geplantes Gesetz soll einem deutlicheren "Ja" mehr Bedeutung geben, als einem deutlichen Nein. (bento)

Dafür spräche vieles aus der Geschichte von Grace und Ansari. 

Denn "Eigentlich will ich das nicht", wie Grace gesagt haben soll, ist kein "Ja". Wenn die andere Person trotzdem drängt, dann ist das demnach nicht einvernehmlich. 

Warum sie bleibt, ist dennoch eine legitime Frage. Grace sagt, sie sei vermutlich geschockt gewesen, weil das Bild, das sie von Ansari habe, so gar nicht mit dem Bild zusammenpasse, das er an diesem Abend von sich gezeigt habe. Deswegen habe sie wahrscheinlich nicht sofort gemerkt, was mit ihr passierte. 

Die Gründe für ihr Ausharren klingen vielleicht abstrakt und sind eventuell schwer nachzuvollziehen. Aber darum muss es bei dieser Geschichte nicht gehen. 

Bei den Golden Globes wurde Aziz Ansari als bester Schauspieler in einer Comedy-Serie ausgezeichnet. (Bild: dpa)
Wenn sie so vorgefallen ist, geht es im Kern darum, dass Zeichen immer unterschiedlich wahrgenommen werden können. 

Dass es deswegen, gerade am Anfang, wenn man eine Person neu kennenlernt, besonders sinnvoll ist, zu fragen. Und dann auch dementsprechend zu handeln. 

Und es geht darum, dass ein "Nein" viele Formen haben kann. 

Vielleicht hat er ihr "Nein" nicht verstanden, vielleicht wollte er es nicht verstehen. Wichtig ist, dass es Frauen noch immer sehr schwer zu fallen scheint, ihr Nein auch wirklich zu vertreten – vielleicht, weil sie sich nicht trauen, weil sie es nicht gelernt haben. Oder zumindest nicht so gelernt haben, "Nein" zu sagen, wie es von ihnen erwartet wird.

Denn ein "Nein" gilt für die meisten offenbar immer noch erst dann, wenn jemand mit der Faust auf den Tisch haut. 

Dabei gibt es viele Arten, "Nein" zu sagen: laute, leise, bestimmte, zaghafte. Und alle sollten genauso viel zählen wie die eskalierende, wütende Variante. 

Future

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